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«Pedro Páramo»von Juan Rulfo
Alle paar Jahrzehnte gelingen gerade den verschrobensten unter den literarischen Einzelgängern ganz außerordentliche, seltsam widerborstige, schwerelose kleine Sprachkunstwerke von so originärer mythischer Kraft und universeller Bedeutung, dass man ihren Nachhall später noch in den Werken anderer Schriftsteller deutlich nachweisen kann. «Der Schlaf der Rinder» (1982) von Jorgi Jatromanolakis war so ein Buch: der hierzulande erst 1996 erschienene und von einem nennenswerten Publikum kaum wahrgenommene, zu Poesie geronnene Tagtraum eines vom archaischen Gesetz der Blutrache tödlich gefällten Kleinbauern in der bettelarmen Provinz Kretas, der im Todeskampf die Gesetze von Raum und Zeit überwindet. Im Hanser-Verlag ist nun die Neuübersetzung eines in Deutschland unbekannten Klassikers der lateinamerikanischen Literatur erschienen, von dem zu Recht behauptet wird, er habe letztlich als auslösendes Moment des Magischen Realismus gewirkt. Dessen bedeutendster Protagonist jedenfalls, der kolumbianische Nobelpreisträger Gabriel GarcÌa Màrquez, bekennt in seinem den Text ergänzenden Nachwort, er habe das Bändchen mit dem Titel «Pedro Páramo» in einer Zeit eigener künstlerischer Stagnation so oft gelesen, dass er es auswendig rezitieren konnte. Der bescheidene Autor des einflussreichen Buches indessen, der mexikanische Staatsbeamte Juan Rulfo (1917–1986), hat nach eigenem Bekunden nie den Wunsch gehegt, seinen Lebensunterhalt als Schriftsteller zu bestreiten. Er beschreibt den Entstehungsprozess seines einzigen Romans als eher unbewussten Prozess: «Es war, als ob mir der Roman diktiert würde.» Diesen dankbar-ratlosen Blick auf sein eigenes Werk behielt der Autor bis zu seinem Tode bei, man darf sein Ringen um diesen Text, den er bis zur Veröffentlichung im Jahr 1955 zahllose Male akribisch gekürzt und überarbeitet hatte, als gelungene Selbsttherapie bezeichnen. Sein Text ist auf geradezu traumwandlerische Art und Weise frei von jeglicher Chronologie der Ereignisse und führt uns mit knappen, eindringlichen Bildern in ein dem Verfall preisgegebenes Dorf in der kargen, sonnenverbrannten mexikanischen Provinz, das erfüllt ist von den Stimmen seiner lange verstorbenen Bewohner und dem ewigen Nachhall der Ereignisse, die seinen Untergang herbeigeführt haben. «Pedro Páramo» ist ein Buch, das dem Leser zweifellos große Aufmerksamkeit und Konzentration abverlangt, das aber auch heute noch so zu faszinieren vermag, dass man, wie GarcÌa Màrquez, nach der Lektüre wieder von vorn beginnen möchte. «Pedro Páramo», aus dem Spanischen neu übersetzt «Eden»von Yael Hedaya
Zur Zeit der israelischen Unabhängigkeit wurden in einem Rausch von epidemischem Optimismus viele der neugegründeten Siedlungen mit gefährlich hybrischen Namen ausgestattet, die gleichzeitig die Hoffnung der Neueinwanderer auf einen sorgenfreien Neuanfang ausdrücken und ihren Bezug zur jüdischen Geschichte Palästinas untermauern sollten. Yael Hedaya porträtiert in ihrem beinahe tausend Seiten starken, in seiner irritierend gleichförmigen Erzählhaltung durchaus als politisch zu verstehenden neuen Roman die Bewohner einer solchen Siedlung vor den Toren Tel Avivs, für die der Bilder des biblischen Paradieses heraufbeschwörende Name «Eden» sich als allzu große Bürde erwiesen hat. Die von Yael Hedaya porträtierten Bewohner dieses idyllischen kleinen Dorfes, einem begehrten Yuppie-Domizil, jagen allesamt ihren kleinen Träumen von einer erfüllenden Beziehung hinterher und stehen gleichzeitig alle in irgendeiner leidenschaftlichen oder romantischen Beziehung zueinander. Um die erstaunlich gleichförmige Orientierungslosigkeit ihrer Charaktere besonders hervorzuheben, hat die Autorin ihre Figuren nur durch Kapitelüberschriften kenntlich gemacht, die deren Namen rekapitulieren, nicht aber durch wirklich unverwechselbare, sich voneinander abhebende Stimmen. Auf diese Weise schafft sie eine beklemmende Bestandsaufnahme besonders der fortschrittlichen Teile der israelischen Gesellschaft, deren Hoffnungs- und Tatenlosigkeit sich in Melancholie, Genusssucht und amourösen Abenteuern materialisieren. Das Ehepaar Dafna und Eli versucht bereits seit acht Jahren, ein Kind zu bekommen, Eli holt sich nebenbei den Kick des Verbotenen mit der sechzehnjährigen Ronny. Deren Vater Mark lebt zwar seit Jahren getrennt von seiner Frau Alona, kehrt aber zwischen seinen zahlreichen Affären immer wieder zu ihr zurück. Alona, eine Verlagslektorin, schwärmt für den Nachwuchsschriftsteller Uri, der sich wiederum auf sehr unschöne Art und Weise von der frühreifen Ronny getrennt hat. Yael Hedaya hat ein kurzweiliges Buch geschrieben, das seine engagierte Erzählhaltung vor allem aus den schonungslos vorgetragenen Psychogrammen ihrer desillusionierten Protagonisten bezieht. Die Perspektive dieser Gelangweilten unterscheidet sich nicht von jenen gleichaltriger Beziehungssuchender in westeuropäischen Metropolen. Umso erschreckender ist die in einigen Nebensätzen verborgene Perspektive eines alltäglichen Rassismus und der fortschreitenden Apathie linker Kräfte angesichts des Konflikts mit den Palästinensern. «Eden», aus dem Hebräischen von Ruth Achlama, erschienen bei Diogenes, 932 Seiten, 24,90 Euro. «Lily»von Ray Robinson
«Aufwachen, zwei Pillen, zwei Pillen, zwei Pillen, und einschlafen. Du hoffst nur, dass zwischendurch so etwas wie Leben stattfindet.» Lily ist Anfang Dreißig und Epileptikerin. Der klägliche Krebstod ihrer verhassten Mutter, die ihre Krankheit durch einen Treppensturz im Babyalter hervorgerufen hatte, bewegt sie dazu, die triste Kleinstadt an der britischen Küste zu verlassen, um in London ihren Bruder zu suchen, den sie seit ihrer Kindheit nicht mehr gesehen hat. Lily ist von ihren Eltern schon im Alter von elf Jahren in einem Heim untergebracht worden, da sie sich der Belastung ihrer schon im Kindesalter schweren Anfälle nicht länger gewachsen fühlten. Trotz ihrer täglichen Dosis wird die selbstbewusste Protagonistin immer wieder von Anfällen heimgesucht, hinter denen noch ein weiterer Schatten aus ihrer Kindheit lauert, dessen Erinnerung sie um keinen Preis zulassen kann. Ray Robinsons großartiger Debütroman ist so konsequent aus der Perspektive seiner von ihrer heimtückischen Krankheit gezeichneten Protagonistin erzählt, dass die ersten Anzeichen eines Anfalls, sein krisenhafter Verlauf und sein Abklingen, ob medizinisch korrekt wiedergegeben oder nicht, nicht nur einen bedeutenden Beitrag zum mitfühlenden Verständnis leisten, sondern darüber hinaus auch eine höchst überzeugende universelle literarische Metapher für Zustände des Leidens der menschlichen Seele an unserer modernen Realität bieten. Die Begegnung mit der faszinierenden Großstadt ist zunächst eine Offenbarung für Lily, die Suche nach ihrem Bruder indessen gestaltet sich schwieriger als erwartet. Die attraktive Protagonistin lernt verschiedene Männer kennen, wird ungewollt schwanger, verliebt sich in eine Frau, erfährt erstmals in ihrem Leben eine unverhoffte kurzzeitige Remission und bricht am Ende des Romans zu einer weiteren Begegnung auf, die ihr endlich inneren Frieden zu versprechen scheint. Robinson hat seinen Roman formal der inneren Entwicklung seiner sympathischen Protagonistin sowie der fatalen Natur ihrer Anfälle angepasst, es gibt Stotterer im laufenden Text, dadaistisch anmutende Buchstabenkolonnen, und der Verlauf ihrer Medikation ist mit Tablettensymbolen angegeben. Die Kapitelnummerierung des Romans ist als Countdown angelegt, so dass die innerliche Abkehr von den Verletzungen der Vergangenheit sowie der Beginn eines vollkommen neuen Lebensabschnitts auch formal deutlich werden. «Lily» ist ein großartiger Roman, der mit bemerkenswerter Leichtigkeit aufzeigt, zu welcher Aussagekraft junge Literatur in der Lage ist, wenn sie ganz auf ihre eigenen Stärkenvertraut. «Lily», aus dem Englischen von «Der Tod der schönen Rehböcke»von Ota Pavel
Über den privaten und geschäftlichen Alltag von Handelsvertretern wissen wir kaum mehr als die wenigen eher ernüchternden Fakten, die uns zwei so unterschiedliche Werke wie Arthur Millers deprimierender Welterfolg «Tod eines Handlungsreisenden» oder der satirische Dokumentarfilm „Die Blume der Hausfrau“ über fünf Staubsaugervertreter in der schwäbischen Provinz vermittelt haben. Der langen schweren, tödlichen Krankheit des tschechischen Rundfunkjournalisten und Sportreporters Ota Pavel (1930–1973), die ihn während seiner letzten Lebensjahre nur noch zeitweise für das Radio arbeiten ließ, verdanken wir eine der schönsten, schwerelosesten und liebevollsten literarischen Schilderungen der erstaunlichen Berufsgeheimnisse und des Familienlebens eines jüdischen Handelsvertreters in Prag. Leo Popper, der Vater des Autors, findet sein Glück vor dem Zweiten Weltkrieg als Angestellter der schwedischen Firma Electrolux, für die er in Tschechien mehr Staubsauger und Kühlschränke verkauft als jeder andere Mitarbeiter, sein Verkaufstalent ist so enorm, dass er selbst Haushalte, die noch nicht über elektrischen Strom verfügen, zum Kauf eines solchen Geräts zu überreden vermag – kein Wunder also, dass er eines Tages sogar die firmeninterne Weltmeisterschaft gewinnt. Sein privates Interesse gehört vor allem der Fischerei, für einen kapitalen Fisch an der Angel ist er bereit, nahezu jede Mühsal und jede Umsatzeinbuße auf sich zu nehmen oder auch den häuslichen Frieden aufs Spiel zu setzen. Leos heimliche Liebe gehört der unerreichbar schönen Frau seines Vorgesetzten, um ihre Gunst zu gewinnen, freundet sich der Mann aus einfachen Verhältnissen mit einem berühmten Professor der Prager Kunstakademie an, von dem die von ihm Begehrte für ihr Leben gern porträtiert werden möchte. Unter deutscher Besatzung gelingt es dem begabten Menschenkenner noch in der Nacht vor der Deportation, den Nazis eins auszuwischen, und auch nach dem Krieg warten viele neue Herausforderungen auf einen gewieften Verkäufer wie Leo. «Der Tod der schönen Rehböcke» konnte schon bald nach seiner Veröffentlichung in der ČSSR im Jahr 1971 auch in vielen weiteren Ländern des real existierenden Sozialismus erscheinen, was aufgrund der durch und durch bürgerlichen Existenz, die hier beschrieben wird, durchaus überrascht. Die nun vorliegende Neuausgabe ist identisch mit der deutschen Erstausgabe bei Volk und Welt von 1973, jetzt allerdings ergänzt um einige kongeniale, im naiven Stil gehaltene Illustrationen. Ota Pavels Buch ist eine wunderbare Liebeserklärung an eine sympathische Persönlichkeit und eine gute väterliche Ergänzung zum Mythos von der «Jiddischen Mamme».
«Der Tod der schönen Rehböcke», aus dem Tschechischen von E. Borchardt, Edition Büchergilde, 174 Seiten, 16,90 Euro. «Petropolis»von Anya Ulinich
Wladimir Kaminer erzählt seit Jahren von einem großen, literarischen Ansprüchen genügenden Roman, den er gerne schreiben möchte, löst dieses Versprechen aber mit seinen im Jahresrhythmus erscheinenden Büchern zunehmend weniger ein. Vielleicht hat der langjährige Star der Berliner Reformbühne mittlerweile erkannt, dass sein unbestreitbares Talent als Unterhalter im Wesentlichen auf seiner charismatischen Bühnenpräsenz beruht. Ein Roman, den Kaminer sicherlich gern geschrieben hätte, ist unterdessen als Übersetzung aus dem Amerikanischen unter dem vielsagenden Titel «Petropolis – Die große Reise der Mailorder-Braut Sascha Goldberg» erschienen. Die Autorin dieses überaus unterhaltsamen Buches, Anya Ulinich, wurde 1973 in Moskau geboren und emigrierte 1990 in die USA. In ihrem Debütroman erweist sich wieder einmal, wie schmerzvoll-bereichernd es sein kann, sich mit aller Konsequenz in eine fremde Kultur zu stürzen, obwohl einen die eigene langjährige Sozialisation auf eine ganz andere Gesellschaftsform vorzubereiten schien. Der tiefe, mit viel Sinn für die absurd-komischen Seiten des Alltags ausgestattete Einblick in zwei höchst unterschiedliche Lebenswelten beiderseits des nicht mehr existenten eisernen Vorhangs mit ihren wenigen Licht- und zahlreichen Schattenseiten zeichnet Ulinichs Roman auf ganz besondere Art und Weise aus. Hier beweist sie durchaus eine Geistesverwandtschaft mit Kaminer, allerdings ist die Mutter von zwei Kindern, die ihr Buch als Auszeit von der Familie in verschiedenen Coffee-Shops in ihr Laptop getippt hat, anders als jener dazu in der Lage, ihre Figuren so konsequent weiterzuentwickeln, dass sie sich für eine Romanhandlung als tragfähig erweisen. Ulinichs auf einnehmend-widerborstige Art erstaunlich lebenstüchtige Protagonistin macht schon im frühesten Jugendalter alle Hoffnungen ihrer überambitionierten Mutter auf eine ihrer Herkunft entsprechende, standesgemäße Karriere zunichte, als sie ein uneheliches Kind zur Welt bringt. Da hilft auch ein erschlichenes Studium an der Kunsthochschule nichts. Als die materielle Not immer größer wird, lässt sich Sascha als Katalogbraut in die USA vermitteln, wo die Sorgen nicht geringer werden. Anya Ulinich hat einen wunderbar erhellenden, in seinen Haltungen und Affekten erstaunlich vielschichtigen und aussagekräftigen Roman geschrieben, der glänzend zu unterhalten vermag und gleichzeitig wichtige Fragen nach unserer eigenen Fähigkeit aufwirft, in der von uns selbst geschaffenen Realität zu überleben. «Petropolis», aus dem Amerikanischen von Pieke Biermann, erschienen im dtv, 419 Seiten, 14,90 Euro. «Kultgedichte» «Kultgedichte»
Im Jahr 1974 begründete Marcel Reich-Ranicki unter dem Motto «Der Dichtung eine Gasse» die sogenannte Frankfurter Anthologie als wöchentliche Lyrik-Kolumne in der «FAZ» sowie als Buchreihe von Sammelbänden der in diesem Rahmen erschienenen Einzelbeiträge. So darf seit nunmehr vierunddreißig Jahren jeden Samstag eine andere gewichtige Person des literarischen Lebens in Deutschland jeweils ein von ihr selbst ausgewähltes Gedicht aus einer beliebigen Epoche der deutschen Literaturgeschichte vorstellen und interpretieren. Allerdings sabotiert sich dieses an sich kaum hoch genug einzuschätzende Projekt, einer heute hierzulande denkbar unpopulären literarischen Gattung ein kontinuierliches Forum zu bieten, zuweilen selbst, indem es den erlauchten Kreis der Interpreten bewusst elitär hält. Literatur ist eben in Deutschland immer noch ein ernstes Geschäft, das allein von einem promovierten Fachpublikum angemessen gewürdigt werden darf. So tappt die Literaturkritik am Ende in dieselbe Falle wie jene zeitgenössischen Dichter, deren Werke von einem breiteren Publikum nicht nur nicht verstanden, sondern ganz bewusst nicht einmal mehr rezipiert werden. Aus dieser Perspektive ist es überaus erfreulich, wenn uns der Schweizer Unionsverlag im Rahmen einer ähnlich gearteten Anthologie aus Gedichten und dazugehörigen kurzen Essays mit der Literatur eines Landes bekannt macht, in dem Lyrik auch heute noch eine vollkommen andere Rolle erfüllt als hierzulande. Zunächst einmal wird Dichtung in der Türkei, wie in den meisten Ländern des Nahen und Mittleren Ostens, von einem großen Teil der Bevölkerung gelesen; der Roman und das Drama waren bis ins 19. Jahrhundert hinein als literarische Formen gänzlich unbekannt. Zum anderen fanden der philosophische und der geschichtswissenschaftliche Diskurs in der Türkei nicht innerhalb der geisteswissenschaftlichen Disziplinen statt, sondern eben vor allem in der Lyrik. In dem Band «Kultgedichte» wurden von 42 prominenten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ebenso viele Gedichte ausgewählt, die – so die Vorgabe der Herausgeber – auf besonders gelungene Art und Weise ihr eigenes Lebensgefühl wiedergeben sollten. So ist ein bestechendes Panorama der türkischen Dichtung vor allem des Zwanzigsten Jahrhunderts entstanden, das durch die wild-kreative Subjektivität der Auswahl weit in unser Jahrhundert hineinreicht und auf diese Weise vorbildlich aufzeigt, welches universelle Potential Lyrik noch immer besitzt, wenn sie denn den Willen in sich trägt, allgemein verständlich zu sein und den Leser für sich einzunehmen. «Kultgedichte» herausgegeben von Erika Glassen und Turgay Fişekçi, erschienen im Unionsverlag, 349 Seiten, 22,90 Euro
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