«Das war doch gestern schon»

 

Eine Bilanz zum Krieg in Gaza - Kommentar

 

 

Eine Bilanz des letzten Gaza-Kriegs, dem siebten seit der Staatsgründung 1948 und der Vertreibung der Palästinenser, die kommt einem Nachruf auf die Friedensaussichten zwischen Israelis und Palästinensern gleich. In Millionen von Menschen erweckt der israelisch-palästinensische Konflikt Leidenschaften, Ängste, Zuneigungen, Abneigungen und Interessen. Eine objektive Auseinandersetzung, das beweisen die Heerscharen Unbeteiligter, die sich einmischen – Aktivisten, Terroristen, Berichterstatter, Kommentatoren, Unterstützer, Ablehner, Drahtzieher, Politiker, Ölkonzerne und Waffenhändler – scheint faktisch unmöglich zu sein.

Ging es in diesem Krieg überhaupt um die Hamas und ihre provokativen Raketenangriffe? Oder um die in den späten 1990er Jahren entdeckten Gasvorkommen vor der Küste Gazas im Wert von vier Milliarden Dollar, die Israel auf keinen Fall den Palästinensern überlassen möchte? Wollten diverse israelische Politiker mit dem Feldzug kurz vor den Wahlen Pluspunkte in der zerstrittenen Partienlandschaft sammeln? Setzten sich Politiker , Militär- und Geheimdienststrategen gar zusammen und überlegten, wie sie Israel zum unbeliebtesten Land der Welt machen könnten, um noch mehr Ablehnung von außen und damit inneren Konsens zu schaffen? Was war die Ratio dieses so irrationalen Krieges?

Belügen wir uns nicht. Vor dem Hintergrund des israelisch-palästinensischen Konflikts scheint sich alle Objektivität in Luft aufzulösen. Selbst die entschlossensten europäischen Politiker verhalten sich zaghaft, so als wollten sie nicht Einfluss nehmen, auf die «gött- liche» Tragik jahrtausendealter Prophezeiungen. Israel – nicht nur der Iran – ist selbst ein Hybrid zwischen «Gottesstaat» und Nationalstaat, ideologisch fußend auf säkularem Zionismus und dem strengen Glauben an biblische Versprechungen. Volk, Rasse (siehe den pseudowissenschaftlichen Versuch eine genetische Wurzel aller Juden zu finden) und Religion sind zusammengefasst im Judentum und somit die ausschlaggebenden Identitätsmerkmale. Nur diese Merkmale berechtigen zur vollen Teilnahme an der oft mühsam aufrechterhaltenen, partiellen Demokratie, gemäß zionistischem Narrativ «eine kleine demokratische Insel in einem Meer von Arabern».

Den Besuch europäischer Staatschefs kurz nach der blutigen Aktion in Gaza ließ sich Israel als großen Erfolg seiner demokratischen Diplomatie verbuchen. Europäische Spitzenpolitiker, so der prominente israelische Radiojournalist Jaron Dekel, hätten sich eindeutig auf die Seite des jüdischen Staates gestellt. Ihre Zustimmung zum Krieg in Gaza müssten sie nun nur noch ihren Bevölkerungen vermitteln. Diese Forderung ist nicht nur dreist, sondern auch illusorisch. Es herrscht eine große Diskrepanz zwischen der «Meinung» europäischer Politiker und dem Unmut vieler Menschen in Europa – zusätzlich angeschürt durch die «Bussi-Bussi»-Einknickdiplomatie.


Die Romantik des israelischen Gründungsmythos, die Unterstützer immer wieder ins Gedächtnis rufen, zieht nicht mehr. Sie ist dieser Tag schal geworden, «Romantika be-Grusch», «Romantik für einen Groschen», wie es auf Hebräisch heißt. Es riecht nach dem Tod unschuldiger palästinensischer Opfer, die tagelang in ihren Häusern lagen. Wollten wir einen Nachruf auf diese Opfer, ja vielleicht sogar auf die Friedensaussichten in der näheren Zukunft im Nahen Osten schreiben, so schienen einige Zeilen aus einem Gedicht von Ingeborg Bachmann «Dem Abend gesagt » von 1952 angebracht, die Sprach- losigkeit auszudrücken, welche die Krise erzeugte:

«Das war doch gestern schon/ Das kommt und geht doch wieder/ Die Schlafwege kenne ich bis ins süßeste Gefilde/ Ich will dort nimmer gehen/ Noch weiß ich nicht/ Wo mir der dunkle See die Qual vollendet/ Ein Spiegel soll dort liegen/ klar und dicht und will uns funkelnd vor Schmerz die Gründe zeigen.»

Ja, «das war doch gestern schon»! Dieser schmerzende Spiegel! 1948, das bedeutet für Israelis «Milchemet Ha-Schichrur», «Befreiungskrieg»; für Palästinenser «Nakba», «Katastrophe». So wurde die Geschichte geschaffen und bis zum heutigen Tag konstruiert.

Ein guter israelischer Bekannter schickte mir per E-Mail auf der Höhe des Krieges eine Fotobroschüre: Die postulierten Charaktereigenschaften der Kinder der zwei Nationen gegenübergestellt. Auf der einen Seite islamisierte, hasserfüllte muslimisch- palästi- nensische Kinder, auf der anderen Seite friedvolle, humanistische, jüdischisraelische Kinder. Das ganze erinnerte stark an deutsche Propaganda-Broschüren der 1930er Jahre. Ein Klick, und es landete im Papierkorb. Der schlechte Beigeschmack blieb. Kurz nach dem Einsatz rühmte Verteidigungsminister Ehud Barak die israelische Armee als die «moralischste Armee» der Welt – eine Aussage, die zwar fundamental unsinnig ist, denn Armeen und Kriege sind per se nicht moralisch, wohl aber in israelische Schulbücher eingehen könnte, denn der Sieger schreibt Geschichte. Vergessen wir für einen Augenblick die Toten. Aber wo bleibt die Zukunft, wenn die Bereitschaft, Fehlverhalten einzugestehen, nicht vorhanden ist?


Daraus entstehen Verhaltensmuster, die Krieg und Hass begünstigen. Immer nur Opfer zu sein und dabei die eigenen Opfer, die im Holocaust Ermordeten zur Rechtfertigung vor den politischen Schubkarren zu spannen, soll moralisch unangreifbar und unfehlbar machen. Doch wen bringt es weiter?

Die westlichen und israelischen Einstellungen gegenüber der islamischen Welt sind seit dem 11. September fast deckungsgleich und drehen sich im Kreis: «Wenn die Muslime sich mäßigten, dann könnte man mit ihnen Frieden schließen. Doch solange man dafür keinen Beweis hat, kann man auch keinen Frieden schließen». Also Bomben. 13 gegen 1300, das ist die Statistik der Toten des letzten Gaza-Krieges. Wird sie immer so bleiben, oder prallt der Hammer irgendwann einmal vom Amboss zurück?

Vielleicht ja, aber anders als erwartet. Nun weist alles darauf hin, dass sich in der amerikanischen Politik eine tiefgreifende Kehrtwende vollzieht. Der katastrophale Imageschaden unter der George-W.-Bush-Regierung, die weltweite Wirtschaftskrise, die Kosten zweier Kriege im Irak und Afghanistan, all das verlangt nach einem Kurswechsel. Vor allem in Bezug auf den Nahen Osten, so scheint es, setzt der neue amerikanische Präsident Barak Obama auf eine neue Strategie der Annäherung. Da passen Israels Hau-Drauf-Aktion und die 41 Jahre währende Besatzung und Landenteignung schlecht hinein. Langsam kommt also in den USA die Frage auf, welche strategischen Partnerschaften in der Zukunft wichtiger sein könnten, die zu Israel, oder die zur arabischen und islamischen Welt. Und dies könnte sich für Israel als der Hammer herausstellen, der vom Amboss zurückprallt.

 

Philipp Holtmann

«Jüdische Zeitung», Februar 2009