Noa aus dem Wunderland

 

Die israelisch-amerikanische Sängerin Achinoam Nini
hat ihre jemenitischen Wurzeln entdeckt

 

Sie ist der berühmteste Popstar Israels. Ein Superstar im nichtisraelischen Ausland. Dort füllt Achinoam Nini, die ihre Fans in Europa und Nordamerika unter dem Künstlernamen «Noa» kennen, mit ihrer betörend schönen, glasklaren Stimme weiterhin regelmäßig große Konzerthallen. Auf den großen Friedenskonzerten dieser Welt ist sie Stammgast. In Israel dagegen hat sie einen schwereren Stand. Ihre dortigen Auftritte sind eher mäßig besucht, ihr Publikum kritischer. Nini, die 39-jährige Sängerin und Liedermacherin, vollführt einen Spagat zwischen internationaler und nationaler Karriere. Aus einer jemenitisch- jüdischen Familie stammend, ist sie Israelin, USAmerikanerin, Weltbürgerin. Jetzt tourt sie mit ihrem neuen Album «Genes and Jeans», dem insgesamt fünfzehnten ihrer Karriere, durch Europa. Der hintersinnige Titel der Scheibe weist auf einen neuen Abschnitt ihn ihrem Leben hin: wie immer verbindet sie ihre eigenen unterschiedlichen Kulturen, legt diesmal aber besonderes musikalisches Augenmerk auf ihre jemenitischen Wurzeln. Nini goes native.

Achinoam Nini, in Deutschland bekannt als "Noa", auf

auf dem Konzert in München. Foto: Goldschmitt

München Ende November. Erste Station in Deutschland während Ninis aktueller, halbjähriger Europatournee. In der Muffathalle des «Ampere», eines interna- tionalen Kunst- und Kulturtreffpunkts der Isarmetropole, findet sich die deutsche, zumeist nicht- jüdische, Fangemeinde ein. Die hält der Israelin trotz der politischen Turbulenzen in Nahost die Stange, wenngleich die Zahl der Zuschauer im Vergleich zu ihren letzten Münchner Auftritten der Jahre 2000 und 2003 merklich gesunken ist.

 

Im Publikum sind kaum Israelis auszumachen, und noch weniger Mitglieder der lokalen Israelitischen Kultusgemeinde zu sichten. Auch keine Vertreter sich «zionistisch» nennender jüdischer Organisationen in Deutschland sind zu sehen. Kein seltenes Szenario. Nini ist mehr als eine Kulturbotschafterin Israels. Sie ist international.

 

Das drückt sie immer schon in ihrer Musik aus, auf die sie sich nicht festlegen lassen will. Angloamerikanische Pop-Traditionen von Paul Simon über Barbra Streisand bis Leonard Cohen finden sich da wieder. Ebenso folkloristische Elemente aus dem Nahen Osten, israelisch-hebräische Lieder, traditionelle italienische Volkslieder, indische Weisen, kurzum – Weltmusik. Auch politisch gibt Nini ihrer multikulturellen Aufgeschlossenheit Ausdruck. Schon seit Langem engagiert sie sich in künstlerischen Projekten für den Frieden, trat schon zusammen mit den palästinensischen Musikern Handallah, Rim Banna und Amal Murkus auf, musizierte gemeinsam mit dem algerischen «König des Rai» Cheb Khaled und dem libanesischen Musiker Nabil Salameh. Im Jahr 2002 stand sie neben Ray Charles und Mercedes Sosa beim überhaupt ersten Konzert im Römer Kolosseum auf der Bühne. «Zeit zu leben – ein Tribut an den Frieden» war der Titel der Großveranstaltung. Mit Bono und Bob Geldof trat sie in «Wir sind die Zukunft» auf, einem weltweit ausgestrahlten Benefiz- konzert für Kinder in Konfliktregionen. Seit Oktober 2003 ist sie «Goodwill- Botschafterin» für die FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO, die notleidende Regionen unterstützt. Die Liste von Ninis gemeinnützigem Engagement wird jedes Jahr länger.

Ein Auge gen Himmel

Am Abend in München singt sie wieder ihren Hit vom Album «Noa live» aus dem Jahr 2005, den witzigen Rumba «Schalom, schalom ». Für den Frieden zwischen Israelis und Arabern. «Kommuniziert miteinander! Unsere Strategie ist Liebe!» lautet die Botschaft des rhythmischen Ohrwurms. Das englisch- sprachige Lied mit dem simplen Refrain auf Hebräisch und Arabisch begeisterte auch das Publikum in der Muffathalle, das eifrig mitklatschte. Doch nicht alle Auftritte verlaufen so harmonisch für die junge Frau und ihre sechsköpfige Band.

Auf einem Konzert im spanischen Tulsa im April letzten Jahres kam es zu einem Eklat. Außerhalb der Konzerthalle demonstrierte eine pro-palästi- nensische Gruppe. Ein Mann stürmte auf die Bühne. Er schwenkte eine palästinensische Flagge und schrie Slogans gegen Israel. Der Demonstrant wurde vom spanischen Publikum ausgebuht und von den Sicherheitskräften von der Bühne geholt. Nini, die mit Tränen in den Augen in den Backstage- bereich geflüchtet war, kam sichtlich verunsichert wieder, nachdem sie das Publikum herbeigerufen hatte. Im Laufe des Konzerts musste sie sich noch mehrmals sammeln. Es war nicht das erste Mal, dass ein Auftritt der Israelin von politischen Demonstranten gestört wurde. Im Jahr 2002 riss ihr ein Protestierender auf einer Londoner Bühne das Mikrofon aus der Hand.

«Es war ein sehr bewegendes und trauriges Konzert», schilderte Nini später im israelischen Fernsehen den Vorfall in Spanien. Das Geschehene erschütterte jedoch nicht ihr prinzipielles Anliegen. «Ich hoffe, dass mein nächstes Konzert ein Friedenskonzert von Israelis und Palästinensern sein wird. Das wird den Demonstranten zeigen, wie falsch sie liegen», erklärte sie auf «Kanal 2».

Ihr künstlerisches Engagement für den Frieden ging einher mit dem Aufstieg zum Weltstar. Seit Erscheinen ihrer ersten internationalen CD «Nini» im Jahr 1994 bildeten sich große Fangemeinden weltweit, vor allem in Italien, Frank- reich, Spanien, Großbritannien und den USA, heraus. Ihre Adaption von «Eye in the Sky» des Alan-Parsons-Projects oder ihr «Beautiful that way», der Filmmusik zu der Holocaust-Komödie Roberto Benignis «Das Leben ist schön» aus dem Jahr 1997, wurden zu Welthits.

Mit der Karotte auf dem Küchentisch

In Israel wird sie für ihren Erfolg bewundert und beneidet, manche erachten ihre Internationalität auch als Problem. In einem Beitrag des israelischen Fernsehsenders «Kanal 10» im letzten Sommer wurde Nini vom Reporter gefragt, ob sie denn das Gefühl habe, im eigenen Land nicht genug für ihre Arbeit geschätzt zu werden? Fast trotzig entgegnete die Sängerin damals: «Ich bin mir dessen bewusst, dass ich vielleicht nicht hundertprozentig die Menschen hier vertrete, weshalb ich in Israel wohl keinen absoluten Erfolg feiern kann.» In dem Interview beteuerte sie, schon reflexartig, ihre Zuge- hörigkeit zum Land: «Ja, aber doch. Ich bin Israelin. Ich wurde hier geboren, habe hier meine Kinder zur Welt gebracht, hier ist mein Zuhause und ich habe keinen anderen Platz auf der Welt».

In Israel lebt sie, wenn sie nicht gerade auf Tournee ist, in Ramat Hascharon, einem 38.000-Einwohner-Städtchen nördlich von Tel Aviv. Sie ist mit dem Arzt Ascher Barak verheiratet. Die beiden haben zwei Kinder, Ayehli und Enea. In Ramat Hascharon studierte sie schon an der Musikfachschule Jazz und zeitgenössische Musik. Dort lernte sie den Dozenten und Gitarristen Gil Dor kennen. Mit dem 56-Jährigen arbeitet sie künstlerisch bis zum heutigen Tage zusammenarbeitet.

Ihre musikalische Grundausbildung hat die am 23. Juni 1969 in Tel Aviv ge- borene Nini jedoch aus den USA. Zwischen ihrem dritten und achtzehnten Lebensjahr wuchs sie im New Yorker Stadtteil Bronx auf. Dorthin zogen 1971 ihre Eltern, Nachkommen jemenitischer Einwanderer ins Palästina der 1920er, nachdem Ninis Vater ein Doktoratsstipendium bekommen hatte. Nini ging, wie ihre Brüder, auf eine religiöse Schule. Parallel dazu schickten sie ihre Eltern zum Tanz- und Gesangsunterricht. Mit 15 begann sie an der New Yorker Schule für Bühnenkunst. Nach dem dortigen Abschluss kehrte sie 17-jährig allein zurück nach Israel, um dort das Abitur zu machen. In der Zeit lebte sie im Internat in Jerusalem. Achtzehnjährig wurde sie zum für israelisch-jüdische Frauen obligatorischen, zweijährigen Militärdienst eingezogen. Aber auch dort konnte sie musikalisch tätig sein, sie diente als Sängerin im «Unterhaltungs- corps» und schaffte es zu erster, begrenzter Berühmtheit. Nini sollte nicht die letzte sein, für die das «Unterhaltungscorps» der Armee einen Karriereschub geben sollte.

Doch nicht die Lieder von Freundschaft und Treue im Schützengraben sind ihre originäre musikalische Prägung. Soweit sie zurückdenken kann, faszinierte sie das Singen, sagt Nini bei dem Interview mit der «Jüdischen Zeitung» in München. Bereits im zarten Alter von drei Jahren wurde sie von den Eltern auf den Küchentisch gehoben, um vor der Familie Kinderlieder zum Besten zu geben; eine Karotte diente da noch als Mikrofonersatz. Mit sieben schrieb sie erste Gedichte und Liedtexte, altersgemäß über recht profane Dinge wie die Bäume im Park, Liebe – soweit sie, wie sie mit einem Schmunzeln ergänzt, für Kinder ihres Alters greifbar ist – oder Kakerlaken; natürlich nur die aus der Wohnung der Nachbarn in der Bronx.

Eine englischsprachige Dichterin

Der nationale Durchbruch in Israel gelang Nini an der Seite des Akustik- Gitarristen und Liedermachers Gil Dor. Im Jahr 1990 organisierten beide ihr erstes öffentliches Konzert. Ein Jahr darauf brachten sie das erste Album heraus: «Achinoam Nini und Gil Dor live». Das Duo komponierte und produ- zierte seitdem alle Alben Ninis gemeinsam. Ihr musikalischer Stil reichte dabei von Anfang an von Pop, Rock über R&B und Country bis Folk. Zu Beginn hatte das Duo nur wenige eigene Lieder, interpretierte deshalb bekannte Lieder von noch bekannteren Musikkollegen. Nini hatte noch nie ein Problem, mit fremdem Material zu arbeiten, das zu Anfang ihrer Karriere immerhin runde 80 Prozent des Gesamtrepertoires ausmachte. Es komme eben darauf an, sagt sie im «JZ»-Interview, diesen Liedern eine eigene Handschrift zu geben.

Das 1993 veröffentlichte zweite Album – mit dem uninspirierten Titel «Achinoam Nini und Gil Dor» – machte die Sängerin in Israel populär. Das Album bestand nur aus hebräischsprachigen Liedern. Sämtliche Texte stammen von der Dichterin Lea Goldberg (1911- 1970), einer der ersten Frauen, die moderne hebräische Lyrik verfassten. Nini kommt die einfache Sprache Goldbergs entgegen, als Neueinwanderin in Israel ist sie zwar im Alltagshebräisch redefest, der Sprung ins Literarische erschien ihr aber als zu hohe Hürde.

Bis heute schreibt sie lieber Lieder auf Englisch anstatt auf Hebräisch. Gegenüber dem israelischen Musikportal «Mooma» meinte sie im Sommer 2008: «Es ist Fakt, dass ich mich als Dichterin auf Englisch ausdrücke. Ich machte einen einmaligen Versuch, Texte auf Hebräisch zu schreiben, aber ich kann mich eben nicht als „Dichterin“ in dieser Sprache definieren.» Das multikulturelle Vermächtnis von New York sollte deshalb ihre Arbeit prägen.

Auch Gil Dor lebte über sechs Jahre in den USA, studierte Jazz in Boston und klassische Theorie und Komposition in New York. So war für die beiden der Sprung ins angelsächsische Ausland Mitte der 1990er folgerichtig. Ihr erstes rein amerikanisches Album «Noa», das sie 1994 in nur vier Tagen in New York einspielten, bestand bereits hauptsächlich aus von Nini selbst verfassten englischen Texten. Seither fährt die Künstlerin zweigleisig: als Achinoam Nini in Israel und international als «Noa».

Rückblickend, so erzählt Nini im Interview mit der «Jüdischen Zeitung», sei die Trennung aus kommerzieller Hinsicht notwendig gewesen. In Israel könne man praktisch nur mit Liedern in hebräischer Sprache die Spitze erreichen und Geld verdienen. Im Ausland hatten bis dato israelische Künstler in hebräischer Sprache kaum Erfolg. Als «Noa» gelang ihr der internationale Durchbruch. 1994 sang sie vor dem Papst und 100.000 Zuschauern in Rom die englische Version des «Ave Maria», die Sendung verfolgten Millionen an den Bildschirmen auf der ganzen Welt. In Deutschland produzierte sie 1998 mit dem Poprocker Peter Maffay in dessen Projekt «Begegnungen» schnulzige Balladen.

Der Stolz der Großmutter

Auch ihr politisches Engagement begann in dieser Zeit. Sie trat am 4. November 1995 bei der Friedenskundgebung in Tel Aviv auf, an deren Ende Israels Ministerpräsident Jitzchak Rabin ermordet wurde. Dieser politische Einschnitt in Israel wirkte auch auf Ninis Musik: ein offener Ton kam in ihrem zweiten «amerikanischen» Album, «Calling» von 1996, in den Texten und der Begleitung von elektronischer Musik zum Tragen. Die anfänglich so sanfte Akustikinterpretin wurde musikalisch klar härter.

Fast jährlich produzierte sie nun ein neues Album. Auf dem 1997er Album «Achinoam Nini» sang sie von Dor und ihr selbst verfasste hebräische Lieder. Es folgten 1998 eine Einspielung mit dem Philharmonischen Orchester Israels, dann das für den ausländischen Markt gedachte Album «Blue Touches Blue» von 2000 und im Jahr 2002 «Now». Als in den Jahren darauf ihre zwei Kinder geboren wurden, konzentrierte sich Nini auf Studioproduktionen. Sie schrieb viele neue Lieder, brachte 2006 eine DVD vom Live-Auftritt mit dem italienischen Streichquartett «Solis» heraus, auf der sie neapolitanische Weisen auf Hebräisch singt.

 

Genes & Jeans Foto: noamusic.com

Für ihr 2008 erschienenes Album «Genes and Jeans» suchte sie die inter- kulturelle Vielfalt wieder in ihrer eigenen Biographie: in der Verbindung ihrer jemenitischen Wurzeln, also den «Genen», und ihrer stärksten Prägung der Jugend, der amerikanischen «Jeans». Nini zur Entstehung: «Ich wollte schon jahrelang ein Album machen, mit dem ich meinem ethnischen Ursprung Aus- druck geben kann. Ein kurzer Moment in der Küche mit einer Tasse Kaffee, und ich hab mir gesagt: Das ist es, jetzt ist die Zeit für dieses Projekt gekommen.»

 

Sie begann, sich intensiver mit den Liedern, die sie von ihrer Großmutter Rachel kannte, auseinanderzusetzen. Dazu hörte sie sich in die Versionen von bekannten israelisch-jemenitischen Sängern wie Aharon Amram, Zion Golan, Avner Gadassi oder der vor einigen Jahren verstorbenen Schoschana Damari ein. Es entstanden Lieder über unerfüllte Liebe, Erwartungen, Träume, Leid und Freude. Einige stammen aus Ninis Feder – die auf Englisch – andere singt sie auf Jemenitisch-Arabisch und Hebräisch. Besonders stolz ist sie darauf, dass ihre Großmutter, die im heruntergekommenen Tel Aviver Stadtviertel «Jemenitischer Weinberg» lebt, auch ein Lied auf dem Album eingesungen hat.

Beim Konzert in Münchens Muffathalle singt Nini mehrere Titel aus «Genes and Jeans», die englischen «Waltz to the Road» und «Something Has Changed» und das jemenitische «Ajelet Chen». Während des Auftritts wechselt Nini auf der Bühne auch tatsächlich die orientalischen Kleider mit einer Blue Jeans. Die Trennung ist ihr wichtig. Ihre kulturellen Identitäten als Israelin, US-Amerikanerin und Jemenitin sollen erkennbar werden.

Gefragt, ob sie schon ein neues Album plane, will sich Nini nicht festlegen. Vielleicht erst noch ein drittes Kind. Vielleicht auch ein Album. Ideen hat sie genug. Und das dann wieder auf Hebräisch? Sie antwortet zögerlich: «Für jemanden wie mich, der parallel eine Karriere in Israel und im Ausland macht, ist es nicht einfach, ein solches Album herzustellen. Ein Album nur auf Hebräisch habe ich schon seit 10 Jahren nicht mehr gemacht!». Erst einmal geht jetzt die Tournee in Europa weiter. Spanien, Italien, Frankreich stehen wieder auf dem Programm. Im deutschsprachigen Raum wird sie am 24. März in Zürich auftreten. Die meisten Zuhörer werden auch dann wieder ihre nicht- jüdischen Fans sein.

 

Matti Goldschmidt und Dani Motekend

«Jüdische Zeitung», Januar 2009