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Erneut wurde ein Jude zu Neuseelands Ministerpräsidenten gewählt
Sir Julius Vogel war der erste der bis heute drei Juden auf dem Stuhl des neuseeländischen Ministerpräsidenten. Zwei Amtszeiten, von Frühjahr 1873 bis zum Sommer 1875 sowie vom Winter 1876 bis zum Herbst des gleichen Jahres regierte der Zeitungsverleger und –gründer der Otago «Daily Times», einer bis heute existierenden Tageszeitung, und in seiner Freizeit erste Sience-Fiction-Romanschreiber den Inselstaat an der Südostküste Australiens.
Sir Francis Henry Dillon Bell regierte nach Funktionen als Immigrations-, Innen- und Außenminister sein Land im Jahre 1925 für ganze zwanzig Tage. Er war der erste in Neuseeland selbst geborene Premierminister.
Seit dem 19. November ist nun John Philip Key Regierungschef. Seine Mutter stammt aus einer österreichischen Emigrantenfamilie und lebte ursprünglich in England. Der 47-jährige Key ist in Auckland geboren und gehört der New Zealand National Party an. Nach dem frühen Tod seines alkohol- kranken Vaters wuchs er in einer Sozialwohnung in Christchurch auf. Die Mutter brachte ihn und seine beiden Schwestern mit Putzjobs nicht nur «durch»,
sondern ermöglichte allen auch den Besuch höherer Schulen: Nach erfolgreichen Studien zum Bachelor of Commerce an der Universität im neuseeländischen Canterbury und nach mehreren Semestern an der Havard University in Cambridge in den Vereinigten Staaten kehrte Key nach Christchurch zurück. Er arbeitete als Finanzprüfer und Projektleiter in der Bekleidungsindustrie, wechselte aber schon alsbald in den Devisenhandel und wurde vor gut dreizehn Jahren Chef des asiatischen Devisenhandels bei Merrill Lynch & Co. Singapore. Nach nur einem Jahr wurde er zum Leiter des weltweiten Devisenhandels des Unternehmens nach London berufen. Hier fing er sich den Spitznamen «der lächelnde Killer» ein, als der Vater einer Tochter und eines Sohnes ohne mit der Wimper zu zucken Hunderte Mitarbeiter in Folge hoher finanzieller Verluste bei Merrill Lynch nach der so genannten «Russlandkrise» von 1998 entlassen haben soll. Andere Quellen sprechen lediglich von einigen Dutzend und notwendigerweise Entlassenen. Dennoch wechselte Key für zwei Jahre zum Foreign Exchange Committee der Federal Reserve Bank of New York, bevor er 2001 vom damaligen Vor- sitzenden seiner Partei zu politischen Ämtern nach Neuseeland zurückgeholt wurde.
Bereits ein Jahr später gewann John Philip Key einen Parlamentssitz, den er vier Jahre später erfolgreich gegen seinen Labour-Gegenspieler verteidigen konnte. Zwischenzeitlich war er zum finanzpolitischen Sprecher seiner Partei und im Jahre 2006 zum Oppositionsführer im neuseeländischen Parlament geworden. Hier trat er vor allem durch seinen Kampf gegen das Entstehen einer wirtschaftlichen Unterschicht, für ein Programm zur kostenlosen Schul- speisung in Armenvierteln und gegen eine «maßvolle Gewaltanwendung» im Eltern-Kind-Verhältnis hervor. Seine Aussagen «Eine Gesellschaft lässt sich daran messen, wie sie sich um ihre Schwächsten kümmert» und «Ich werde der Sozialhilfe nie den Rücken kehren» lies ihn viele Sympathien bei der Bevölkerung erringen. Man sagt, er habe seine Partei von «rechts» in die «Mitte» gerückt.
Schon lange vor Beginn des Wahlkampfes im letzten Jahr wurde Key von der damals regierenden Labour-Partei vorgeworfen, keine wirklichen Programme offerieren zu können. Er tat dies, für seine politischen Gegner unerwartet, rechtzeitig mit dem Start des Wahlkampfes. Die Labour-Partei zögerte infolgedessen nicht, das typischste aller jüdischen Klischees zu bedienen und veröffentliche im Juli 2008 eine Liste der reichsten Neuseeländer, auf der das Privatvermögen Keys mit etwa 25 Millionen Euro geschätzt wurde.
In der Tat wird Keys politische Ausrichtung in den nächsten vier Jahren als Ministerpräsident schwer zu prognostizieren sein, sein parlamentarisches Abstimmungsverhalten war in den letzten Jahren immer wieder sehr indifferent: So stimmte er zwar gegen die Einführung einer gleich- geschlechtlichen Partnerschaft als gesetzlich anerkanntem Familienstand, jedoch ebenso gegen eine Vorlage, mit der die Ehe als einzig mögliche Form der gesetzlichen Lebensgemeinschaft und ausschließlich zwischen Mann und Frau zu definieren wäre.
In Kreisen der Wirtschaft zählt er als intelligenter Stratege, der klassisch-konservative Ziele und Werte wie die Stärkung der Privatindustrie, Steuersenkungen, um ausgewanderte Neuseeländer ins Land zurückzulocken, und eine schlanke öffentliche Verwaltung verfolgt. Nötig ist das allemal: Gut ausgebildete Fachkräfte wandern in besser zahlende Länder ab, der Immobilienmarkt des Landes steht vor dem Kollaps und in Zeiten der Finanzkrise vertrauen viele Neuseeländer dem Bankenprofi mehr als seiner Amtsvorgängerin Helen Clark, der man Amtsarroganz, Amtsmüdigkeit und ständige Skandale vorwirft.
Gesellschaftlich gilt Key eher als unscheinbar, doch das tun andere Regierungschefs und -chefinnen nicht minder. So wurde er kürzlich im ganzen Land verspottet, als er sich mit dem gleichaltrigen US-amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama verglich. Key würden das Charisma, die Visionen und die intellektuelle Brillanz Obamas fehlen, urteilten politische Beobachter, vielleicht jedoch etwas zu vorschnell. Denn schon mit acht Jahren soll Key erklärt haben, Millionär und Ministerpräsident werden zu wollen. Wenn das keine Vision war. Doch auf gute Partystimmung kommt es bei Keys neuem Job wohl auch nicht an: Bis heute, auch als Regierungschef, hat er ein starkes Sozialsystem zu den Grundwerten seiner Politik gemacht. Gelegentlich wirft man ihm dabei aus allen politischen Lagern vor, einschließlich dem eigenen, zu «links» zu sein. Das deutsche «Handelsblatt» hingegen befürchtet nun einen «Rechtsruck» in dem südpazifischen Land, wenn Key, inzwischen Chef der konservativen New Zealand National Party, nun die Nachfolge Clarks antreten werde. Im neuen neuseeländischen Parlament ist der Wechsel ganz offensichtlich: Die National-Partei Keys wird 59 Sitze einnehmen, die Labour-Partei lediglich 43. Gemeinsam mit zwei kleineren Koalitionspartnern erreichen die Konservativen deutlich die für die absolute Mehrheit erforderlichen 62 Parlamentssitze des Landes, dessen Staatsoberhaupt in der parlamentarische «Monarchie des Commonwealth of Nations» übrigens noch immer Königin Elisabeth II. ist.
Key erklärte, er werde die Politik Clarks nicht wesentlich umkrempeln, was ihm wieder einmal einen harschen Indifferenzvorwurf einbrachte, diesmal den, «Labour light» zu sein. Denn auch außenpolitisch liegt Key inzwischen ganz auf der Linie der seit neun Jahren regierenden Labour-Regierung unter Clark, die sich unter anderem geweigert hatte, Soldaten in den Irak zu schicken, was das Verhältnis zu den USA schwer belastete. Dazu den Dialog wieder aufzunehmen ist nicht der schlechteste Anfang für die beiden Neuen: Obama in Washington mit Key «Kiwi Obama» in Wellington auf der anderen Seite des Pazifik.
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