SS versus PC

Die jüdische US-Komikerin Sarah Silverman ist - leider sehr unkomisch - im deutschen Fernsehen zu sehen

 

In den USA gibt es eine Kultur der «political correctness». Und es gibt Sarah Silverman. Sie ist die derzeit wohl angesagteste Jüdin in den USA, betrachtet man die Größe ihres Publikums auf der Internetvideobörse «YouTube» als ein Erfolgsbarometer. Sarah Silverman ist auf entwaffnende Art scharfzüngig und politisch. Es gibt keine Minderheit und kein noch so brisantes Thema, über das sie hinweggeht. Sie macht sexistische, rassistische, ungehobelte Witze und den Holocaust, Aids oder ihre eigene Person zum Gegenstand bitterböser Satire. Während uns das deutsche Fernsehen mit schnöden Witzen, vorgetragen von noch schnöderen Komödianten anödet und man sich beim Anblick gefüllter Mario-Barth-Olympiastadien jedes mal erneut die Gewissensfrage stellen muss, ob nicht der eigene Zeitgeist der wahre Terroranschlag dieser Tage ist, sendet der US-amerikanische TV-Sender «Comedy Central» seit zwei Jahren das «Sarah Silverman Program». Seit Oktober ist die Show auch im deutschen Fernsehen zu sehen.

 

Doppelmoral entlarvt

 

Im «Sarah Silverman Program» tritt die 38-Jährige unter ihrem eigenen Namen auf und spielt eine naive und egozentrische Mittdreißigerin, die sich von ihrer altruistischen Serienschwester (die übrigens von ihrer wirklichen Schwester Laura gemimt wird) aushalten lässt und mit Frechheit brilliert. In den USA hat Silverman mit ihren Auftritten längst schon Kultstatus erreicht, weil sie die Doppelmoral ihrer Mitbürger auf geistreiche und die für sie so typisch unschuldige Art entlarvt. Silverman spielt mit rassistischen Ressentiments, die innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft nicht nur in der rechten Szene existieren. Ein Beispiel: «Der Holocaust wäre nie passiert, wenn in den 1930ern und 40ern Schwarze in Deutschland gelebt hätten…nun, er wäre den Juden nicht passiert.» Ihr verbaler Rassismus ist ein kulturkritischer Kommentar über das US-amerikanische Selbstverständnis. Sie trifft die liberale Mitte der Amerikaner genau dort, wo es am meisten wehtut – in ihrer Idee von gelebter kultureller Toleranz. Sie selbst stammt aus jenem aufgeklärten Ostküsten-Milieu, dem sie den Spiegel vorhält und deren Eigenarten sie zur Satire verarbeitet. Fragt man einen Republikaner aus Texas nach Sarah Silverman, wird er aller Wahrscheinlichkeit nach verwundert den Kopf schütteln und bekennen, diesen Namen noch nie gehört zu haben.

Plakat zu Silvermans Film "Jesus is Magic" aus dem Jahr 2005. Foto: dpa

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aufgewachsen ist Sarah Silverman mit vier älteren Schwestern im Bundes- staat New Hampshire als Tochter einer liberalen jüdischen Einwandererfamilie aus Osteuropa. Ihre ersten Gehversuche im Komödienfach machte sie in der US-Sendung «Saturday Night Life». Doch blieb die Arbeit als Autorin und Schauspielerin für dieses Programm eine relativ kurze Episode, da den durchweg männlichen Produzenten die unkonventionelle Art von Silverman missfiel. Eine Art, die ihr im Zuge der letzten Jahre zu Schlagzeilen und Bekanntheit verhalf. Nach Erscheinen ihres Films «Jesus is Magic» im Jahr 2005, in dem sie religiöse Befindlichkeiten auf die Schippe nimmt, hagelte es Proteste. Auch politisch wird Silverman aktiv. Dieses Jahr trat sie mit einem sommerlichen Wahl-Aufruf in Erscheinung: «The Great Schlep», jiddisch- amerikanisch für «Die große Anstrengung». Per Videobotschaft forderte sie amerikanischjüdische Jugendliche auf, die Großeltern im für die Präsident- schaftswahl entscheidenden Bundesstaat Florida zu besuchen und von Barack Obama zu überzeugen. Es hat anscheinend geholfen.

Unlustiges Sanierungsopfer

Mit dem hiesigen Start von «Sarah Silverman Program» auf dem schwächelnden Spartensender und deutschen Ableger von «Comedy Central» offenbart sich eine deutsche Eigenart. Die Ausstrahlung hat einen gravierenden Makel, denn die Fernsehmacher entschieden sich für eine synchronisierte Fassung. Das Resultat ist zum Schreien unkomisch. Das Pointierte ihrer Komik erzeugt Sarah Silverman nicht nur auf inhaltlicher Ebene. Ihre quirlige Stimme gepaart mit einem entspannten und unprätentiösen Ostküstenjargon tragen mit dazu bei, dass ihre Tabubrüche derart schonungslos wirken. Von dem netten jüdischen Mädchen von nebenan erwartet man diesen Ungehorsam nicht. Durch den fragwürdigen Akt der Synchronisation geht Silvermans politisch inkorrekter Habitus zum großen Teil verloren. Wortneuschöpfungen oder sprachliche Charakteristika, die auf unterschiedliche soziale und gesellschaftliche Milieus verweisen, sind nicht übersetzbar. Das unlustige Sanierungsopfer wirft die Frage auf, ob Deutsche unter Umständen politisch korrekter sind als der so oft belächelte übermächtige politische Partner. Da müssen viele in der deutschen Gesellschaft möglicherweise ihren antiamerikanischen Gestus korrigieren. Der O-Ton der Sendung erzählt nämlich von den USA, die kein monolithischer Gesinnungsblock sind. Er skizziert eine vielschichtige Gesellschaft, die ihre Schwächen mit herrlicher Selbstironie kommentiert. Eine Selbstironie, die ihresgleichen hierzulande noch nicht gefunden hat.

Karola Kallweit

«Jüdische Zeitung», Dezember 2008