Unschuld und Verantwortung

 

Die Chabad-Bewegung spielt eine zweifelhafte Rolle auf der politischen Weltbühne

 

Das Blutbad von Bombay Ende November letzten Jahres ist schwer zu vergessen. Dennis Prager, ein bekannter US-amerikanischer, zionistischer Autor und Meinungsmacher, schreibt und doziert seitdem, dass es [aus Sicht der Terroristen – Anmerkung der Red.] durchaus einen Sinn ergeben habe, gerade «im wirtschaftlich größten Ballungszentrum Indiens so viele Menschen wie möglich abzuschlachten. Nur die Wahl eines der Anschlagsziele scheint nicht so recht nachvollziehbar.» Er bezieht sich hier auf die jüdische Hilfseinrichtung des «Chabad-Hauses», die scheinbar mit der gleichen «Sorgfalt» wie die Luxushotels angegriffen wurde.

 

Pragers Verwirrung dient als rhetorisches Mittel. Für ihn steht fest, dass «für die Islamisten wie auch für die Nazis, die Vernichtung der Juden – und seit 1948 des jüdischen Staates – einen zentralen Punkt in deren Weltbild darstellt. Falls irgendjemand eine bessere Erklärung dafür haben sollte, warum pakistanische Terroristen, die eigentlich damit beschäftigt sind, Indien zu destabilisieren, so viele Mühen auf sich nehmen, um das einzige jüdische Zentrum in einem ansonsten eher judenarmen Land ausfindig zu machen, würde ich sie gern hören.»

 

Meine Erklärung ist nicht zwangsläufig besser, aber sie ist vielleicht jüdischer.

Wenn Katastrophen über Juden hereinbrechen, deuten sie üblicherweise nicht mit dem Finger auf Ursachen und Täter – was in diesem Fall ganz einfach wäre –, sondern sie stellen stattdessen ihr eigenes Verhalten infrage. Die jüdische Frage lautet hier: Kann Chabad, eine der weltweit größten chassidisch-orthodoxen Gruppierungen, oder können wir alle, irgendetwas an unserem Verhalten ändern, um solche Tragödien in Zukunft zu verhindern?

Große Nähe zu Machtzentren

 

Der indische Subkontinent blickt auf eine friedvolle Geschichte jüdischer Besiedlung zurück. Viele Jahrhunderte lang lebten Juden dort in Einklang mit den Einheimischen. Der Anschlag in Bombay wirkt daher völlig unverständlich und verlangt nach einer Erklärung.

 

Chabad unterhält mehrere hundert Hilfseinrichtungen in der ganzen Welt. Viele von ihnen werden von selbstlosen Enthusiasten geführt, meist jungverheirateten Paaren, die für ihre warmherzige Gastfreundschaft und Großzügigkeit bekannt sind. Tausende von ehemaligen israelischen Soldaten, die nach Jahren ihres nervenaufreibenden Militärdienstes in den palästinensischen Gebieten nach Indien strömen, hat Chabad bereits aufgenommen. Sie wollen dort abschalten, relaxen und vergessen. Ein Großteil ihres Militärdienstes besteht in der alltäglichen und allgegenwärtigen Unterdrückung und Demütigung von Palästinensern – das fordert seinen Tribut. Dies könnte erklären, warum die Terroristen auch das «Chabad-Haus» zum Ziel gewählt haben: Um ihre palästinensischen Brüder zu rächen. Doch ist es nur ein Teil der Erklärung.

 

Chabad gehört mittlerweile politisch der nationalen Rechten in Israel an. Der letzte Führer der Bewegung, Menachem Mendel Schneerson (1902–1994), verweigerte den Palästinensern jede Art von Zugeständnis und widersetzte sich dem Rückzug aus ihren Gebieten. Mitarbeiter von Chabad organisierten im Jahr 2005 auf der ganzen Welt Protestaktionen gegen die Evakuierung jüdischer Siedler aus dem Gazastreifen. Israels Premierminister erhielten regelmäßig Privataudienzen im Haus Schneerson. Auch heute macht Chabad keinen Hehl aus seinen Beziehungen zu den politischen Machtzentren der Welt. Die Bewegung richtet beispielsweise Chanukka-Feiern im Moskauer Kreml aus und organisiert Zeremonien im Washingtoner Pentagon.

 

 

Ein von Chabad spendierter Chanukka-Leuchter vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Aufnahme aus dem Jahr 2006. Foto: dpa

Frühere Chabad-Führer galten zwar als mystisch angehauchte Visionäre, standen aber mit beiden Beinen fest im Leben. Sie wussten, dass sie bei einer zu dichten Annäherung an die machtpolitischen Epizentren auch mit gefährlichen Erschütterungen zu rechnen hatten. Deshalb stellte sich Rabbiner Schalom Dow Beer Schneerson (1860–1920), der fünfte «Chabad Rebbe», vehement gegen die zu seiner Zeit aufkommenden zionistischen Strömungen. Schalom Dow Beer Schneerson trat jüdisch-traditionsgemäß für eine friedvolle, apolitische Lebenseinstellung ein. Für ihn war diese Einstellung nicht nur Überlebensgrundlage, sondern lieferte auch einen aktiven Beitrag zur göttlich-verheißenen Erlösung. Die heutige Chabad-Führung täte gut daran, sich die ursprünglichen Grundsätze ihrer eigenen Bewegung noch einmal vor Augen zu führen.

 

«Konstantinisches Judentum»

 

Während die 250 Jahre alte Chabad-Bewegung im Ursprung also anti-zionistisch eingestellt war, hat sie sich heute zu etwas entwickelt, das der amerikanisch-jüdische Theologe Marc Ellis als «Konstantinisches Judentum» bezeichnet. Dieser erst junge Wandel innerhalb des Judentums erklärt die Macht als solche zum Kultobjekt und verbündet sich mit den Mächtigen. Anstatt die Wahrheit über die Macht auszusprechen, verehren sie diese und paktieren mit den Mächtigen. Diese Entwicklung ist drei Punkten geschuldet: der massiven Re-Fokussierung auf die jüdische Identität in Israel, der Stärkung der militärischen Macht und dem Bündnispartner USA – all das fern von der jüdischen Religion und ihrer moralischen Botschaft.

 

Israels Gründervater David Ben-Gurion und seine Mitstreiter waren voller Verachtung gegenüber den jüdischen Traditionen und der jüdischen Religion. Einige von ihnen betrachteten letztere sogar als das größte Übel, das je über das jüdische Volk hereingebrochen sei. Die Männer machten sich bei der Gründung und dem Ausbau des zionistischen Staates die Umstände nach dem Zweiten Weltkrieg zunutze – auch die millionenfache Ermordung europäischer Juden. Es wäre heute unfair, sie für die Verzerrung des Judentums zu tadeln. Doch: Sie wollten die Juden von ihm befreien. Dies erklärt den beständigen und hartnäckigen Widerstand gegen zionistische Strömungen, dem man seit über einem Jahrhundert in weiten Kreisen traditioneller Juden, wie den Chassiden von Chabad, begegnet.

 

Die Gründer des Zionismus wurden als Kontrapunkt zum traditionellen Judentum gesehen. Es überrascht deshalb nicht, dass jenes, was sich dort aus einer politischen Bewegung heraus entwickelt hat, nur wenig mit dem traditionellen jüdischen Wertesystem übereinstimmt.

 

Unverschuldetes Leiden verwandelt sich oft in unverschuldete Macht. Letzteres erlaubt es israelischen und diasporajüdischen Einrichtungen noch immer in eine Opferrolle zu schlüpfen, während der israelische Staat längst zu einer führenden Militärmacht geworden ist. Ihre ideologischen Vordenker kommen, um noch einmal mit den Worten des Theologen Marc Ellis zu sprechen, zu folgendem Schluss: «Die religiöse Pflicht der jüdischen Gesellschaft kann sich nicht allein um den Glauben an Gott drehen. Das Überleben der Menschen muss an erster Stelle stehen und weil Macht äußerst wichtig für dieses Überleben ist, nimmt es religiöse Züge an.» Dies wiederum ersetzt die normativen religiösen Ideale des rabbinischen Judentums und führt zum Entstehen eines neuen Glaubenssystems, das zwar weiterhin die Sprache des Judentums nutzt, es aber gleichzeitig radikal verändert oder sogar völlig negiert. Dieser Wandel scheint tiefer zu greifen, als die Veränderungen, die sich vor über 2.000 Jahren zugetragen haben und zur Entstehung des rabbinischen Judentums führten.

 

Politische Vereinnahmung

 

Der israelische Staat beansprucht häufig für sich, die Gesamtheit aller Juden zu repräsentieren. Er behauptet außerdem, dass Juden sich nur in Israel wirklich sicher fühlen könnten. Um diese Behauptungen zu stärken, wird auch auf den tragischen Anschlag in Bombay hingewiesen werden.

 

Die jüdischen Leichname, deren Särge in israelische Flaggen eingeschlagen waren, wurden von israelischen Kriegsflugzeugen rückgeführt. Mindestens eine der hinterbliebenen Opferfamilien, die des getöteten Rabbiners Arjeh Leibusch Teitelbaum, die der anti-zionistischen Strömung der Satmarer Chassiden angehört, hatte das Angebot Israels strikt zurückgewiesen, zusammen mit den anderen Hinterbliebenen an einer offiziellen Gedenkfeier teilzunehmen. Sie untersagte es außerdem, dass der Sarg des Rabbiners in die israelische Flagge eingeschlagen würde. Aber, wie die israelische Tageszeitung «Haaretz» Anfang Dezember letzten Jahres schrieb, «all ihre Einwände fielen auf taube Ohren ». Das ist in diesem Fall besonders infam, da der Rabbiner weder die israelische Staatsbürgerschaft angenommen noch die ihm und seiner Familie zustehende finanzielle Unterstützung des Staates in Anspruch genommen hatte.

 

Israels Präsident Peres (rechts) auf der Beerdigung der Holtzbergs, die das «Chabad-Haus» Bombay führten. Foto: dpa

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Freund des verstorbenen Rabbiners reagierte mit folgenden Worten auf die politische Vereinnahmung des Leichnams durch die israelische Amtsgewalt: «Habt ihr, die Zionisten, diesen Mann umgebracht und beerbt ihn nun auch noch? Ist es nicht schon genug, dass er ein unschuldiges Opfer eurer Auseinandersetzung mit den Palästinensern geworden ist? Müsst ihr auch noch Gewinn aus seinem Tod schlagen?»

 

Es ist an der Zeit sich einzugestehen, dass Israel Gewalt über die Juden bringt. Dies geschieht sowohl im In- als auch im Ausland. Der Großteil der in den vergangenen Jahrzehnten verübten Übergriffe auf Diasporajuden war von dem Verlangen motiviert, die Enteignungen und Unterdrückungen von Palästinensern durch die Zionisten zu rächen. Es ist so, wie es der alte Schneerson und andere Rabbiner bereits vor hundert Jahren weissagten: der Zionismus und der aus ihm entstandene Staat sind zu einer Bedrohung für die Juden geworden.

 

Die Ermordung Unschuldiger ist durch nichts zu rechtfertigen. Aber anders, als es uns in Nordamerika der US-Kommentator Dennis Prager glauben machen möchte, wollten die Mörder damit nicht «die Juden» vernichten. Angestachelt durch Enteignungen und Unterdrückung von Palästinensern zielten sie auf Israel. Und sie zogen es vor, das «Chabad- Haus» in Bombay zu attackieren, anstatt das Hauptquartier der israelischen Armee in Tel Aviv anzugreifen. Die jüngste Tragödie in der indischen Metropole sollte nun dazu beitragen, dass viele Juden endlich einsehen, dass eine deutliche Diskrepanz zwischen dem besteht, an das sie vorgeben zu glauben, und der Ideologie, der sie tatsächlich anheim gefallen sind. Sie müssen sich klar darüber werden, dass Zionismus nicht gleichbedeutend mit Judentum ist und dass jede weitere, engere Verknüpfung zwischen Juden und dem Staat Israel Unheil über die Schwächsten und Verwundbarsten unter uns bringt.

 

Yakov M. Rabkin

 

Yakov M. Rabkin, geboren in St. Petersburg,

ist Professor für Geschichte an der Universität Montreal, Kanada.

Aus dem Englischen übersetzt von Frauke Stobbe.

«Jüdische Zeitung», Februar 2009