Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Ich bin kein Mensch für schöne Überschriften»Der «jüdische Kantor» von Potsdam, Ud Joffe, dirigiert Bachs Weihnachtsoratorium und ringt um die jüdische Identität seiner Kinder«Jauchzet, frohlocket» wird es zur Weihnachtszeit wieder in der christlichen Hemisphäre erklingen. Das Weihnachtsoratorium, die berühmteste und meistaufgeführte geistliche Komposition von Johann Sebastian Bach, wird am 20. Dezember auch die eintausend Besucher der Potsdamer Erlöserkirchean ihr kulturelles Erbe erinnern. Der Neue Potsdamer Kammerchor, ein renommierter semiprofessioneller Chor der brandenburgischen Landeshauptstadt, wird dann in dem neogotischen Kirchenbau nach dem Ertönen der Pauken, dem Erschallen der Trompeten rufen. An und für sich nichts Ungewöhnliches in der evangelischen Gemeinde in Potsdams Gründerzeitviertel Brandenburger Vorstadt. Wäre da nicht Ud Joffe, der künstlerische Leiter des Chores, Dirigent und Vokalmusikexperte und seit nunmehr elf Jahren Kantor an der Erlöserkirche. Joffe, das ist eine der ungewöhnlichsten Figuren im Land des unierten Protestantismus, er ist der «jüdische Kantor».
Ein Donnerstagvormittag Ende November. Ein Tag ohne Proben, ohne Auftritte, ohne Presseveranstaltungen. Ud Joffe, in legerem Hausanzug gekleidet, führt durch seine geräumige Altbauwohnung ins Arbeitszimmer. Kinderzeichnungen zieren die Flur und Stubenwände auf denen lateinische und hebräische Buchstaben wild umhertanzen. Hier, in einem roten Backsteinhaus der Erlösergemeinde, wohnt der 41-jährige Israeli mit seiner deutschen Frau Annette, einer Japanologin, und den zwei gemeinsamen Kindern, Noa und Ben. Von der Erdgeschosswohnung aus blickt man auf die Vorderseite der Erlöserkirche und deren mit 74 Metern das Stadtviertel dominierenden Turm.
«Alles über Sitten und Musik lernen»
Angekommen wirkt Joffe in vielerlei Hinsicht. Beruflich, privat, auch sprachlich. «Ich bin jetzt seit 1993 in Deutschland, also 15 Jahre. Es wäre an der Zeit, die richtigen Artikel zu benutzen», flachst Joffe, nachdem er es sich auf dem Schreibtischsessel zwischen Computer und Klavier bequem gemacht hat. Das Arbeitszimmer ist zugestellt mit Kisten voller Prospekte, Flyer und Notenbücher. Joffe hat in der Zeit viel gearbeitet: Konzerte mit den Berliner und Brandenburger Symphonikern, dem Kammerorchester der Komischen Oper Berlin, der Brandenburgischen Philharmonie Potsdam und der Baltischen Philharmonie Gdansk, von 1996 bis 1998 Dirigent und künstlerischer Leiter des Sibelius-Orchesters Berlin, seit Herbst 1997 Kantor in Potsdam, 1999 Gründung des Neuen Potsdamer Kammerchors, 2000 Gründung des Neuen Kammerorchesters Potsdam, und, als bisheriger Höhepunkt, die Initiierung eines eigenes Festivals, den Potsdamer Vokalwochen «Vocalise». Diese organisierte und leitete Joffe im November 2008 zum achten Mal. Mit jedem Jahr steigt deren künstlerische Qualität und Publikumsresonanz. Außerdem leitet Joffe seit drei Jahren die Kinderkantorei der Erlöserkirchengemeinde und den Berliner Laienchor Neuer Chor Berlin, arbeitet als freischaffender Dirigent, wirkt bei zahlreichen Opernprojekten im Land Brandenburg mit. Sein Neuer Potsdamer Kammerchor zählt aktuell zu den besten Vokalmusikensembles in Mitteldeutschland und strahlt darüber hinaus. Mit dem Chor war Joffe unter anderem schon zweimal in seiner israelischen Heimat auf Tournee. Eine dritte Reise im Jahr 2009 ist in Planung.
Dabei schwebte Joffe sein Potsdamer Werdegang anfänglich so gar nicht vor. «Als ich am 17.Oktober 1997, an meinem 30. Geburtstag, den Vertrag beim Gemeindekirchenrat unterzeichnete, war mir noch nicht klar, dass ich so lange hier bleiben würde», erzählt der großgewachsene Mann mit dem lichten Haupt. Nach dem Studium, Joffe lernte Dirigieren, Komposition und Musiktheorie an der Rubin Academy of Music and Dance in Jerusalem, ging er zunächst für ein Jahr nach Paris, hospitierte dort bei verschiedenen Instrumentalensembles unter Philipe Herreweghe und Daniel Barenboim. Mitte der 1990er, schon in Berlin, absolvierte er ein Aufbaustudium in Chordirigieren an der Hochschule der Künste. Das Arbeitsangebot an der Kantorei der Erlöserkirche erachtete Joffe seinerzeit als interessante Lehrzeit: «Als junger Musiker war ich daran interessiert, in die christliche Gemeinde reinzukommen, alles zu lernen, was ich lernen konnte über die Sitten, über die Musik. Dabei hatte ich immer im Hinterkopf, diese Erfahrungen später in Israel oder anderswo umzusetzen.»
Die Hassliebe des Vaters
Das Telefon klingelt. Joffe bespricht einen Probentermin. In seinem Arbeitsumfeld wird der Israeli für seine künstlerische Offenheit, Professionalität und Innovation geschätzt. Er wagt Experimente, lässt verschiedene musikalische Stile und Traditionen miteinander verschmelzen, bringt Ideen für Neuinterpretationen ein. Joffe bezeichnet sich selbst als musikalisch «universell»: «Gut, wahrscheinlich bin ich ein Vokalspezialist geworden. Aber ich fühle mich sowohl im Jazz wie in später mittelalterlicher Musik, in Barock, Romantik, Moderne, vokaler, instrumentaler, geistlicher und weltlicher Musik zu Hause. Ich habe den Überblick und das macht mir auch Spaß.» Schon als Fünfjähriger tastete sich Joffe auf dem heimischen Klavier im israelischen Ramat Gan voran, spielte später Posaune, dann Gitarre. Als Jugendlicher machte er Pop und Rock, dann Jazz, dann Klassik.
Eine Musikertradition in der Familie kann Joffe nicht ausmachen. Es gibt da das Vermächtnis seines Vaters: «Er hat zu Hause immer laut Strauß und Wagner gehört. Teilweise habe ich es gemocht. Mein Vater hatte so eine Hassliebe auf Deutschland. Er verehrte die Deutschen für ihre Präzision und ihren Perfektionismus. Diese Verehrung beinhaltete aber auch die Gewissheit, dass nur die uns den Holocaust antun konnten.» Joffes Vater, der vor ein paar Jahren schwer erkrankte, ist es auch gewesen, der ihm eine unkonventionelle Art zu Denken und eine große Wahrheitsliebe mit auf den Weg gab. «Er war nie politisch korrekt, hat immer Tacheles geredet, immer gegen den Strich», erinnert sich Joffe.
Vielleicht ein Grund dafür, warum der israelische Musiker den Spagat zwischen seiner eigenen Identität als Jude und der beruflichen Verpflichtung als christlicher Kantor gewagt hat. Wurde das seitens der Kirche nie problematisiert? «Mir ist nicht bekannt, dass die Evangelische Landeskirche Berlin-Brandenburg- schlesische Oberlausitz, die Dachorganisation, das irgendwann mal zum Politikum gemacht hat.» Eine Direktanstellung bei der Kirchengemeinde in Potsdam ist jedoch kirchenjuristisch nicht möglich. So wurde Joffe in den ersten Jahren über Honorarverträge beschäftigt. Das technische Problem der falschen Konfession des Kantors wurde von den Potsdamern vor drei Jahren mit der Einrichtung des Vereins «Musik an der Erlöserkirche» gelöst, bei dem Joffe seitdem angestellt ist. «Es gab Stimmen, die meine Anstellung als Kantor zum Präzedenzfall für eine generelle Neuregelung der Beschäftigungsbestimmungen der Kirche machen wollten. Ich übe aber keinen Druck in die Richtung aus, finde die Lösung in Ordnung», meint Joffe zum Potsdamer Modell. Und er versteht das Dilemma der Kirche sehr gut, die sich angesichts des jüdischen Kantors fragt: «Bricht das mit unseren eigenen Prinzipien?» Prinzipien sind Joffe im Laufe seiner Arbeit und seines Lebens in Potsdam wichtig geworden.
«Keine Hure, die für Geld alles macht»
In seiner Zeit als Kantor, Chor- und Orchesterdirigent in Potsdam erarbeitete und leitete Joffe zahlreiche chorsinfonische Werke, von Johann Sebastian Bachs H-Moll-Messe, der Johannes- und der Matthäus-Passion, dem Oratorium «Saul» von Georg Friedrich Händel, Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 2, das Stabat Mater von Szymanowski. «Durch die ständige Beschäftigung mit geistlicher Musik und mit dem Christentum fühlte ich mich dem auch sehr nah. Bis es fast nicht mehr klar für mich war, welche Identität ich habe. Ich war so eine Art Judeochrist. Ein 34-jähriger junger Musiker in Potsdam, der einzige Israeli. Mit den paar Russen in der Jüdischen Gemeinde konnte ich nicht viel anfangen. Ich hab mit meinen Eltern telefoniert, vielleicht ein paar Kerzen zu Chanukka angezündet und ging dann einfach zur Probe fürs Weihnachtsoratorium.»
Einen direkten Versuch seitens der Kirche, ihn zum Konvertieren zu bewegen, hat es nie gegeben. Aber Joffe sah bald die Notwendigkeit eines offensiven Umgangs mit der christlich-jüdischen Thematik. Als er mit dem Kammerchor im Jahr 2000 die Matthäus-Passion aufführte, stellte er dem ein dreitägiges wissenschaftliches Symposium voran. «Ich konnte das explosive Werk Bachs nicht einfach so kommentarlos machen. Dann hätten die Leute gesagt „Der Joffe ist eine Hure. Der macht alles, Hauptsache die Kasse stimmt“». Als zentrales Thema des Symposiums wollte Joffe die Bedeutung der Heils- geschichte erörtern. «Aber am Ende wollten alle nur über Antijudaismus in der Kirchenmusik sprechen», erzählt Joffe. Die spätere Aufführung der Matthäus-Passion hatte ihre eigene Dynamik. Nach der Inszenierung lud der Gemeindepfarrer Joffe indirekt zum christlichen Abendmahl ein. Er ging nicht hin.
Joffe glaubt heute nicht an eine interreligiöse Ökumene, sieht seinen Weg vielmehr in der Abgrenzung der eigenen Identität. «Natürlich gibt es viele Ähnlichkeiten zwischen Judentum und Christentum und man könnte sagen „Ach, lass uns die paar Unterschiede beiseite räumen und konzentrieren wir uns auf die Gemeinsamkeiten.“» Aber Joffe ging nicht den Weg eines Judeo- christen, sondern durchlebte einen Umwandlungsprozess vom säkularen, zionistischen Israeli hin zum gläubigen Diasporajuden. In den letzten Jahren beschäftigt er sich viel mit jüdischer Philosophie und der Entwicklung des Judentums. «Erst heute fang ich an, mich als Jude zu definieren und nicht als Israeli. Eine Sache, die mir allerdings unweigerlich hilft, israelisch zu bleiben, ist das deutsche Einwanderungsgesetz, das mir keine doppelte Staatsbürger- schaft erlaubt.»
«Ich will keine Weihnukka»
Der Rückkehrprozess zum Judentum begann für Joffe verstärkt nach der Geburt seiner beiden Kinder. «Es gab so einen kritischen Punkt. Ich wollte nicht, dass meine Kinder so intensiv Weihnachten und Ostern feiern. Ich möchte keinen Weihnachtsbaum zu Hause haben. Auch wenn meine Tochter weint, weil sie wie alle anderen Kinder in der Schulklasse auch einen Baum möchte. Ich bleibe da streng. Diese kleinen Äußerlichkeiten prägen, gerade in der Kindheit. Ich halte Multikulti für ein bisschen gefährlich. Alle sind nett zueinander, aber nichts ist wirklich wichtig. Ich will keine «Weihnukka», keinen Mischmasch aus Weihnachten und Chanukka. Ich will Klarheit. Wenn man eine klare Identität hat, kann man anderes mehr mögen. Natürlich kommt es zu gegenseitigem Einfluss. Ich habe an der Stelle keine fixe Antwort. Das ergibt das Leben.»
Auf dem Pult des Klaviers in Joffes Arbeitszimmer steht ein Notenheft. «Noten in Farben» ist sein hebräischer Titel. Das hat die siebenjährige Noa von der Tante aus Israel geschenkt bekommen. Joffe erzählt, dass seine Tochter jetzt auch schon eigene kleine Stücke schreibt. Noa ist musikalisch. In den Kinder- chor der Kantorei, den Joffe auch leitet, möchte er sie aber nicht schicken. «Das ist eine zu starke christliche Prägung», sagt Joffe. «Das schmerzt mich, ich will es aber nicht. Ich muss aufpassen, dass meine Kinder eine Identität bekommen, mit der ich leben kann.» Zuhause sprechen die Joffes heute nur Hebräisch. Der Sohn Ben, vier Jahre, ist medizinisch beschnitten. Beide Kinder sind aber im religiösen Sinne keine Juden. Dafür müsste die Mutter jüdisch sein, so schreibt es das jüdische Religionsgesetz vor.
Die jüdische Identität seiner Kinder ist Joffe auch aufgrund seiner Familien- geschichte so wichtig. Sein Vorname birgt eine Bestimmung in sich. «Ud» bedeutet übersetzt «Brandscheit» und bezieht sich auf die Bibelstelle Amos 4,11: «…und ihr wart wie ein Brandscheit, der aus dem Feuer gerissen wird». «Als Kind fand ich das doof», erinnert sich Joffe. «Mich haben immer gleich alle gefragt, ob meine Eltern Holocaustüberlebende sind. Bis heute nennen mich die Leute in Israel Udi. Erst in Deutschland hab ich mich langsam an meinen Vornamen gewöhnt.» Joffe muss an dieser Stelle lachen. «Die Kreise schließen sich. Erst hier wurde ich mir des Ganzen bewusst.»
Joffes Großeltern väterlicherseits wanderten 1936 von Riga nach Palästina aus, wo sein Vater 1937 geboren wurde. Sie waren die Einzigen der Familie, die den Holocaust überlebten. Joffe denkt heute oft daran: «Bin ich das letzte Blatt auf dem Ast? Nach mir ist Schluss? Habe ich Hitler bei der Endlösung geholfen? Bin ich der letzte Mohikaner? Ich bin der Brandscheit – aber ich werde erlöschen? Wird es aus meiner Linie keinen neuen Teil mehr für das jüdische Volk geben? Das ist schon ein blöder Gedanke für mich. Deshalb werde ich mein Bestes tun. An dieser Stelle hilft mir aber das Judentum nicht. Als jüdischer Vater kann ich meinen Kindern die jüdische Identität de jure ja nicht mitgeben.» Bliebe also nur die Konversion der Ehefrau.
«Das ist zu einem langen, leidigen Thema geworden», sagt Joffe dazu. «Bisher hat es nicht gereicht, um einen Konversionsprozess zu Ende zu bringen. Ich warte jedoch nicht bis dahin, um meine Kinder jüdisch zu prägen. Ich hoffe, dass meine Frau das für sich und meine Kinder macht. Wenn sie es nicht tut, werden es meine Kinder später selbst machen, hoffe ich.»
Eine Frage des Bekenntnisses
Ist Joffe heute also ein religiöser Mensch? «Ich bin ein sehr rationaler Mensch. Mir hat bei meiner Identitätssuche der israelische Philosoph Jeschajahu Leibowitz sehr geholfen. Der war ein absoluter Wissenschaftler, ein rationaler Mensch, ist aber bis an sein Lebensende ein strenggläubiger Jude geblieben. Er hat mir ein paar Wege gezeigt und Möglichkeiten eröffnet, sehr rational zu glauben. Ich glaube heute, weil ich glauben will und nicht aus Furcht, sondern aus Liebe. Monotheismus lebt von der Liebe zu glauben, vom Willen. Das sagt auch Leibowitz: Du willst glauben, aber du musst nicht. Ob ich glaube, dass Gott am Berg Sinai Moses die zehn Gebote in Stein gemeißelt hat? Natürlich glaube ich das so nicht. Genauso wenig wie ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn und wiederauferstanden ist. Es ist eine Frage von Bekenntnis und nicht von naivem Glauben. Das ist eher die Art, wie ich glaube.»
Auch in seiner Arbeit spielt die Suche nach der eigenen Tradition eine zunehmend wichtigere Rolle. «Ich war immer sehr vorsichtig mit meinem jüdisch-israelischen Profil. Ich bin hierher gekommen, um die Bedürfnisse der Gemeinde zu erfüllen, und nicht um meine Kultur zu präsentieren», blickt Joffe zurück. Erstmals hat er 2004 sein Vokalfestival «Vocalise» unter das Thema «Jüdische und israelische Musik» gestellt. Auf den diesjährigen Vokalwochen nahmen Stücke mit jüdischer Tradition wieder einen zentralen Ort ein: Joffe leitete unter anderem das «Maykomaschmalon» von Vladimir Godar, Mark Kopytmans «Kaddisch», Ella Milch-Sheriffs «Schwarz bin ich…». Offizielles Thema der 2008er «Vocalise» war «Interkultureller Dialog». «Ich hatte eigentlich keine Lust auf die abgedroschenen Floskeln», sagt Joffe. «Ich habe das Thema schärfer formuliert. Dialog heißt immer auch die Auseinander- setzung mit unterschiedlichem Gedankengut. Darin stecken Chance und Gefahr. Dialog bringt eine Infragestellung der eigenen Denkweise.»
Ein Licht, das in die Welt gebracht
Joffe weiß, dass er mit dieser Sichtweise auch auf Unverständnis stößt. «Ich bin nicht für Friede, Freude, Eierkuchen und politisches Korrektsein. Ich bin kein Mensch für schöne Überschriften. Ich möchte das schon ein bisschen genauer betrachten.» Joffe ist ein politischer Mensch, mischt sich heute auch in die Entwicklung jüdischen Lebens in Potsdam ein. Am 9. November, auf der lokalen Gedenkveranstaltung anlässlich des 70. Jahrestags der Pogromnacht, herrschte unter den Anwesenden große Zuversicht angesichts der politischen Weichenstellung für den Bau einer Synagoge in Potsdam, der ersten im Land Brandenburg. «Aber wir wollen keine Immobilienverwalter werden», merkte Joffe kritisch an. «Wir wollen die Synagoge als das Herz jüdischen Lebens zum funktionieren bringen. Aber wie? Unser Gemeinderabbiner ist mit seinen Kräften und seiner Geduld am Ende. Nach zehn Jahren gibt es immer noch keine Aussicht auf ein Grundbudget für die Gemeindeaktivitäten. Potsdam und Brandenburg müssen endlich aus dem Knick kommen.»
Wenn Joffe am 20. Dezember das «Weihnachtsoratorium» in der Erlöserkirche dirigiert, werden die Potsdamer keine Gedanken an die Struktur- und Finanzprobleme verschwenden. Zum elfen Mal wird Joffe die Kammerchor- sänger zum Jauchzen und Frohlocken antreiben. Was er heute dabei empfindet? «Ich habe mich klipp und klar zur Verfügung gestellt, mit den Leuten ihre Kultur zu feiern. Das machte ich in den ersten zehn Jahren sicher mit mehr Elan und mehr inhaltlicher Verbundenheit und Identifikation. Heute habe ich da vielleicht die nötige Distanz und Professionalität. Ich bin auch heute noch emotional, aber nicht mehr so bereit wie früher, mich in die Figur und die Symbolik von Jesus Christus, seine Geburt, seine Taten Hineinzu- versetzen.» Weihnachten ist für ihn theologisch nicht so problematisch wie Ostern. «Das ist eine Geburt, alle freuen sich. Es gibt ein „Jesulein klein, Jesulein mild“. Ich bin sehr gern dabei, ich mag das Fest. Ein Fest von Frieden und Freude, eine neue Qualität für die Welt, ein Licht, das in die Welt gebracht wurde. Aber nach der Aufführung, am 21. Dezember, zünde ich die erste Kerze zu Chanukka an.» |