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Walter Rothschild führt jüdische Schicksale vor
«Es gibt weise Rabbiner, leise Rabbiner und Reiserabbiner», lautet eine Sentenz, die auch von Walter Rothschild stammen könnte. Der Mittfünfziger gefällt sich selbst in der dritten Rolle. Seit seiner Entlassung als Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin vor acht Jahren ist er hier auf verlorenem Posten und betreut nunmehr Gemeinden und diejenigen, die gerne jüdisch werden wollen, in Sachsen- Anhalt und Schleswig-Holstein, in Freiburg, Köln und Wien: «Nicht liberal, sondern überall», wie es in einer seiner launigen Selbstbeschreibungen heißt. Rothschild stammt aus Bradford im englischen Yorkshire und ist ein Emigrantenkind; seine deutschen Rabbinerkollegen kennen ihn als enfant terrible. Unter Nichtjuden wird er wegen seines Witzes, seiner Fabulierfreudigkeit, seiner Unkonventionalität und Musikalität geliebt, und es mag sein, dass er sich mit seinem jüngsten Buch «Auf das Leben!» gut verkaufen kann. Wer sich daraus aber Einsichten und Analysen aus dem Alltag eines Wanderrabbiners in Deutschland erhofft, wird enttäuscht: die 28 Geschichten, die Walter Rothschild von 2003 bis 2007 zu Papier gebracht hat, spielen alle in England, wo er elf Jahre lang als Gemeinderabbiner in Leeds tätig war. Warum er auch diese Tätigkeit aufgeben musste, bleibt offen, so wie er auch generell nur wenig von sich selbst preiszugeben versteht. «Sie sind alle ‚wahr’, obwohl ich sie erfunden habe», schreibt Rothschild über seine Geschichten; die Personen darin gleichen allerdings dem Inventar eines Panoptikums. Die Bilder, mit denen Rothschild Frauen beschreibt, sind ebenso «zaftig», wie es im amerikanischen Jiddisch heißt, wie diese Frauen selbst: üppig, vollbusig, übergewichtig. Die meisten seiner Charaktere sind alte Menschen, und genau genommen handelt es sich gar nicht um Charaktere, sondern um Klischees, die trotz aller grellen Attribute blass und ohne Innenleben bleiben. «Wie beerdigt man einen Sumo-Ringer?», fragt sich der Erzähler und wundert sich angesichts einer über alle Maßen dickleibigen Toten: «Aber wenn der Messias kommt und wir alle auferstehen – wer wird dann dafür sorgen, dass Florrie Sonderhaus auch wieder aus ihrem Grab herauskommt?» In seiner ersten Geschichte geht es um fromme Lügen: Hetty Simmonds hat sich ein Leben zusammenfabuliert, Kinder und Enkel inklusive, und ihr Rabbiner lässt sie gewähren. Sie bekommt wunschgemäß einen Grabstein, auf dem ihre erfundene Familie um sie trauert. An sich ein berührender Gedanke, nur dass die Geschichte sich in der Art und Weise, wie Rothschild sie beschreibt, selbst erklärt. Dabei führt der Erzähler seine Mitmenschen in einer Weise vor, die einen daran zweifeln lassen, dass dieser story teller auch Seelsorger ist. Er macht zu unbekümmert Witze auf Kosten anderer. Max Biller schafft noch immer drastisch überzeichnete Typen; Rothschild fehlt es an dieser Schärfe ebenso wie an der Fähigkeit seines populären britischen Rabbiner- und Autorenkollegen Lionel Blue, sich selbst in Frage zu stellen und noch aus eigenen Identitätskrisen heraus Lebenshilfe für Leser ganz unterschiedlicher Coleur leisten zu können. Manches in «Auf das Leben!» erinnert an gute Literatur, die auch der Autor kennen dürfte, etwa an Jack Rosenthals «Bar Mitzva Boy». Rothschilds Verlag verortet «Auf das Leben!» auf seiner Website wundersamerweise unter dem Schlagwort «Jiddische Romane» und stellt das Buch in eine Reihe mit Martin Buber, Mendele Mojcher Sforim, Jizchak Lejb Perez und Scholem Alejchem. Auch dies eine Art Etikettenschwindel. «Jude allein genügt nicht», mokierte sich Fritz Kortner einst angesichts des allzu vordergründig spielenden Schauspielers Ernst Deutsch. Rabbiner allein macht in diesem Sinne auch noch keine gelungene Erzählung. Dass auch das Lektorat in dieser Übersetzung von Mirjam Pressler zu wünschen übrig lässt – «georgische Fenster» sind so eine Schwachstelle – fällt bei den irgendwann verwechselbaren Geschichten schon gar nicht mehr auf. Das Subtilste an diesem Buch dürfte die Illustration von Oliver Weiss auf dem Cover sein: Dort lässt ein Junge seinen Drachen steigen.
Hartmut Bomhoff
Walter Rothschild, Auf das Leben.Übersetzt von Mirjam Pressler,Goldmann Verlag 2008.256 Seiten, 17,95 Euro. |