Liberalismus und Religion

 

Gesellschaft zwischen Säkularismus und Renaissance des Religiösen

 

«Radikalismus und Missionierung sind nichts, wovor man sich fürchten muss, solange solche Maßnahmen nicht physisch sind, kein Zwang besteht, so zu werden wie die Missionare», sagte der orthodoxe Rabbiner Shaul Friberg, der seit April 2008 als

Rabbiner Gilad Kariv (vorne links) von der World Union for Progressive Judaism in Jerusalem. Foto: FNS

Hochschulrabbiner an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg tätig ist, als einer der vielen Referenten, die die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit Ende November zu einer internationalen Tagung nach Bonn eingeladen hatte. Thema sollte die Renaissance des Religiösen sein, die wir in vielen Teilen der Welt erleben. Diese Ent- wicklung, so die Veranstalter, hat gesellschaftliche, teilweise auch erhebliche po- litische Auswirkungen. Im Zuge des Erstarkens des Religiösen kommt es immer wieder zur offenen Kampfansage an säkulare Werte und liberale Grundpositionen. Vor allem in muslimisch geprägten Ländern befinden sich die Liberalen in der Defensive. «Es gilt, das Vorurteil zu widerlegen, dass Liberalismus gegen die Religion und Liberale gegen die Hinwendung zum Transzendenten seien.»

 

Die prominent besetzte Konferenz im Haus der Deutschen Welle erlaubte den Ex- pertinnen und Experten aus Deutschland, Jordanien, Israel, Malaysia, Indien und den USA neben einigen grundlegenden Überlegungen zum Staat-Kirchen-Verhältnis leider nur kurze persönliche Statements, und es bestand kaum Gelegenheit, mit Baker Al-Hiyari vom «Royal Institute for Interfaith Studies» in Jordanien oder Norani Othman, dem Gründungs- mitglied der «Sisters in Islam» aus Malaysia, ins Gespräch zu kommen. Dass das Publikum, seine Vorkenntnisse und Erwartungen bunt gemischt waren, machte die Sache nicht leichte; immerhin fanden sich unter den Zuhörern aber auch ein paar engagierte jüdische Gäste, darunter Manfred de Vries von der Jüdischen Gemeinde Bad Nauheim. Offen blieb, welche Bezüge es zwischen politischem und religiösem Liberalismus gibt. Auch wenn der Begriff «liberal» im religiösen Sprachgebrauch heute ganz anders verwendet wird als in der Politik, so griff der religiöse Liberalismus im 19. Jahrhundert doch die Anliegen des älteren politischen Liberalismus auf und entwickelte auf dessen Grundlagen ein neues religiöses System. Dieser theologische Liberalismus prägte damals den Geist vieler moderner Geisteswissenschaftler und bildete in Deutschland die Grundlage für die Entstehung der «Wissenschaft des Judentums» und des liberal- religiösen Judentums, das heute die weltweite stärkste religiöse Richtung im Judentum ausmacht. Zu seinen Vertretern gehört auch Rabbiner Gilad Kariv vom «Israel Religious Action Center» in Jerusalem, der in Bonn für eine Allianz von liberalen Kräften in Politik und Religion eintrat. «Warum unterstützen liberale Staaten oft orthodoxe religiöse Kräfte», lautete eine seiner Fragen mit Verweis auf die aktuelle Situation in Israel, Großbritannien oder auch Deutschland, wo sich das liberale Judentum, das hier vor 200 Jahren seinen Anfang nahm, ja noch vor ein paar Jahren seine Anerkennung vor dem Bundes- verwaltungsgericht erstreiten musste. Über eine Präsentation von Positionen kam diese Tagung schon aus Zeitgründen nicht heraus. Es blieb beim Nebeneinander, kam kaum zum Miteinander, und über die Gründe für die zunehmende Religiosität konnte nur spekuliert werden. «Furcht vor der Freiheit» lautete ein mögliches Motiv.

 

Hartmut Bomhoff

«Jüdische Zeitung», Dezember 2008