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Ein Zeitzeuge erinnert sich an die «Kindertransporte» nach England
Am 30. November 1938 verließen die ersten Kinder aus Berlin mit einem solchen Transport ihre Familien, Freunde, Schulen, das Umfeld, in dem sie lebten. Der Zug vom Anhalter Bahnhof brachte sie nach Hoek van Holland. Dort, an einem Pier, wartete schon die Fähre nach Harwich an Großbritanniens Südostküste. Was dann geschah, beschrieb der Reporter einer Regionalzeitung: «Als die Kinder der Reihe nach durch den Schiffs- salon liefen, wurden sie „etikettiert“. Jemand rief „Hans Jacobus“. Ein Junge trat vor, nahm seine Mütze ab und eine Frau hängte ihm einen Gepäckzettel mit Namen und Nummer um den Hals. Auf diese Weise dauerte es mehr als vier Stunden, bis alle Flüchtlinge von Bord gegangen waren. Niemals zuvor war eine traurigere Schiffsladung beim Zoll in Harwich abgefertigt worden.»
Diesem ersten Kindertransport waren zwei einschneidende Ereignisse vorausgegangen. Zum einen eine internationale Flüchtlingskonferenz im Sommer 1938 in Evian, auf der französischen Seite des Genfer Sees gelegen. Der damalige US-Präsident Roosevelt und die britische Regierung hatten im Namen des Völkerbundes alle europäischen Staaten zu einer Beratung geladen, um sie zu veranlassen, die Grenzen für die in Nazi-Deutschland Verfolgten zu öffnen. Der Appell blieb folgenlos. Nicht ein einziges Land war bereit, seine Tore wenigstens einen Spalt breit zu öffnen.
Nur ein paar Monate später inszenierten Hitler, Göring und Goebbels die Reichspogrom- nacht. In der Nacht vom 9. auf den 10. November fegte eine Orgie der Gewalt durch die «deutschen Lande». Tausende Juden wurden in die Konzentrationslager von Sachsen- hausen, Dachau oder Buchenwald verschleppt, Geschäfte und Wohnungen zertrümmert, hunderte Synagogen eingeäschert, materielles Eigentum in Millionen Höhe verwüstet und geraubt. Das internationale Echo dagegen war kaum wahrnehmbar. Mit einer Ausnahme. Angespornt durch Gespräche und Hilferufe reagierte die britische Regierung binnen weniger Tage. Sie beschloss, ab sofort Kinder jüdischer Familien im Königreich aufzu- nehmen. Der ökonomischen Entwicklung und Millionen Arbeitslosen im Land Rechnung tragend, durften ausschließlich Kinder einreisen. Quasi über Nacht bildeten sich Gremien aus Verbänden jüdischer Gemeinden und auch Quäkern, um in kürzester Zeit Kinder zwischen drei und 17 Jahren aufzunehmen. Die Regierung beschloss, das übliche Verfahren für Einreiseanträge zu vereinfachen, als die Reichsvertretung der Juden in Deutschland sowie die Israelitische Kultusgemeinde in Wien die britischen Behörden ersuchten, den Kindertransporten keine Hindernisse in den Weg zu legen. Die Regierung der Niederlande erteilte umgehend die Erlaubnis, den Transit der Züge ohne jegliche For- malitäten zu gestatten und die Kinder bis zum Fährhafen zu betreuen. Das NS-Regime in Berlin verfügte, dass die wenigen Erwachsenen, die die Kinder begleiteten, sofort wieder nach Deutschland zurückkehren müssten.
Als die ersten Transporte ankamen, wurden die Reisenden zunächst in Sommerferien- lagern untergebracht, die für einen längeren Aufenthalt in den Wintermonaten nicht ge- eignet waren. So fehlten zu Beginn Decken, wärmende Heizgeräte und auch Pflegeeltern, die Kinder ohne verwandtschaftliche Beziehungen aufnahmen. Aus dem Nichts entstand ein Flüchtlingskomitee. Hunderte ehrenamtliche Helfer, in der Mehrzahl Frauen, arbeiteten an manchen Tagen bis zur physischen Erschöpfung, um den zum Teil traumatisierten Kindern den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Die Bereitschaft, Kinder aufzunehmen, war dabei groß, auch bei nicht-jüdischen Familien. Dass gelegentlich auch Eigennutz im Spiel war, hübsche blauäugige Mädchen mit blonden Haaren aufmüpfigen Jungen vorgezogen wurden, blieb eine Randerscheinung und dass auf diesem Weg eine billige und willige Haushaltshilfe zu bekommen auch nicht zu verachten sei, dachten sich nur Vereinzelte. Ab Anfang 1939 dann hatte sich das Procedere eingespielt.
Es war inzwischen Juli geworden, als man uns in eine für die Ankommenden reservierte Halle führte und jedes Kind einzeln aufrief. Alle Züge endeten im Londoner Bahnhof Liver- pool Street. Mich nahm ein netter Mann in Empfang und ging mit mir zu einem direkt neben dem Bahnsteig abgestellten Auto. Bis in die vierziger Jahre konnten Taxis in den großen Londoner Bahnhöfen direkt an die Bahnsteige fahren. Der mich in Empfang- nehmende brachte mich zu einer Familie, die bereits 1934 aus Hamburg nach England ausgewandert war. Ich war verunsichert, hatte ich doch erwartet, von einer Cousine meiner Mutter aufgenommen zu werden, die mit ihrem Mann und den zwei Söhnen in einem komfortabel ausgestatteten Haus im gediegenen Stadtteil Hampstead residierte. Doch ich passte wohl nicht in ihr Ambiente. Mein Aufenthalt bei der Hamburger Familie sollte ein sehr kurzer werden. Schon zwei Wochen später fuhr ich allein mit dem Zug nach Bourne- mouth an der Kanalküste. Aufnahme fand ich in einem Jugendwohnheim. Dort lernte ich Hans Jacobus kennen, der mir als bereits «alter Hase» beim eingewöhnen half. Wir haben uns bis zu seinem Tod nicht mehr aus den Augen verloren.
Die Britische Regierung hatte als Sicherheitsgarantie für jedes einreisende Kind eine Summe von 50 Pfund Sterling gefordert. Freunde in London fanden für mich heraus, dass es sich nach heutigen Kriterien um eine Summe von 12.500 Pfund oder 15.000 Euro handelte. Dass diese Bürgschaft zehntausend Male aufgebracht wurde, bestätigt die große Hilfsbereitschaft der Bevölkerung. Die Behörden gewährleisteten auch den weiteren Schulbesuch von noch Schulpflichtigen. Den etwas Älteren wurde eine berufliche Aus- bildung ermöglicht. Wenige Stunden vor dem 1. September, dem Tag, an dem Hitler den Zweiten Weltkrieg entfesselte, verließ der letzte Transport Berlin. |