Eilat im Winter - Teil I

Unterwegs im Süden des Heiligen Landes

Blick auf Eilat, von der südlichen Golf-Seite
aus gesehen. Foto: Lutz Lorenz

Es ist kalt in Berlin. Ein typischer Dienstagmorgen am Flughafen Tegel: hektische Businessmen und gestresste Großfamilien. Am Check-Inn des Erstfluges der Germania nach Eilat gibt es für jeden Passagier einen Teddybären. Seit fünfzehn Jahren darf das Berliner Wappentier zum ersten Mal wieder direkt in die populäre Feriendestination fliegen. Horst Krause, Vertriebsmanager der Germania, und Dani Neumann, Deutschlanddirektor des Israelischen Fremdenverkehrsamtes, sind zur Premiere ebenfalls am Gate und sich einig: «Die wöchentlichen Maschine n in den Süden Israels werden die Fortsetzung der Erfolgsgeschichte unserer Flüge nach Tel Aviv». Fast zeitgleich mit unserer steigt in Düsseldorf eine Boeing in den Himmel und macht sich auf die knapp vierstündige Reise.

Drei Stewardessen kümmern sich um uns. Bei Susanne, die schon gut zweitausend Flugstunden hinter sich hat und Sandra, mit hundertsechzig noch ein Küken bei der Germania, ist die Vorfreude auf die Landung groß. Auch sie absolvieren zum ersten Mal einen Jungfernflug. «Wann geht man schon mal mitten in einer Wüste runter!» Wie bitte? Wüste? Britt klärt mich auf: «Wir laden nicht am City-Airport Eilat, sondern in Ovda, vierzig Kilometer nördlich». Ein Shuttle, direkt an der ägyptischen Grenze entlangfahrend, wird uns nach Eilat bringen. Wüste und Meer – mach’s gut Nieselregen hierzulande!

Kurz nach fünf Uhr nachmittags ist es in dieser Jahreszeit stockdunkel in Eilat. Mein Zimmer im «Crowne Plaza» liegt perfekt: Von der Terrasse aus schaue ich quer über die Marina durch die Hafeneinfahrt auf den Golf von Aquaba. Golf von Eilat nennen ihn die Israelis. Ganz hinten rechts die Lichter des ägyptischen «Taba Hilton», weit hinten links die saudiarabische Küste, davor das jordanische Aquaba, unübersehbar eine gigantische beleuchtete Staatsflagge nahe dem Garten des Königspalastes, und unter mir die glitzernde Hotelpromenade am Strand von Eilat. Rechts und links landet zeitgleich ein Flugzeug. Eines geht nach Eilat-City in Israel, das andere zum King Hussein International Airport Aquaba in Jordanien. Ziemlich skuril, diese Situation. Später wird uns Avi Kandelker, Direktor des Tourismusbüros in Eilat, von der Idee einer Riviera erzählen, die sich von Taba über Eilat bis Aquaba erstrecken könnte: Statt drei Flughäfen nur einer, drei Kulturen in unmittelbarer Nachbarschaft, das Hinterland des Santa Catharina auf der zu Ägypten gehörenden Halbinsel Sinai, der israelischen Negev-Wüste und des Toten Meeres oder der Weltkulturerbe im jordanischen Petra würden ein Tourismusmagnet sein, wie die Welt nur ganz wenige hat. Der Mensch muss Visionen haben, gerade in Israel: «Ohne Vision geht das Volk zugrunde», hat Israels Staatsgründer David Ben-Gurion gesagt. Sein Grab in den Bergen von Nahal Zin, mit einem atemberaubenden Blick in das zentrale Bergmassiv der Negev-Wüste, ist in etwas mehr als einer guten Autostunde zu erreichen und schließt sich an den Kibbuz an, in dem Ben-Gurion lebte.

Doch zuvor berichtet Kandelker von seinem heutigen Eilat. Nur auf den ersten Blick wirkt die Stadt wie eine Bettenburg aus über 50 Hotels jeder Kategorie, vom Hostel bis zum Fünf-Sterne-Plus-Haus. Eine Viertel Millionen Touristen pro Jahr genießen nicht nur die 360 Sonnentage an den Stränden, sondern erobern sich die Region, die für jede Passion das Richtige bereithält.

So wie wir, eine ganze Woche lang, begleitet von Yael Shilo, der stets aufmerksamen und uns jeden Wunsch von Lippen ablesenden Reiseführerin mit schweizerischen Vorfahren. Yael hat ein sehr gutes Gespür für den schwierigen Spagat zwischen Sun und Fun in Eilat und den Anliegen unseres Gastgebers, dem israelischen Tourismusministeriums, das uns zu dieser Pressereise eingeladen hat.

Der Delphin in mir

Wir beginnen mit dem Meer. Einen halbtägigen Segeltörn auf dem Golf bei einem landestypischen Mittagessen aus Humus und Falafel an Bord und einem ausgiebigen Vor-Anker-Gehen für ein Bad, lassen wir am Delphinenriff am Südstrand enden. Entweder mit Schnorchel und Flossen bewaffnet oder, wer kann und darf, mit kompletter Taucherausrüstung versehen, folgen wir den Betreuern der Tiere nach eingehender Instruktion ins Wasser. Für eine gute halbe Stunde sind wir mit den Delphinen in ihrem Refugium ganz allein. Zuerst sind sie nur zu hören, dann streifen sie ganz nah, ganz zart, an uns vorbei, begleitet von riesigen Wasserschildkröten, schießen hinab in die Tiefe oder machen sich und uns mit ihren Luftsprüngen Spaß. Jeder hat einen Namen, die Instrukteure kennen jedes Tier, vor allem später, beim Füttern, das von den Besuchern schon sehnlichst erwartet wird.

Gleich nebenan eine Wohlfühloase pur. In gediegenem Holzambiente unter einem Dach aus Palmenblättern und mit Stelzen bis ins Meer hineingebaut, laden den Besuchern drei Wasserbecken ein. Nach einem duftenden Kaffee, einem beruhigenden Tee oder frischem Obst begibt man sich in das Regenwasserbecken, ein Süßwasserbecken oder eines mit Wasser aus dem Toten Meer. Doch nicht allein: Zu sphärischen Klängen heben medizinische Bademeisterinnen jeden Gast durch das Wasser, sprechen leise, wohlklingend und beruhigend, Entspannung pur, auch wenn ich kaum ein Wort Hebräisch verstehe. Im Becken mit dem salzhaltigen Wasser aus dem Toten Meer schwebt man wie auf weichen Kissen, ohne sich zu bewegen, ohne unterzugehen. Das wollten wir natürlich noch viel, viel intensiver erleben.

Wir machen uns für drei Tage auf nach Ein Bokek, in nördlicher Richtung, ans Tote Meer. Die riesige Hotelanlage, einem Meereskurort gleich, ist wie geschaffen für Menschen mit Hautkrankheiten oder Problemen mit dem Bewegungsapparat. Jedes der etwa zwanzig Hotels der verschiedensten Kategorien verfügt über einen SPA-Club mit Saunen, Solarien, Schwimmbädern mit Meerwasser, Sportanlagen oder Schlammbecken und wird von Masseuren, Bademeistern und Sportinstrukteuren betreut. Unschlagbar natürlich das Tote Meer selbst: Man kennt das ja - Fotos von Urlaubern die hier rücklings im Wasser liegen und ihre Abendzeitung lesen. So recht geglaubt habe ich das nie. Man warnt uns, nicht einfach übermütig ins Meer zu rennen, wie wir das von zu Hause kennen. Der hohe Salzgehalt bewirkt einen Auftrieb, dem der Körper kaum etwas entgegenhalten kann. Also ist Langsamkeit angesagt, die zur inneren Ruhe wird, zum Genießen, zum Gesundwerden.

Geheimtipp: Nirka

Ein Bokek ist nichts für Ballermänner. Die Gäste sind zum großen Teil im letzten Drittel ihres Lebens, die abendlichen Bands in den Hotelhallen spieler also eher Glen Miller und die junge Pugatschova statt Discomusik. Wem das zu ruhig ist, der geht in die Nirka Bar, am Nachmittag ein beliebter Pub, am Abend so etwas wie der einzige Nachtclub des Ortes. Hier trifft sich die jüngere Generation aller Nationen zu coolen Drinks bei einem unschlagbaren Blick von der Terrasse über das Meer hinüber zu den Lichtern der jordanischen Seite. Wenn Nirka selbst da ist, und die ehemalige israelische Spitzen- sportlerin ist es fast jede Nacht, erfährt man viel, was der Badeurlauber in Ein Bokek gewöhnlich nicht erfährt oder nicht erfahren will. Sie spricht über die Palästinenser, die Politik Israels, die Geschichte des Landes, über Jordanien am anderen Ufer.

Nirka missioniert nicht. Sie erklärt das, was man wissen will, sie erfährt viel von den Touristen, den Deutschen im Frühjahr, den Russen im Herbst, den Dänen im Winter und kommentiert, wie ihr Land und seine Politik in der Welt angesehen sind. Nirka weiß am zweiten Abend noch welchen Barkan-Wein ich am ersten getrunken habe und gibt ihrem Kellner klare Anweisungen. Sie kennt jedes Hotel mit seinen Vorzügen und kleinen Unzulänglichkeiten, hat die Telefonnummern jedes Concierge in ihrem Handy abgespeichert, klärt auf kurzem Weg spezielle Wünsche ihrer abendlichen Gäste. Wenn Nirka, die früher selbst jahrelang als Urlauberin hierher kam, das «Lot» empfiehlt, von außen nicht das schönste der meist viel größeren Hotels, glaubt man ihr unbesehen. Ihre Bar hebt sich positiv von den Restaurants dieses Landes ab, in denen ein wirklicher Service am Gast oft noch in den Kinderschuhen steckt.

Von Ein Bokek geht es zurück nach Eilat. Unterwegs besuchen wir Ein Gedi, einen Kibbuz, der heute zu einem der schönsten Botanischen Gärten Israels ausgebaut ist. Als Hotelanlage betrieben, mit Blick auf das Tote Meer, eigenem Strand und Swimmingpool mit Meerwasser, verfügt Ein Gedi über ein Touristenbüros speziell für deutsche Urlauber. Gil Brener, der viele Jahre in Berlin verbracht hat und noch heute jedes Jahr einige Monate dort lebt, zeigt uns das Wüsten-Zimmer und die Romantic-Suite, führt uns durch den Garten mit über eintausend Pflanzen, Geschenke aus allen Kontinenten an den Kibbuz, führt uns am Thermalbad mit seinen mineralischen Heilquellen und Schlamm- becken vorbei und lädt uns zum Abschluss in das biblische Feinschmecker- Restaurant «Bei Chaja» ein. Dort treffen wir eine pensionierte Rundfunkkollegin, die hier jedes Jahr drei Monate verbringt. Man kommt ins Schwatzen, von der großen Tradition Ein Gedis, von den einstmals riesigen Weinbergen, von dem letzten frei lebenden Löwen Israels, der um den Kibbuz getrichen ist und nicht wenige Urlauber zu Tode erschreckt hat. Zum Abschied überreicht uns Gil eine Urkunde: In Ein Gedi waren wir schließlich am tiefsten kontinentalen Punkt der Erde.

Die Wüste lebt

Das hat uns Adam Sela im Ramon erleben lassen, dem größten von fünf Erosionskratern in der Negev-Wüste, weltweite geologische Unikate. In seinem Jeep fährt er mit uns durch die gewaltige Schlucht, zeigt uns Fossilien aus der Zeit des Urmeeres, Kalk- und Sandsteinablegungen, die einhundert Millionen Jahre alt sind. Mit einem Wasserkanister bespenkelt Adam ein vertrocknetes Pflänzchen, lässt uns deren winzige Kerne in den Mund nehmen. Binnen weniger Minuten platzen die totgeglaubten Pflanzen unter unseren Zungen auf, eine Art Geheimnis des Lebens offenbart sich uns, das wir am eigenen Körper erleben. Am eindrucksvollen Besucherzentrum des Kraters, in Mitzpe Ramon, wo gegenwärtig ein Fünf-Sterne-Hotel entsteht, überrascht uns Adam mit Seilen, Haken und Sturzhelmen. Er verknotet uns gekonnt, redet beruhigend auf uns Angsthasen ein und leitet uns rückwärts Schritt für Schritt sacht an den Rand der Klippe. Cliffhanging nennt sich diese einmalige Erlebnis, das süchtig machen kann: Abseilen an der Felswand, dann das freie Schweben mit dem Blick in den riesigen rotbraunen Krater, so weit das Auge reicht und schließlich die phantastische Erfahrung einer unglaublichen Selbstbeherrschung, mit der man die Geschwindigkeit seines Abseilens selbst bestimmt. Nach so viel Herzklopfen ist etwas Besinnliches gefragt...


        Wir fahren zur Camel-Ranch zwischen dem Südstrand von Eilat und der ägyptischen Grenze. Tom erwartet uns, ein Student aus London, der den Regen Britanniens für ein Semester gegen einen Job als Kamelführer in der Wüste eingetauscht hat. Für eine gute Stunde reiten wir auf den Tieren in den Abend, die Bergmassive um uns herum versinken in einem tiefen Rot, kaum jemand in der Karawane spricht etwas. Schon vor über dreitausend Jahren betrieben hier die Nabatäer mit ihren Kamelen die Parfümstrasse, die sie reich und mächtig machte. Sie bewahrten die Geheimnisse der genauen Route, ihrer versteckten unterirdischen Wasserreservoirs, der Zisternen, über Generationen. Etwa 550 vor Christi gründeten sie ihre legendäre Hauptstadt Petra, deren Monumentalfassaden, direkt aus dem Felsen gemeißelt, noch heute zu besichtigen sind. Reiseveranstalter bieten direkt ab Eilat Tagestouren in die verlassene Felsenstadt an, die jetzt im benachbarten Jordanien liegt. Hundert Jahre nach Christi, mit dem Untergang des nabatäischen Königtums und der Eingliederung in das Römische Reich, versank Petra in Vergessenheit.

Tom bäckt Fladenbrot über dem offenen Feuer und rührt frischen Humus mit Olivenöl an. Über uns öffnet sich der Sternenhimmel, es wird kühl, sagen die Eilatis, bei «nur noch» etwa 20 Grad. Mystischer kann ein Tag kaum enden...

Wird fortgesetzt.

Lutz Lorenz

«Jüdische Zeitung», Januar 2009