Vitalität und Integrationsprobleme

 

Gemeindezeitung als Spiegel jüdischen Lebens

 

Schabbatzeiten, anstehende Termine, Berichte über vergangene Feste und aktuelle Meldungen sowie Biografien, Stadtgeschichte und Feuilletons: Die Gemeindeblätter zeugen von einer vitalen jüdischen Gemeinschaft. Rund 95 von 112 konsultierten Gemeinden im Bundesgebiet geben eigene Zeitungen heraus oder sind in den Publikationen ihrer Landesverbände präsent. Zu den knapp 20 Gemeinden, die ausschließlich mittels Aushängen kommunizieren, gehören sehr kleine Gemeinden wie beispielsweise Celle oder Paderborn mit weniger als 100 Mitgliedern, aber auch Gemeinden mit circa 1.000 Mitgliedern wie Krefeld oder Bonn. Bad Kreuznach mit rund 200 Mitgliedern dürfte eine der kleinsten Gemeinden sein, die Wert auf Zusammenhalt mittels einer eigenen Zeitung legt. Die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern mit mehr als 9.200 Angehörigen scheint weniger Wert darauf zu legen. Ihre allgemeinen Informationen veröffentlicht sie im Internet; daneben bezahlt sie aber Woche für Woche eine Seite in der «Jüdischen Allgemeinen», die sie auch selbst gestaltet.

 

Bei der Lektüre der Gemeindezeitungen fallen die unterschiedlichen Ansprüche der Herausgeber auf. Hierbei muss differenziert werden zwischen Ausgaben, die monatlich beziehungsweise zweimonatlich erscheinen, und denjenigen Gemeindezeitungen, die andererseits viertel- bis halbjährlich herausgegeben werden. Bei den monatlich oder alle zwei Monate erscheinenden Gemeindezeitungen ist das Spektrum interessant: Es reicht vom einem losen Informationsblatt, so wie im Fall der bald 5.000 Mitglieder zählenden Jüdische

Gemeinde Hannover, bis hin zu umfangreichen Gemeindemagazinen. Spezielle Seiten für Kinder sind allerdings eine Ausnahme. So versuchen die Jüdische Gemeinde zu Dresden, Adass Jisroel in Berlin oder die Mainzer Kultusgemeinde mit Erlebnis- schilderungen oder Spielanleitungen auf den Gemeindenachwuchs einzugehen. In der Regel überwiegen aber die Kulturmeldungen. Der größte Teil der Gemeindezeitungen ist zweisprachig geschrieben. Erstaunlicherweise sind es aber die Zeitungen der großen Gemeinden, in denen der russischsprachige Anteil mehr oder weniger gekürzt vorliegt. Im Gemeindeblatt der Synagogen-Gemeinde Köln erscheinen die Übersetzungen zum Teil zeitversetzt in der nächsten Ausgabe. Außerdem wird das Inhaltsverzeichnis etwas einzelnen deutschsprachigen Artikel aufgeführt sind, die Artikel in russischer Sprache aber als «Übersetzungen, Artikel, Termine» zusammengefasst werden. Einige Gemeinden behelfen sich mit russischsprachigen Rundschreiben oder Artikeln im Internet. Ausschließlich in deutscher Sprache erscheinen beispielsweise die Gemeindezeitung von Nürnberg oder die des Landesverbandes Baden. Englische Internetfassungen der Gemeindezeitungen sind eher selten. Stellvertretend seien die Jüdische Gemeinde Hameln und die Liberale Jüdische Gemeinde München Beth Shalom genannt. Und gelegentlich finden sich auch jiddischsprachige Beiträge, so im Mitteilungsblatt des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern.

 

Aber was lässt sich aus dem Vergleich der Gemeindezeitungen schlussfolgern?
Mein Fazit: Wie umfangreich, mit welchen Inhalten und in welchen Sprachen eine Zeitung erscheint, ist nicht von der Größe einer Gemeinde abhängig. Finanzielle Einschränkungen werden in erster Linie im äußeren Erscheinungsbild deutlich. Für einige Gemeinden bedeuten die russischen Übersetzungen ein finanzielles oder auch zeitliches Problem, demzufolge manche Zeitungen etwas weniger häufig erscheinen. Wenn dem aber so ist, dann sind die heraus- gegebenen Exemplare mit allen wichtigen Informationen und anderen Beiträgen zum Gemeindeleben versehen. Außerdem zeigt sich, dass integratives Engagement und Zusammengehörigkeitsgefühl durchaus mittels eines Gemeindeblattes gefördert werden können. «Die Zeit ist das größte Problem der Redaktion»,
meint dazu Frauke Ohnholz, die für das Mitteilungs- blatt des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Schleswig-Holstein verantwortlich ist. «Man möchte so aktuell wie möglich sein, muss alle Texte übersetzen lassen und die Datei so rechtzeitig zum Drucker schicken, dass das Blatt auch noch rechtzeitig zum nächsten Quartal verteilt ist. Drucker schicken, dass das Blatt auch noch rechtzeitig zum nächsten Quartal verteilt ist. Dabei wird das Mitteilungsblatt komplett ehrenamtlich gestaltet; die Übersetzer sind Mitglieder unserer Gemeinden. Eigentlich wünsche ich mir nur, und die Vorstände der Gemeinden sicherlich auch, dass sich noch mehr Gemeindemitglieder aktiv an der Zeitung mit eigenen Beiträgen beteiligen. Wünsche und Anregungen gibt es immer, aber selbst einen Artikel zu schreiben, das trauen sich leider nur wenige.»

 

Die Zentralwohlfahrtstelle der Juden in Deutschland (ZWST) leistet mit ihren Seminaren regelmäßig Hilfestellung für Mitglieder jüdischer Gemeinden, die Unterstützung in Sachen Öffentlich keitsarbeit suchen. «Wir freuen uns immer wieder, wie engagiert und interessiert die Teilnehmer in unseren PR- Seminaren sind.

 

Vor allem wenn man bedenkt, dass es sich um Leute handelt, die mal etwas ganz anderes gemacht haben, beziehungsweise die hier mit ihrer hohen Qualifikation und breiten Erfahrung keinen Job finden», sagt Heike von Bassewitz von der ZWST. «Und immerhin hat unsere Seminarreihe dazu beigetragen, dass in einigen Gemeinden jetzt regelmäßig eine Zeitung oder ein Newsletter erscheint.»

 

Ramona Wöllner

«Jüdische Zeitung», Dezember 2008