"Diese Entscheidung muss jeder für sich selbst treffen"

 

Trotz der Wirtschaftskrise geht die Arbeit für die Sochnut in Deutschland weiter

Als der Berliner Vertreter der Jewish Agency, Rafael Aharon, in der Septemberausgabe der «Evrejskaja Gazeta» las, dass die Sochnut, wie die Organisation auf Hebräisch heißt, umgestaltet werden und die Einwanderungsabteilung geschlossen werden sollte, rief er die Redaktion an, um zu melden, dass «die Informationen über den Tod leicht übertrieben sind». Ein paar Tage darauf kam er zu uns in die Redaktion und erklärte den Sachverhalt:

 


Rafael Aharon Foto: Archiv

Rafael Aharon: Natürlich spüren wir alle die Auswirkungen der Wirtschaftskrise, denn die Sochnut ist keine staatliche Organisation und wird im wesentlichen durch Sponsoren finanziert. Auch bei uns wird das Geld knapper und deswegen muss an vielen Stellen gespart werden. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Sochnut aufgelöst oder ihre Strategie wesentlich verändert wird. Wie jede andere Organisation auch entwickeln wir uns weiter. Heute arbeitet die Sochnut anders als vor zehn Jahren und die Krise hat gewisse Veränderungen lediglich beschleunigt. Doch Veränderung bedeutet ja nicht unbedingt Abbau. Bei uns entstehen auch neue Programme, zum Beispiel bieten wir in Israel Betriebspraktika an, in deren Rahmen die Teilnehmer auch Land und Leute kennenlernen können.

Sie sind bereits seit fast einem Jahr in Deutschland. Wie sieht Ihrer Meinung nach die heutige Auswanderung aus Deutschland nach Israel aus?

Da ich von Beruf Soziologe bin, interessiere ich mich besonders für die Dynamik und Statistik gesellschaftlicher Erscheinungen. Als ich die Zahlen vom Vorjahr untersuchte, habe ich eine interessante Besonderheit entdeckt: Im Zeitraum von Oktober 2007 bis Oktober 2008 ist die Zahl der Auswanderungswilligen aus Deutschland nach Israel um 15 Prozent gestiegen. Und die meisten von Ihnen sind junge, gut ausgebildete Leute im Alter von 20 bis 30 Jahren.

Haben Sie sie nach Beweggründen gefragt?

Natürlich habe ich das. Die meisten sagen dann: «Ich kann hier nicht leben». Zuerst dachte ich, dass dies irgendwie mit der Geschichte, mit dem Holocaust zu tun hat. Dann bin ich aber zur Erkenntnis gekommen, dass dieser Aspekt überhaupt keine Rolle spielt. Alle Auswanderungswilligen fühlen sich in einer «kalten» Gesellschaft, wie sie das selbst nennen, unwohl. Dann stelle ich die Frage: «Sie haben doch einen Hochschulabschluss und hätten problemlos ein- en Arbeitsplatz in einem anderen europäischen Land, in den USA oder in Kanada finden können. Warum dann Israel?» Und sie antworten: «Weil ich mich dort zuhause fühle.»

In den letzten Jahren investiert Sochnut viel Zeit in die Auswanderung von Fachleuten…

Stimmt. So gibt es zum Beispiel eine Vereinbarung mit dem Gesundheitsministerium, die uns erlaubt, Ärzten in Israel eine Arbeit und ordentliches Gehalt zu garantieren. Wir befinden uns auch in Verhandlungen mit dem Bildungsministerium, denn es fehlen auch Englischlehrer, und die Lehrer verdienen in Israel heutzutage auch nicht schlecht. Aber ich möchte klarstellen: Wir überreden keinen zur Auswanderung – diese Entscheidung muss jeder für sich selbst treffen. Wenn die Entscheidung von dem Menschen selbst getroffen wurde, dann verhält er sich anders, als wenn ihm von einem etwas versprochen wurde. Deswegen ist es unsere Aufgabe, die Menschen mit Informationen zu versorgen, und dann, wenn die Entscheidung getroffen worden ist, Hilfe zu leisten.

Wer wandert eher aus Deutschland aus: Die Emigranten aus der ehemaligen UdSSR oder die Einheimischen?

70 Prozent der Auswanderer sind russischsprachige Juden. Aber der Wille auszuwandern wächst allgemein. So ist in den letzten sechs Monaten die Zahl der Anrufe in unserem Infocenter in Jerusalem um 15 Prozent gestiegen und es sind dreimal so viele Jugendliche aus Deutschland, die sich für das Programm «Naale» interessieren, das ihnen erlaubt, drei Jahre in Israel zu leben und dort den Schulabschluss zu machen – und ich glaube, diese Zahl wird noch weiter wachsen. Es gibt immer mehr Interesse an Israel und die Menschen verstehen immer öfter, dass dies nicht nur das Land für alle Juden ist, sondern ein Land, in dem man auch gut leben kann. Auch finanziell gut, vor allem diejenigen, die einen guten Beruf haben. Abgesehen davon, dass die Russischsprachigen dort so gut wie keine Verständigungsschwierigkeiten haben: Im Alltag reicht Russisch völlig aus. Obwohl: Wenn jemand Berufserfolge haben will, dann muss er natürlich Hebräisch lernen. Dafür wird aber auch Ihrem Akzent keine Aufmerksamkeit geschenkt.

Wie ist Ihre Zusammenarbeit mit den Gemeinden aufgebaut?

Wir versuchen mit den Gemeinden zusammenzuarbeiten. In den letzten Monaten wenden sie sich immer öfter an uns, damit wir den jungen Menschen über Israel zu erzählen; und fragen nach Jugendreisen nach Israel.

Mikhail Goldberg

«Jüdische Zeitung», Dezember 2008