Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Happy Weihnukka - aber woher kommts auf den Tisch?
Wenn koscher in Berlin nicht mehr koscher sein darf
Für uns Journalisten ist es immer wieder eine Freude, wenn wir von Kollegen zitiert, noch besser: wenn unsere Beiträge Dritten vorgestellt und die Befragten um Kommentare gebeten werden. So geschehen mit unserer Veröffentlichung über die Kritiken an Rabbiner Ehrenberg in unserer September - Ausgabe. Es ging um seine Entscheidungsgewalt über die Kaschrut in der Berliner jüdischen Gemeinschaft und die Vorgänge um Spenden an den Verein «Shorashim». Diese sollten, so die Auffassung vieler Mitglieder, eigentlich an die Gemeinde fließen. Nun hat sich Rabbiner Ehrenberg auf babel-tv dazu geäußert und meint, dass er gar nicht involviert sei «in die Sache». Nicht involviert? Dem Verein steht Ehrenberg schließlich vor, seine Frau verwaltet die Finanzen, der Verein ist an seiner Privatadresse ansässig Oooch nöö, würde der Berliner sagen: schon wieder dieses Thema? Leider ja, vor allem dann, wenn wir unseren Lesern die bevorstehende Eröffnung eines koscheren «Gabriel’s Nr. 2» für Anfang Dezember offeriert haben – und jetzt enttäuscht feststellen mussten, das «der Laden läuft», aber eben nur mit halber Kraft und hierbei wiederum ganz offensichtlich ein Amtsmissbrauch seitens des Rabbiners zu vermuten sein könnte. «Es geht ihm nicht um objektive Qualität, sondern um subjektive Personalfragen zu Gunsten seiner Beauftragten, nicht um die Kaschruth, sondern um Wirtschaftsspionage», davon ist Tallana Gabriel überzeugt.
Koscheres Essen zum Mitnehmen sollte es in der Konstanzer Strasse 54 bei Tallana Gabriel und ihrem Team geben, junge Familien in ihrer knappen Freizeit entlastet, dem jüdischen Berlin-Besucher ein Ort zum Ausspannen bei koscheren Snacks gegeben werden und auch der jüdische Businesskunde hätte nicht auf ein koscheres Mittagessen verzichten müssen. Im besten Berliner Slang: «Denkste!» Ehrenberg versagt den Hechscher, da das «Gabriel’s» am Stammsitz im Gemeindehaus in der Fasanenstrasse 69/70 kochen und die Speisen dann mit dem Lieferwagen in die Filiale bringen wollte. Beim «Bleiberg’s» soll er übrigens nix dagegen haben, wohl auch nicht beim Betreiber der Speisenversorgung in der Heinz-Galinski-Schule, den er zu Feiern und Festen nicht nur empfehlen, sondern explizit seine religiöse Begleitung davon auch abhängig machen soll. Beim Seniorenzentrum scheint es ihm übrigens völlig egal zu sein, was die alten Menschen essen: Während er anderen Gemeindeeinrichtungen unter- sagt, bei «Kosher Deli» einzukaufen, hält sich die Heimleitung nach wie vor an den Vertrag zwischen der Gemeinde und dem Lebensmittelhandel in der Charlottenburger Goethestrasse 61 mit angeschlossener Schlachtung. Wer darf eigentlich was? Theoretisch, aber eben nur ganz theoretisch, darf jeder Rabbiner einen Hechscher erteilen, also die Kennzeichnung von koscheren Lebensmitteln unter seiner Aufsicht. Das nicht jeder Jude jeder religiösen Strömung den einen oder anderen Hechscher für seinen koscheren Speisezettel annimmt, ist eine ganz andere Frage.
Aber immerhin hat der Vorstand der Berliner Gemeinde sich mit dem Arbeits- vertrag des neu eingestellten Rabbiners Reuven Yaacobov die Möglichkeit geschaffen, Ruhe in die Sache um Tallanas «Gabriel’s» und Maurice Elmalehs «Kosher Deli», um die Vermutungen der Vetternwirtschaft gegen das «Bleiberg’s» und die Vorwürfe der Wettbewerbsverzerrung gegen den Caterer in der Schule zu bringen und die Kaschrutaufsicht neu zu regeln. Tut er aber nicht. Warum? Auf der Suche nach Antworten wird mir ganz schlecht: Da kursieren sogar Gerüchte von Hochzeiten in Repräsentantenkreisen, die Ehrenberg habe verhindern wollen. Privatsache? Nun ja, wenn dadurch Abhängigkeiten entstünden, nicht mehr. Im konkreten Fall, der hier auch Privatsache bleiben wird, kann ich mir Abhängigkeiten nicht vorstellen. Aber denkbar ist vieles. Auch das Gegenteil: Teile der Gemeindeführung berufen sich bekanntermaßen auf eine Unterlassungserklärung des Obersten Rabbinats in Israel, das den Berlinern jegliche Änderung der Aufgabenstellung Ehrenbergs verbietet. Inzwischen haben wir erfahren, dass der Genfer Rabbiner Schlesinger, anerkannte Kapazität auf diesem Gebiet, die Unterlassungs- erklärung für unwirksam erklärt haben soll und aus Israels Oberrabbinat war zu hören, dass auch der aschkenaische Oberrabiner Metzger sich inzwischen mehr als zurückhalte. Rabbinats- richter Schlesinger habe der Hauptstadt- gemeinde sogar empfohlen, sich trotz dieser Unterlassungserklärung außerhalb eines Beth Din, des jüdischen Rabbinatsgerichts, zu einigen.
Tallana Gabriel hat einiges versucht, ihren Laden doch noch zu retten. Zwar kann man dort Bestellungen aufgeben und auch koschere Weine kaufen, aber die Entscheidung Ehrenbergs bringt ihr nach einer Reihe von Investitionen im Herbst wirtschaftlichen Schaden. Sie bat einen an der Lauder-Foundation in der Berliner Jeschiwa ausgebildeten Maschgiach um Hilfe, doch wieder kam von Ehrenberg zu diesem Kompromiss ein «Denkste!» dazwischen. «Er versucht eine Art Zwangspartnerschaft: Entweder so, wie und vor allem mit wem er will, oder garnicht. Das ist für mich Machtmissbrauch», erklärt Tallana Gabriel. Auch Rabbiner Yitzak Ehrenberg versucht einiges: So hat er die Beter «seiner» Synagoge gebeten, für ihn zu votieren. «Eine Unterschriften- sammlung unter den verbliebenen Betern – das ist ja wohl kein Kunststück», meint dazu Gemeindemitglied Moishe Waks und ist sich sicher: «Ein Teil des großen Erfolges von Chabad Lubawitsch in Berlin ist der Misserfolg der Arbeit von Rabbiner Ehrenberg an der Synagoge in der Joachimstaler Strasse». Das christliche Jahr hat noch einen guten Monat und erfahrungsgemäß werden Weihnachtsfest und Neujahr in vielen jüdischen Familien nicht ganz außer acht gelassen. Es wäre doch schön, wenn die Berliner Gemeindemitglieder dazu wenigstens ganz klare Aussagen und vor allem die Möglichkeit hätten, sich mit koscheren Lebensmitteln ein «Happy Weihnukka» zu gönnen.
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