Kommentar

 

Katz- und- Maus- Spiel

 

War das ein Versprecher oder ein Versprechen? Unmittelbar nach einer Mörserattacke Ende November auf eine israelische Militärbasis im Negev, bei der acht israelische Soldaten teils schwer verletzt wurden, schlug der Knessetabgeordnete Gilad Erdan vor, ein großes Freiluftgefängnis im westlichen Negev zu bauen und es mit palästinensischen Gefangenen von der Hamas und dem Islamischen Dschihad zu füllen. Diese würden dann als menschliche Schilder gegen Kassam-Raketen dienen. Spinnt man Erdans Idee weiter, entstünde vielleicht sogar ein «Negev-Streifen» mit gewissem Publikumswert. Man könnte das ganze als Reality-TV vermarkten, einerseits Raketeneinschläge im Freiluftlager aufzeichnen, andererseits Wettkämpfe unter den Gefangenen veranstalten.

 

Erdans Vorschlag ist ungefähr so hilfreich, wie ein schwarzes Karzinom mit einem Hühneraugenpflaster abzudecken oder eine Neubausiedlung auf eine Chemiemüllhalde zu bauen. Ästhetische Chirurgie für Schwerstunfälle. Sollten daraus Rückschlüsse auf Friedens- aussichten oder die israelische Politik gegenüber Gaza gezogen werden? Oder gibt es immer schwarze Schafe? Auch Hamas und Fatah lassen gern verbrannte politische Erde zurück, wenn sie denken, es diene ihren Interessen! Eine friedliche Lösung ist inmitten des Gemisches aus Drohungen, Kassam-Raketen, Flugzeugattacken, Blockaden, gezielten Tötungen, internen Streits und militärischen Operationen nicht abzusehen. Zivilisten auf beiden Seiten bleiben dabei auf der Strecke. Im Moment eher die palästinensischen.

 

Gaza – war den Großteil des Novembers über völlig abgeriegelt, keine Hilfsgüter, keine Journalisten durften hinein. Die Bevölkerung bäckt wieder mit Lehmöfen – nicht aus Traditionsverbundenheit. Die Hamas verdient 15 Millionen Euro monatlich am Schmuggel von Gütern durch die Tunnel nach Ägypten. Militante Fraktionen schossen mehr als 100 Raketen auf Israel. Dessen Armee missachtet das Urteil des Obersten Gerichtshofs, gezielte Ermordungen nur als «letzte Möglichkeit» in Erwägung zu ziehen, und bereitet sich auf einen neuen Einmarsch vor. Die Kosten einer Wiederbesetzung Gazas, wurde schon mal vorgerechnet, beliefen sich auf 3,4 Millionen Euro pro Tag.

 

Ist Frieden günstiger? Zum ersten Mal versuchte die PLO mit einer ganzseitigen Anzeige in Israels Tagespresse über die arabische Friedensinitiative von 2002 zu informieren. Für ein Ende der Besatzung der 1967 eroberten Gebiete bieten darin die Arabische Liga und 57 muslimische Länder Israel Frieden und Normalisierung an. «Israelis hätten sich gefühlt, als sei der Messias gekommen, wenn ihnen dieses Angebot am 4. Juni 1967, kurz vor dem Sechs-Tage-Krieg, gemacht worden wäre», sagt Uri Avnery, israelischer Friedensaktivist. Die Zeiten ändern sich. «2002 sahen viele Israelis darin eine List, Israel der Früchte seines Sieges von 1967 zu berauben.»

Philipp Holtmann

«Jüdische Zeitung», Dezember 2008