Deutsche Bank spart an der Erinnerung

 

Die Förderung des Abraham-Geiger-Kollegs soll beendet werden

Seit seiner Gründung hat die Deutsche Bank die Errichtung des Abraham-Geiger-Kollegs an der Universität Potsdam begleitet und seinen Studenten mittels Stipendien und Dozenturen geholfen, Rabbiner und Kantoren für jüdische Gemeinden in Deutschland und ganz Europa zu werden. Die Bank hat dabei nicht nur in begabte Menschen und in die Erneuerung jüdischen Lebens investiert, sondern auch eine besondere Erinnerungsarbeit geleistet: Die Stipendien sind nämlich nach Gründern, Vorstandsmitgliedern und Mitarbeitern der Deutschen Bank benannt, die im Dritten Reich als Juden verfemt und verfolgt wurden. Zu den Namensgebern, denen die Deutsche Bank Unrecht getan hatte, gehören etwa Ludwig Bamberger, Oscar Wassermann und Hermann Wallich. Der Rektor des Kollegs, Rabbiner Walter Homolka, hatte gehofft, dieses Stipendienprogramm mit 30.000 Euro im Jahr fortsetzen zu können, also mit einem Betrag, der in Bankerkreisen gerne als Peanuts bezeichnet wird.

Die Deutsche Bank hatte im Juni schriftlich mitgeteilt, dass ihre Fördergelder lediglich als Anschubfinanzierung gedacht gewesen seien. Da das Kolleg auch auf öffentliche Fördergelder zurückgreifen könne, wolle man sich aus dem Unterstützerkreis zurück- ziehen – eine Hiobsbotschaft angesichts der angespannten Haushaltslage des Rabbiner- seminars, das derzeit um seine Finanzierung für das kommende Jahr ringt. Aber, so die Deutsche Bank: «Auch die uns zur Verfügung stehenden Mittel sind begrenzt, und wir benötigen sie, um die Wirksamkeit unseres eigenen gesellschaftlichen Engagements sicherstellen zu können.»


Unter den Namensgebern für die Stipendien, die nun eingestellt werden sollen, sind auch Charlotte und Ferdinand Rahmer, die 1937 von der Deutschen Bank als Juden entlassen wurden und schließlich 1942 in Auschwitz umkamen. Ihr Sohn Hans konnte sich noch mit einem Kindertransport nach England retten und wurde als John D. Rayner nicht nur zu einem der bedeutendsten Rabbiner Großbritanniens, sondern auch Ehrensenator des Abraham-Geiger-Kollegs an der Universität Potsdam. Für den 2005 verstorbenen Rayner war es von besonderer Bedeutung, dass die Deutsche Bank im Namen seiner ermordeten Eltern nun jungen Juden und Jüdinnen die Rabbinerausbildung in Deutschland ermög- lichen half. «Es erstaunt und betrübt die Beobachter innerhalb der jüdischen Gemeinschaft, wenn diese Erinnerung nun 2008 jäh abbrechen soll, damit die Deutsche Bank 30.000 Euro einspart», schrieb Homolka im Oktober in einem persönlichen Brief an Bankchef Josef Ackermann. Der Brief ist unbeantwortet geblieben.

 

Josef Ackermann, Vorstandsvorsitzender der

Deutschen Bank, spart ein. Foto: dpa

An anderer Stelle reagierte die Deutsche Bank umgehend: Als «Spiegel-TV» den Auftritt ihres Vorstandsvorsitzenden in der Katholischen Akademie in Berlin am 18. November zum Anlass nahm, seine Worte dort und den Sparkurs in Sachen Rabbinerausbildung unter dem Titel «Vom Saulus zum Paulus? Josef Ackermann und die Moral» in Beziehung zu stellen, da sah sich die Redaktion plötzlich von der Deutschen Bank unter Druck ge- setzt. Der Beitrag wurde vorüber- gehend aus dem Netz genommen und ein wenig er- gänzt. Auf die Anfrage an eine Reihe von Presse- sprechern der Deutschen Bank, was es denn mit dieser Einfluss- nahme auf die Medien und mit der Einstellung des Stipendienprogramms an sich auf sich habe, meldete sich schließlich Klaus Winker, zuständig für Corporate Social Responsibility, bei der «Jüdischen Zeitung»: «Unsere Stellungnahme ist, dass wir die Sache nicht kommentieren.» Die Bemerkungen der Rabbiner Walter Jacob und Walter Homolka fallen dabei in diesem Beitrag ausgesprochen moderat und sachlich aus, und man fragt sich, wodurch sich die Deutsche Bank denn eigentlich getroffen sah. Vielleicht durch das Zitat von Albert Einstein, das einem im Laufe des gut sechsminütigen Films in den Blick kommt: «Moral ist eine höchst wichtige Sache, aber für uns, nicht für Gott.»

 

Im Jahr 2007 hat sich die Deutsche Bank weltweit mit über 80 Millionen Euro im Rahmen ihrer Corporate Social Responsibility für die Gesellschaft engagiert. Diesen November hat das Unternehmen beispielsweise die neue «Deutschlandstiftung für Integration» des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger mit einer Spende in Höhe von 100.000 Euro unterstützt: «Wir verstehen unser gesellschaftliches Engagement nicht als Wohltätigkeit, sondern als Investition in die Zukunft unserer Gesellschaft und damit auch in unsere eigene Zukunft.» So ähnlich formulierte es der Deutsche Bundestag und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Blick auf die Erneuerung jüdischen Lebens in Deutschland anlässlich des 70. Jahrestags der Pogromnacht am 9. November. Die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, Petra Pau, bringt es auf den Punkt: «Was dem Bundestag offenbar wichtig ist, scheint der Deutschen Bank nunmehr lästig. Und das trotz angeblich milliardenschwerer Gewinne im laufenden Jahr.» Zu den bevorzugten Projekten des Unternehmens gehört die Deutsche Guggenheim, ein einzigartiges Joint Venture zwischen der Deutschen Bank und der Solomon R. Guggenheim Foundation. Die letzte aufwändige Ausstellungseröffnung fand Ende November in Berlin statt. Gezeigt wird eine Auftragsarbeit des Bildhauers Anish Kapoor. Ihr Titel: «Memory».

 

Gideon Wollberg

«Jüdische Zeitung», Dezember 2008