Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Gottes neue KirchenDeutschlands Kirchen zwischen Abriss, kontrolliertem Verfall und Profanierung. In einigen Fällen wir aus der Kirche eine Synagoge
Die Kirchenbauten in Deutschland sind bedroht. Angesichts schwindender Mitgliederzahlen und sinkender Kirchensteuereinnahmen machen sich die christlichen Gemeinschaften in Deutschland Gedanken, wie sie zukünftig mit ihren kostenaufwendigen Immobilien umgehen sollen. Zwischen finanziellen, emotionalen und theologischen Hürden wird so ein Weg des kontrollierten Verfalls, des Abrisses und der Profanierung der Gebäude gewählt. Gelegentlich wird auch der Umwandlung in Gotteshäuser anderer Religionsgemeinschaft zugestimmt, wie in den Fällen der aus Kirchen entstandenen Synagogenbauten in Hannover und Bielefeld geschehen.
An manchen Orten entstehen aber auch Kirchenneubauten. Eine Gefahr des Verlustes des durch die Kirchenbauten geprägten christlichen Erscheinungsbildes Deutschlands besteht jedoch angesichts der aktuellen Zahlen nicht. Derzeit befinden sich etwa 60.000 Gebäude in Deutschland im Eigentum der römisch-katholischen Kirche. Davon sind etwa 24.500 Kirchen, von denen etwa 23.000 unter Denkmalschutz stehen. Im Eigentum der evangelischen Landeskirchen Deutschlands befinden sich derzeit rund 75.000 Gebäude. Dazu zählen etwa 21.000 Kirchen, 2.500 Friedhofskapellen und mehr als 3.100 Gemeindezentren mit Gottesdiensträumen. Circa 25.000 Gebäude stehen unter Denkmalschutz.
Immer wieder taucht in Veröffentlichungen und Debatten die Vorstellung auf, dass Kirchen im Gegensatz zu Moscheen oder Synagogen nicht einfach nur Versammlungsräume für Gläubige seien, sondern «Gotteshäuser». Das sei aber theologisch betrachtet im Grunde Unsinn, meint Andreas Poschmann vom Deutschen Liturgischen Institut in Trier. Selbst für Katholiken sei ihre Kirche kein Raum, in dem Gott gegenwärtig wohnt. «Eine Kirche ist doch kein Tempel», sagt Poschmann. Nach der letzten Fassung des deutschen Messbuches von 1975 muss in einem sakralen Raum eine würdige Feier gewährleistet sein: «Christus ist gegenwärtig in seiner feiernden Gemeinde, in dem für den Vollzug der Messe autorisierten Amtsträger, im Bibelwort und in seiner eucharistischen Gestalt von gewandeltem Blut und Wein, das im Tabernakel aufbewahrt wird».
Eine höhere Gottesverhaftung des Gebäudes gebe es in der katholischen Theologie somit nicht, meint Poschmann. Zwar werden Kirchen auf ewig und immer geweiht, können aber bei Nichtmehrnutzung per Dekret des Ortsbischofs relativ einfach profaniert werden. Dann ist das Kirchgebäude religiös so bedeutsam wie eine Autogarage. Umnutzung oder gar Abriss von Kirchen sind daher weniger ein theologisches, als vielmehr ein emotionales Problem. Familien sind über Generationen mit Kirchgebäuden verbunden, haben hier ihre Taufe oder Hochzeit erlebt. Das erklärt auch die hohe Spendenbereitschaft der Bürger etwa beim Wiederaufbau von Kirchenruinen.
Katholische: Keine Umwandlung in Moschee oder Synagoge
Die deutsche Bischofskonferenz hat deshalb im Jahr 2003 eine Arbeitshilfe für die Profanierung von Kirchen herausgegeben. Demnach soll eine Gemeinde zuerst versuchen, die liturgische Nutzung zu ändern, etwa indem aus der einst parochialen Kirche eine City- oder ortsübergreifende Jugendkirche wird. Gelingt dies nicht, soll das Gebäude für andere, zum Beispiel karitativ-diakonische, Aufgaben genutzt werden: als Speisesaal für die Tafeln oder kirchliche Verwaltungsbüros. Gelingt dies alles nicht, wird über den Verkauf einer nicht mehr benutzten Kirche nachgedacht. Allerdings soll dabei auf die religiösen Gefühle der Gläubigen Rücksicht genommen werden. Ehemals katholische Kirchen sollen nicht dem Kultus anderer Religionsgemeinschaften dienen. Explizit Muslime, Buddhisten oder Sekten sollen alte Kirchen nicht nutzen dürfen.
Aber auch eine Umwandlung in eine Synagoge ist ausgeschlossen. Das möchten die Bischöfe nicht, sagt Katholik Poschmann. Als ultima ratio steht der Abriss der Kirche zur Disposition. «Im Moment denken viele Architekten und Diözesanbauämter aber eher über den kontrollierten Verfall nach. Die zerfallenden Kirchen bleiben dann als Erinnerung und Mahnung stehen. Vielleicht findet sich später doch noch ein Investor für eine sinnvolle Neunutzung. Wer weiß, ob das Christentum nicht doch in einigen Jahrzehnten wieder einen Aufschwung erlebt und alte Kirchgebäude wieder gebraucht werden», erklärt Kirchbauexperte Poschmann.
Ähnliche Richtlinien hat die Evangelische Kirche in Deutschland herausgegeben. Allerdings gibt es bei den Protestanten keine grundsätzlichen Bedenken, aus einer Kirche eine Synagoge zu machen, wie während des Jahres 2008 in Hannover und Bielefeld geschehen. Es steckt aber emotionales Konfliktpotential darin. Die jüdische Gemeinde Bielefeld hatte im Jahr 2007 die ehemalige Paul-Gerhardt-Kirche gekauft und zu einer Synagoge umgebaut. Das stieß auf heftigen Widerstand der bisherigen evangelischen Gemeinde und führte sogar zur Gründung einer Bürgerinitiative, die die Kirche aus Protest drei Monate lang besetzt hielt. Dem Widerstand zum Trotz wurde die Bielefelder Synagoge im September 2008 eingeweiht. Die deutschen Kirchen haben bei schwindenden Mitgliederzahlen nicht nur die Last der zehntausendfachen Immobilien zu verwalten und zu bewältigen.
Problematisch ist weiterhin auch die in ihnen Bild und Architektur gewordene Theologie und Abgrenzung gegenüber anderen Glaubensrichtungen, insbesondere dem Judentum. An rund drei Dutzend Kirchen zwischen Wien und Uppsala finden sich heute noch so genannte Judensau-Skulpturen: auf einem Schwein reitende oder an ihren Zitzen saugende Juden. Die Verhöhnung der Juden, ein Relikt aus der antijüdischen Polemik des Mittelalters, wird jedem Betrachter augenscheinlich klar. Noch beliebter wurde in spätmittelalterlichen Kirchen das Motiv der blinden Synagoga. Nach dem Holocaust und Jahrzehnten des christlich-jüdischen Dialogs gehen die Kirchgemeinden heute in der Regel offensiv mit ihrer judenfeindlichen Geschichte um. Sie relativieren und erklären ihre antijüdische Architektur und Kunst in Katechetik sowie Predigt als verwerflichen Irrweg.
«Auf Kirchtürme können wir verzichten»
Selten bauen die christlichen Kirchen dagegen heute neue Gottesdiensträume. Andreas Poschmann vom Liturgischen Institut in Trier schätzt, dass es in den letzten zehn Jahren etwa 50 Neubauten gab. Bedarf gibt es vor allem in Neubaugebieten, bei Friedhofskapellen, Autobahnkirchen oder neuerdings auch bei Andachtsräumen etwa in Fußballstadien. Diese Neubauten sind in der Regel von Modernität und Nüchternheit, vielleicht sogar sakraler Sterilität geprägt. Neben den klassischen Grundrissformen Kreuz, Rechteck und Kreis experimentiert man mit Ellipsen, Quadraten oder Dreiecken. Kirchenfenster dienen der farbenfrohen Ausleuchtung nackter Wände, kaum aber noch der figürlichen Darstellung. Ein christliches Bildprogramm mit Kreuz, Jesus oder Heiligen ist höchstens noch versteckt erkennbar. Ein positives Bild- oder Architekturensemble zum Verhältnis der Christen zu den Juden etwa in Abgrenzung zu den mittelalterlichen Negativbildern vermisst man jedoch völlig. Im Vordergrund stehen Funktionalität, gute Beheizbarkeit, schnelle Umnutzung für Konzerte und Vermietbarkeit für profane Veranstaltungen.
Für Thomas Erne, Leiter des Marburger Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart, zeichnen sich Kirchenneubauten vor allem durch Reizentzug und gewollte Inszenierung von sakraler Gestalt und Symbolik aus. «In den 1960er Jahren war die Zeltform der Gemeindezentren modern. Es ging damals um die soziale Funktion, das Ganz-für-andere-Dasein», sagt Erne. Heute gehe es vielmehr um die Religion im Raum. Die Räume würden als solche schon zur Botschaft, der Raum wird zur Religion. Die Menschen heute suchten die Kirchen immer mehr als Rückzugs- und Andachtsraum auf.
In ökumenischen Gemeindezentren teilen sich Evangelische und Katholische sogar den Andachtsraum, der je nach Anlass vergrößert oder verkleinert werden kann. Von außen könnten die neuen Kirchen manchmal auch mit profanen Funktionsbauten wie Museen oder Konzerthäusern verwechselt werden. Nur ab und an ist noch ein Kirchturm zu sehen. «Auf Kirchtürme können wir heute auch oftmals verzichten. Es geht ja in der Regel um die Glocken, was eine kostspielige Angelegenheit ist. Kirchtürme hatten im Ursprung rein praktische Funktion als Beobachtungsposten, Warninstitution und Wegmarken», erläutert dazu Martin Ammon, Leiter des Büros der Kirchbaustiftung in Hannover. Neue Kirchen ohne Kirchturm, Profanierung und Umbauten zu Synagogen und Gemeindezentren – Deutschlands Kirchenlandschaft befindet sich im Umbruch. Bleibt für die katholischen Entscheidungsträger das theologische, für die gesamte christliche Gemeinde das emotionale Problem.
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