«Nach dem Ende der Schönheit»

von Haris Vlavianos

Mit dem Griechen Haris Vlavianos stellt uns der Hanser-Verlag in der vierten Folge seiner wunderschön gestalteten neuen Reihe «Edition Lyrik Kabinett» eine wirklich kosmopolitische Dichterpersönlichkeit vor, deren Entdeckung für das deutsche Publikum längst überfällig war. Vlavianos wurde 1957 in Rom geboren, wuchs in Brasilien auf, legte sein Abitur in Athen ab und studierte in Bristol und Oxford. Er lebt heute in Athen, wo er am American College of Greece lehrt und die renommierte Literaturzeitschrift «Poiisi» herausgibt. Ähnlich wie sein Lebensweg verraten auch seine unmittelbar zugänglichen, von kleinen wie großen Fragen der Philosophie bewegten, äußerst lebensnahen Gedichte deutlich erkennbar die vielfältigsten Einflüsse einer globalisierten Welt: von den großen griechischen Dichtern der Moderne lässt sich vor allem der Nobelpreisträger Seferis erahnen, mit dem Vlavianos' Familie die kleinasiatische Herkunft teilt, während er selbst Dichter wie Keats, Shelley, Eliot oder Hughes als wesentliche Einflüsse nennt. Whitman, Pound und Pessoa hat er, neben anderen, ins Griechische übertragen. «Nach dem Ende der Schönheit», eine wunderbare Essenz aus Vlavianos' sechs bisherigen Gedichtbänden, präsentiert uns einen Dichter, der sich ohne wenn und aber der Lyrik verschrieben hat: «Wenn du mit einem Gedicht lebst, // wirst du allein sterben.// Wenn Du mit zwei Gedichten lebst,//wirst du gezwungen sein, eines zu betrügen.» Die große Stärke des Dichters ist seine Klarheit im Ausdruck und in der Metaphorik, die Vielzahl seiner in jeder Hinsicht geglückten wie auch beglückenden Bilder, die seine Verse auch dem in der Lektüre lyrischer Texte ungeübten Leser sofort zugänglich machen. Zwar ist Vlavianos ein Skeptiker, aber ein durchaus ironischer und hoffnungsvoller: «Wenn dich die Angst vor dem Tod peinigt,// werden dich deine Gedichte retten.» Das mag nicht nur für den Schöpfer dieser Verse gelten, sondern auch für den Leser.

Florian Hunger

«Nach dem Ende der Schönheit»
aus dem Griechischen von Torsten Israel
Hanser, 100 Seiten
14,90 Euro

 

«Jüdische Zeitung», April 2007