Habemus mamam!

Charlotte Knobloch als Präsidentin des Zentralrats bestätigt

Glückwunsch! Die Ratsversammlung des Zentralrats der Juden in Deutschland hat eine gute Wahl getroffen, als sie Charlotte Knobloch als Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland bestätigte. Kaum jemand wird die Arbeit, die Charlotte Knobloch seit ihrer Wahl zur Nachfolgerin des verstorbenen Paul Spiegel sel. A. im Juni geleistet hat, ernsthaft kritisieren wollen. Verleiht die alte und neue Präsidentin den Anliegen der jüdischen Gemeinschaft gegenüber der nichtjüdischen Mehrheit im Lande doch stets eine ebenso selbstsichere wie umsichtige Stimme - eine Stimme, auf die gehört wird. Und das nicht nur, weil Charlotte Knobloch die erste Frau ist, die an der Spitze des Zentralrats steht.

Gern wären wir, die Redaktion dieser Zeitung, dabei gewesen, als Knobloch und die anderen acht Mitglieder der Exekutive gekürt wurden, um unseren Leserinnen und Lesern aus erster Hand Informationen darüber bieten zu können. Ging aber nicht: Presse, zumindest die unabhängige, war nicht zugelassen in Düsseldorf, wo diesmal im Angedenken an Paul Spiegel getagt wurde. Wir haben das Wahlergebnis aus dem Internet erfahren. Dass es, wie der Blick in andere Blätter zeigt, bei dem Berichterstattungsverbot Ausnahmen gab, macht die Angelegenheit nicht angenehmer, gibt jedoch wenigstens die Möglichkeit eines indirekten Einblicks in die Versammlung. Um die Ecke sozusagen. Da selbst die Selbstverständlichkeit einer Pressemitteilung bislang ausblieb, basieren alle hier genannten Angaben auf Hörensagen beziehungsweise der Berichterstattung anderer Medien.

Wenn schon hinter verschlossenen Türen getagt und gewählt wird, dann bitte konsequent, das wäre ein Gebot der Fairness. Man könnte sich dabei ja an den Ritualen der Papstwahl orientieren, in Konklave begeben und die Stimmzettel am Ende der Wahl den Flammen übergeben - aber Moment: Nach welchen Modalitäten wird eigentlich gewählt? Welches Mehrheitsprinzip wird angewandt? Wäre man dabei gewesen, wüsste man's jetzt vielleicht.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es geht hier nicht darum, Misstrauen zu äußern oder Konflikte zu suchen, wo keine sind. Aber die Aussage, dass dieses oder jenes Mitglied im Präsidium «mit großer Mehrheit» gewählt worden sei, ist nun leider einmal, gelinde gesagt, für die Maßstäbe einer demokratischen Gesellschaft eine Spur zu vage. Neben den reinen Fakten einer Wahl sind ja selbst geringe Schwankungen im Stimmverhalten, auch die leisesten Zwischentöne einer Diskussion, oft aufschlussreicher als das bloße Ergebnis.

Zumal die Wahl, das verrät selbst der «Blick um die Ecke», durchaus Stoff für Spekulationen bietet - und was bleibt uns anderes übrig, als zu spekulieren? Der Umstand, dass Berlin mit der größten jüdischen Gemeinde in Deutschland nicht mehr im Präsidium vertreten ist, ist mit Verlaub ein echter Hammer. Leider ist uns nicht bekannt, ob Albert Meyer als bisheriger Vertreter der Hauptstadtgemeinde gar nicht mehr angetreten war oder ob er einfach nicht gewählt wurde. Auch wäre es spannend zu erfahren, ob es eine Diskussion darüber gab, warum auch Mark Aizikowitsch, ebenfalls aus Berlin, den Sprung ins Präsidium nicht schaffte? Fragen, die auf die Ferne nicht zu beantworten sind, Beispiele dafür, dass die Pressearbeit möglicherweise mehr bedurft hätte als jener SMS, die Stephan J. Kramer, seines Zeichens Generalsekretär des Zentralrats, angeblich an die Agenturen geschickt hatte. Selbst wenn diese konkreten Fälle eher etwas über den Zustand der Berliner Gemeinde als über die Arbeit des Zentralrats sagen, für die Leser unserer Zeitung wären sie sicherlich interessant gewesen.

Eine - neben der Wahl des Präsidiums - ebenfalls gefallene wichtige Entscheidung ist jene über die Satzungsänderung beim Schiedsgericht. Hier jedenfalls mussten Knobloch und ihre Stellvertreter offenbar eine Niederlage einstecken. Die geplante Änderung sollte ermöglichen, dessen Urteile auch umsetzen zu können, da immer wieder streitende Parteien sich nicht daran gehalten hatten. Die Entscheidung wurde also, so wird berichtet, wiederum um ein weiteres Jahr vertagt. Auch hier wären die Argumente für und wider die Reform durchaus von Belang gewesen.

Nichtsdestotrotz macht die unerquickliche Lage vor allem eines deutlich: Die Wahl von Charlotte Knobloch zur Präsidentin des Zentralrats war genau die richtige. Nur eine so tatkräftige und energische Frau wie sie kann anliegende strukturelle Probleme im Innern angehen und - auch das wäre im Sinne aller - die nebulösen Verfahren um die Findungsprozesse im Zentralrat lichten. Denn zum demokratischen Selbstverständnis einer Gemeinschaft gehört - ganz im Interesse der eigenen Glaubwürdigkeit - größtmögliche Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit.

Moritz Reininghaus

«Jüdische Zeitung», Dezember 2006