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Ausstellung und Katalog des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg über Musik in der Synagoge
Als Ende Oktober die aktuelle Sonderausstellung des Jüdischen Kulturmuseums in Augsburg eröffnet wurde, vermittelte ein Gesangsquartett mit jüdisch- liturgischer Musik aus vier Jahrhunderten einen lebendigen Eindruck von der Synagogalmusik, die hier dokumentiert wird.
Den Kern der Ausstellung «Singt dem Herrn ein neues Lied - Musik in der Synagoge» bilden Exponate aus der 1986 von der Universitätsbibliothek Augsburg erworbenen Musikaliensammlung Marcel Lorands (1911-1988). Marcel Lorand wurde als Márton Loránd in Budapest geboren. Er war ein Schüler Béla Bartóks und wirkte schon vor dem Zweiten. Weltkrieg als Kantor in Budapest, wo er auch in der Nachkriegszeit die orgelbegleitete Syna- gogalmusik weiter pflegte. Nach seiner Emigration 1964 war er in gleicher Funktion in Straßburg tätig. Schon als junger Mann hatte Lorand damit begonnen, Musik der aschkenasischen Synagoge zu sammeln, die in öf- fentlichem Besitz heute nur noch sehr vereinzelt vorhanden ist.
Die seit Jahrhunderten mündlich überlieferten, zum Teil sehr alten Melodien für den Gesang in der Synagoge wurden seit der Mitte des 19. Jahrhunderts schriftlich fixiert und im Druck zugänglich gemacht. Hinzu kamen zahlreiche Eigenkompositionen von Kantoren in einem neuen Musikstil, der deutliche Einflüsse der Musik der Kirche und des klassisch-romantischen Kunstmusik aufweist und charakterisiert ist durch das Zusammenwirken von Männerchor (und später auch gemischtem Chor) mit der Solostimme des Kantors und als unerhörter Neuheit der Orgel, um deren Einsatz es während des gesamten 19. Jahrhunderts heftige Auseinandersetzungen gab. Zu den wichtigsten Kom- ponisten dieses Musikstils zählen Salomon Sulzer (1804–1890) in Wien, der auch von Franz Schubert als Interpret seiner Lieder hoch geschätzt wurde, Samuel Naumbourg (1817–1880) in Paris und Louis Lewandowski (1821–1894) in Berlin. In den aschkenasischen Synagogen Europas war diese Musik bis zum Beginn des NS-Terrors lebendig. Heute ist sie, abgesehen von Nordamerika, wo sie nach wie vor zur musikalischen Praxis gehört, leider weithin unbekannt. Mit der Konsolidierung jüdischen Lebens in Deutschland und Mitteleuropa knüpfen aber wieder mehr und mehr Gemeinden an diese reiche musikalische Tradition an.
Dass die Universitätsbibliothek Augsburg in die Lage versetzt wurde, den außerordentlich seltenen und wertvollen Notenbestand erwerben und damit der Forschung wie auch der musikalischen Praxis zugänglich machen zu können, ist der Initiative von Andor Izsák zu verdanken. 1944 im Budapester Ghetto geboren, stand er während seines Musikstudiums Lorand als Organist zur Seite. 1962 gründete er mit ihm in Budapest den Lewandowski- Chor, um erstmals wieder Musik der jüdischen Liturgie aus der Zeit vor dem Holocaust aufzuführen. Der Ankauf der Sammlung Lorand im Jahr 1986 stand in engem Zusammenhang mit der Gründung des von Izsák 1988 in Kooperation mit der Universität Augsburg ins Leben gerufenen Europäischen Zentrums für Jüdische Musik, das heute an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover angesiedelt ist. Inzwischen bietet das Jewish Institute of Cantorial Arts des Abraham Geiger Kollegs an der Universität auch eine praktische Kantoren- ausbildung an, und der Augsburger Tenor Nicola David, der bei der Aus- stellungseröffnung am 28. Oktober auftrat, gehört zu den ersten Studenten dieses in Europa einzigartigen Ausbildungsprogramms.
An der Universitätsbibliothek Augsburg wird die Sammlung Lorand seit ihrem Ankauf von Günther Grünsteudel betreut, der anlässlich der Ausstellung «Musik in der Synagoge» einen annotierten Bestandskatalog der Sammlung erarbeitet hat. Der Katalog beschreibt und kommentiert Notendrucke und -handschriften. Die Gruppe der Drucke umfasst 91 Werke, darunter auch etliche mehrbändige Sammlungen und Sammelwerke. Zu ihnen gehören be- kannte Titel wie «Schir Zion» von Salomon Sulzer, «Todah w‘simrah» von Louis Lewandowski, «Semiroth Israel» von Samuel Naumbourg und «Baal T‘fillah» von Abraham Baer. Die zweite Bestandsgruppe bildet handschriftliches Notenmaterial, bestehend aus fünf teilweise mehrere hundert Seiten starken, gebundenen Notenbänden, die der synagogalen Praxis in Budapest und Straß- burg zuzuordnen sind, sowie einer Vielzahl von Einzelkompositionen meist eher geringen Umfangs (insgesamt knapp 600 Seiten). Eine kleinere dritte Bestandsgruppe bilden Notendrucke mit weltlichen Kompositionen des Juden- tums. Ein Überblick über die Geschichte der synagogalen Musik leitet den Katalog ein, ein Personenregister erschließt ihn.
Die Ausstellung im Jüdischen Kulturmuseum Augsburg – Schwaben (Halderstraße 6-8, 86150 Augsburg) läuft bis zum 18. Januar 2009. Sie ist dienstags, donnerstags und freitags von 9 bis 16 Uhr geöffnet, mittwochs von 9 bis 20 Uhr und sonntags von 10 bis 17 Uhr.
Günther Grünsteudel Musik für die Synagoge: Die Sammlung Marcel Lorand der Universitätsbibliothek Augsburg. Historische Einführung und Katalog Augsburg: Universitätsbibliothek Augsburg 2008 72 Seiten, 5 Euro
3.12.2008 19 Uhr Lehrhaus im Festsaal «Was ist ein Kantor» Ein Gespräch zwischen Rabbiner Dr. Henry Brandt und dem künftigen Kantor Nikola David
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