Be’ Teavon!

 

Deborah und Hermann Simon in die Kochtöpfe geschaut

 

Jüdischer leben: Die Rezepte
der Berliner Familie Simon können
von jedermann nachgekocht werden.
Fotos: Archiv

Kochen macht ja bekanntlich Spaß! Mir, der ich kaum mein Frühstücksei im richtigen Härte- oder besser: Weichegrad hinkriege, noch viel mehr das Zuschauen – und natürlich das Aufessen.


Deborah und Hermann Simon können das hingegen perfekt. Sie beherrschen die jüdische Küche. Beide haben aus ihren Familienrezepten, Deborah aus der böhmischen, Hermann aus der russischen und ostpreußischen, «mit in die Ehe gebracht»: Deborah konnte sich dabei auf ihre Erinnerung verlassen: «Ich stand oft neben meinem Vater, der bei uns zu Hause gekocht hat. Ich musste mir alles merken, aufgeschrieben hat er nichts!». Später habe ihr die Großmutter das eine oder andere Rezept mit der Post ge- schickt, noch nichts von dem Kochbuch ahnend. Hermann hatte es da leichter, er konnte auf die verschriftlichten Rezepte seiner Mutter zurückgreifen. Mit einem solchen kuli- narischen Schatz ausgestattet, war es den Simons im wahrsten Sinne des Wortes immer wieder ein Fest, jeden jüdischen Feiertag ein jüdisches Gericht für die Kinder und sich selbst auf den Tisch zu bringen. Fast jeden. Ganz vollständig war die Sammlung nämlich nicht und so war es den Beiden an der Zeit, ein jüdisches Rezeptbuch zu verfassen, dass sich ein ganzes jüdisches Jahr hindurch an den Feiertagen orientiert.

 

Wie viel ist ein bisschen?

  
Hermann Simon, langjähriger Direktor der Stiftung «Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum», hatte so einen Versuch schon einmal gestartet, in den 1970er Jahren, gemeinsam mit einer befreundeten Bibliothekarin. Man ging damals allerdings sehr «wissenschaftlich» vor, trug unendlich viel Material zusammen –
und kapitulierte vor der Fülle. So blieb es bei der Idee.


Auf der Suche nach neuen Themen für die Buchreihe «Jüdischen Miniaturen» im Verlagshaus Hentrich & Hentrich kam Hermann auf seine alte Idee zurück. Ehefrau Deborah war ebenso begeistert, die Arbeit mit seinem Hobby, noch dazu den großen Essensrunden unter Freunden, zu verbinden. Die Hermanns begannen, in ihrem Bekannten- und Kollegenkreis nach jüdischen Familienrezepten zu fragen. Einiges kam zusammen, in jeder nur denkbaren Form: Erzählt, aufgekritzelt, aus alten Kochbüchern gerissen oder fein säuberlich notiert.

 

Ein Rezept nachzukochen ist das eine. Doch eines aufzuschreiben, etwas ganz anderes. «Dann tust Du ein bisschen Salz dazu… eine handvoll… eine Messerspitze…» Wie viel ist «ein bisschen», wie groß «eine Hand», wie «breit» ein Messer? Für ein Rezeptbuch mussten die Maßangaben einheitlich und für jedermann verständlich sein. So haben die Hermanns ausprobiert, sich ab und zu vertan, einiges korrigiert und alle Speisen nachgekocht. «Mit der eigenen Ehefrau zu arbeiten, ist eine ganz neue Erfahrung», sagt Hermann verschmitzt.

 

Schließlich war es fertig: Das Manuskript zu «Jüdische Familienrezepte. Ein Kochbuch». Doch nicht nur jüdische Freunde sollen davon profitieren, sondern auch Nichtjuden. So ging das Manuskript an eine nichtjüdische Bekannte und kam mit der Anmerkung zurück, dass, wenn man ein Familienrezeptbuch an den jüdischen Feiertagen anlehne, diese auch erklärt werden müssten. Also schrieb Hermann Simon noch einige Erläuterungen dazu.
Zwei Jahre dauerte die Arbeit an dem Rezeptbuch für jedermann. Ob sie ein Lieblings- gericht gefunden haben? «Die gehackte Leber ist wirklich lecker!», meint Hermann. Deborah favorisiert die Mandeltorte ihrer Schwägerin.


Auch wenn viele jüdische Familien auf das kleine Bändchen zurückgreifen werden, selbst jene, die sich den Speisegesetzen verpflichtet fühlen, richtet sich das Buch explizit an eine breitere Öffentlichkeit. Auch dies ein Grund dafür, dass nicht «koschere», sondern eben «jüdische» Küche vorgestellt wird.

 

Es muss nicht koscher sein

 

Jüdische Küche müsse, so die Hermanns, nicht automatisch koscher sein. «Will ein Nichtjude unsere Familienrezepte nachkochen, kann ich ihn schlecht dazu verpflichten, sein Rindfleisch in einem koscheren Lebensmittelladen zu kaufen oder Milchiges und Fleischiges in zwei getrennten Kühlschränken aufzubewahren. Trotzdem wird er kochen können, was schon Großmutter Betti auf den Tisch brachte.»

 

Am 21. Januar um 18 Uhr werden die Simons auf einer kulinarischen Buchpräsentation in der Katholischen Akademie in der Hannoverschen Strasse 5 in 10115 Berlin-Mitte nicht nur von den Braten, Kuchen, gefillten Fischen und Schabbatbroten ihrer Familien erzählen, sondern auch allerlei Geschichten dazu. Eine telefonische Anmeldung unter (030) 28 30 950 wird erbeten sowie ein Unkostenbeitrag von 3,50 Euro erhoben. Das anschließende gemeinsame Essen mit den Zuhörern verspricht genauso spannend zu werden wie der Abend im Dezember, als mir Deborah und Hermann in ihrem Erker von dem neuen Buch erzählen. So komme ich wieder einmal zum Aufessen. Be’ Teavon – Guten Appetit!

 

Deborah und Hermann Simon:
«Jüdische Familienrezepte»,
Verlag Hentrich & Hentrich
Teetz/Berlin 2008, 5,90 Euro

Lutz Lorenz

«Jüdische Zeitung», Januar 2009