"Es ist wie in alten Zeiten"

 

Auf den Spuren der Templer in Israel

Heiligabend in Bethlehem. Von weihnachtlichem Rummel keine Spur. Es gibt keinerlei christliche Präsenz mehr an diesem Ort… Ein Schreckensszenario?

Die Kirche von Alonei Abba (Waldheim) in Galiläa Foto: Hartmut Bomhoff

Keineswegs, denn es handelt sich um den Moschaw Beit Lehem Ha‘glilit, ein Dorf am Rande eines Eichenwaldes in Galiläa. Gut erhaltene Steinhäuser erinnern daran, dass sich hier vor gut hundert Jahren deutsche Templer niedergelassen hatten, die im Emek Jisrael bis zum Zweiten Weltkrieg Milchwirtschaft betrieben. Der heutige Moschaw wurde im April 1948 gegründet und lebt mit seinen Restaurants und Kunstgalerien, Fremdenzimmern und einer Kräuterfarm zum großen Teil von Touristen, die auf dem Land ein wenig Beschaulichkeit suchen. Die Templer waren Angehörige einer protestantischen Religionsgemeinschaft aus Württemberg, die sich selbst als «lebendige Bausteine» eines Gotteshauses verstehen, das sie durch ihr Miteinander bilden.

 

Dieses zweite Bethlehem ist aber auch für Archäologen hochinteressant, und der Gedanke, dass Jesus womöglich hier in Galiläa geboren wurde und nicht vor den Toren Jerusalems, ist gar nicht so abwegig. Es sind gerade mal zehn Kilometer bis Nazareth. Der Talmud- und Midrasch-Experte Joseph Klausner (1874-1958), der Großonkel von Amos Oz, dürfte der erste gewesen sein, der diese These vertrat. In seinem Buch «Jesus von Nazareth» verwies Klausner darauf, dass dieses galiläische Bethlehem im Talmud und in der Midrasch- Literatur vorkommt; der Ort wird auch in Josua 19:15 als Stadt im Stam- mesgebiet des Stammes Sebulon erwähnt (im Jerusalemer Talmud wird daraus Beth Lehem Zoria), außerdem in Richter 12:8–10: «Ibzan aus Betlehem war Richter in Israel.» Ausgrabungen belegen, dass das galiläische Bethlehem zur Zeit Jesu eine bedeutende Stadt war, während es für Bethlehem in Judäa keine Befunde aus herodianischer Zeit gibt. Der Archäologe Aviram Oshir hat in Galiläa zudem Fundamente einer Synagoge, einer großen byzantinischen Kirche und eines Klosters freigelegt. Israel- Besucher bekommen heute gleichsam automatisch ein Stück Bethlehem zu Gesicht: Das Mosaik mit Pflanzen- und Tierdarstellungen, dass Aviram Oshri ausgegraben hat, ist nämlich im neuen Abfertigungsgebäude des Ben- Gurion-Flughafens bei Tel Aviv zu sehen.

 

Auch wenn Jesus nach christlichem Verständnis aus Bethlehem in Judäa stammt, kommt grundsätzlich auch das galiläische Bethlehem als Geburtsort in Frage. Die Stadt Davids wird nämlich nur in zwei Evangelien genannt, während das ältere Markus-Evangelium lediglich von Nazareth als Heimat spricht. Dass dieser Jesus von Nazareth in die Tradition von König David gestellt wurde, lässt sich als reine Glaubensaussage lesen. Oder, um es mit dem renommierten Historiker Alexander Demandt zu sagen: «Unhistorisch wie der Stern und der Besuch der Magier ist auch der Geburtsort Bethlehem. Jesus war Bürger aus Nazareth in Galiläa.» Als Mitglieder der Tempelgesellschaft 1906 in die Jisraelsenke kamen und zwei landwirtschaftliche Siedlungen gründeten, hatte sich der Ortsname Bethlehem noch in Form des Landguts Bet-Lahem erhalten. Ob auch die jungen Männer aus Haifa, die damals auf der Suche nach Land in dieses arabische Dorf kamen, den Ort für die Geburtsstätte Jesu hielten?

 

Nur wenige Kilometer von Bethlehem entfernt entstand 1907 die Siedlung Waldheim, heute Alonei Abba, als Zuhause für diejenigen Nachkommen von

Foto: Haifa Tourist Boar

Haifaner Templerfamilien,die zur evangelischen Kirche zurück- gekehrt waren und deswegen als Kirchler bezeichnet werden. Sie errichteten sich ein kleines Gottes- haus samt Turm, nicht nur ein einfaches Gemeindehaus; diese Kirche ist bis heute ein Blickpunkt, aber einsturzgefährdet und nicht zugänglich – es scheint, dass nur das Efeu ringsherum das Gebäude noch zusammenhält. Der Moschaw ist ein Refugium für Künstler. Der Sänger Shlomo Artzi stammt von hier, und der Schriftsteller Meir Shalev, der dem Ort und seinen deutschen Gründern in dem Roman «Fontanelle» ein Denkmal gesetzt hat, zieht sich regelmäßig hierher zurück.

 

«Und noch etwas haben sie nicht bedacht», spottete mein Vater», dass der Messias kein Deutscher ist wie sie. Er ist wie wir, ein Jude, und wir nehmen es mit der Zeit und Ort nie genau. So geschah es, dass die Deutschen mit ihm einen Termin vereinbarten, ins Land kamen und gewartet und gewartet haben, doch er – das Widderhorn hat nicht getönt, der Esel ist nicht aufgewacht – erschien einfach nicht.»

 

Die Relikte der deutschen Kolonisationstätigkeit im Emek Jisrael und anderswo in Israel, in Haifa, Tel Aviv und Jerusalem, machen neugierig. Was genau hat es mit dieser Geschichte eigentlich auf sich? «In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bemühten sich Christen aus verschiedenen Ländern und

Foto: Haifa Tourist Board

Nationen, das Heilige Land, das seit über dreihundert Jahren unter türkischer Herrschaft stand, wieder zu besiedeln. In den 1850er Jahren waren die ersten Versuche von Kolonisten aus Wuppertal nach acht Jahren sowie von Kolonisten aus Philadelphia nach vier Jahren, gescheitert. Auch ein weiterer Kolonisationsversuch von Ameri- kanern aus Maine zwischen 1865 und 1867 schlug fehl», fasst der israelische Historiker Jakob Eisler die damalige Entwicklung zusammen. «Die einzigen Christen, denen es gelang, sich dauerhaft in Palästina anzusiedeln, waren die württembergischen Templer. Bis zum Ersten Weltkrieg gründeten sie die schnell aufblühenden Kolonien in Haifa (1868), Jaffa (1869), Sarona (1871) und Jerusalem (1873), sowie nach dem Besuch des deutschen Kaisers Wilhelm II. 1898 die Kolonien Wilhelma (1902) und Bethlehem- Galiläa (1906).» Eisler, der in Haifa geboren wurde, unterrichtet in diesem Wintersemester an der Pädagogischen Hoch- schule Ludwigsburg; sein Seminar zum Thema «Die Kolonien der württem- bergischen Templer, die evangelischen Gemeinden und die deutschen Miss- ionseinrichtungen im Heiligen Land» beschäftigt sich mit der deutschen Tätigkeit im Heiligen Land. Den Anfang des Siedlungswerkes machte also die deutsche Kolonie in Haifa. «In jenen Tagen war Haifa noch ein armseliger Ort, der im Schatten der Bezirkshauptstadt Akko lag. Die 4000 Einwohner lebten fast alle eingeengt innerhalb der Stadtmauern, und wenn damals schon ein frischer Wind in dem Städtchen spürbar war, so waren es die deutschen Siedler, die jetzt den entscheidenden Anstoß zu seiner Entwicklung gaben», schreibt Alex Carmel in seiner 1973 auch auf Deutsch veröffentlichten Dis- sertation «Die Siedlungen der württembergischen Templer in Palästina 1868-1918». Auf Haifa folgten auf Initiative von Christian Hoffmann (1815– 1885) und Georg David Hardegg (1812–1879) bald weitere Siedlungen. Die German Colony im Emek Refa’im von Jerusalem ist heute eine der beliebtesten Wohngegenden der Stadt. 1871 erwarb hier Matthias Frank aus Neuffen ein Stück Land und errichtete eine Dampfmühle nebst Wohnhaus. Bald ließen sich Kaufleute, Hoteliers, Handwerker, Baumeister und Lehrer in der Siedlung nieder, und nachdem Christoph Hoffmann 1878 die Zentralleitung und die Höhere Schule der Templer nach Jerusalem verlegt hatte, wurde die Stadt zum geistigen und kulturellen Mittelpunkt der Tempelgesellschaft.

 

In Haifa entstand oben auf dem Karmel um 1890 in einem Kiefernhain ein neues Templerviertel mit Wohnhäusern, Hotels und Erholungsheimen. Im Haus Keller, einst Wohnsitz des deutschen Vizekonsuls Friedrich Keller, ist heute das Gottlieb-Schumacher-Institut zur Erforschung des christlichen Beitrags

zum Wiederaufbau Palästinas im 19. Jahrhundert untergebracht, benannt nach dem Ingenieur und Architekten, der als Mitglied der Tempelgesellschaft das Stadtbild von Haifa prägte. Hier wird die Geschichte der Templer am histori- schen Ort erforscht. Anfangs dienten die rund 3.000 Templer den früheren jüdischen Siedlern, die von 1882 verstärkt ins Land kamen, nämlich als Vorbild und lebendiger Beweis dafür, dass man als Europäer in Eretz Jisrael leben, arbeiten und bestehen kann. Später trat ein glühender deutscher Patriotismus an Stelle des ursprünglich eher universalistischen Glaubens der Templer, und Anfang der 1930er Jahre wandten sich mehr und mehr von ihnen dem Nationalsozialismus zu. Die deutschen Siedler wurden im Zweiten Weltkrieg von der britischen Mandatsmacht interniert und später nach Deutschland repatriiert oder nach Australien deportiert. Die letzten Templer mussten das Land 1948 im Zuge der Staatsgründung verlassen.

 

Im jungen Staat Israel spielte diese Geschichte zunächst kaum eine Rolle. Der Kölner Autor Peter Finkelgruen erinnert sich in seinem Buch «Erlkönigs Reich – Die Geschichte einer Täuschung» an zwei alte Brunnen bei dem kleinen Haus in Kfar Samir bei Haifa, das seine Großmutter Anna für sich und ihn 1952 nahe am Sandstrand errichten ließ: «Vor mir liegt eine Dissertation aus dem Jahre 1937. Aus dieser Dissertation erfahre ich, dass die ersten Häuser an diesem Ort im Jahre 1900 erbaut worden sind. Ich erfahre, dass der Ort damals Neu- hardthof hieß und eine deutsche Siedlung war. Die Gründer dieser Siedlung hatten dort diese Brunnen gebohrt. […] Die ganzen Jahre habe ich geglaubt, wir hätten auf dem Boden eines früheren palästinensischen Dorfes gebaut und gelebt.» Ähnlich äußert sich der ehemalige Kulturattaché Kobi Fleischmann, der in der früheren Templersiedlung Bethlehem zu Hause ist: «Wir haben geglaubt, die jüdischen Siedler vor 1940 und nach 1945 hätten die Infra- struktur dieses Gebiets geschaffen. Jetzt lernen wir, dass vor uns Deutsche da waren, auf deren Errungenschaften wir nach 1948 aufbauen konnten.»

 

Inzwischen werden die Reste des christlichdeutschen Siedlungswerkes, also die typischen Wohnhäuser mit ihren roten Ziegeldächern, die Friedhöfe und Schul- und Gemeindehäuser, nach und nach unter Denkmalschutz gestellt und aufwändig restauriert. Sarona ist heute ein Idyll im Großstadtgetriebe. Ein Teil der Gebäude an der Rehov Kaplan liegt im militärischen Sperrgebiet des Ver- teidigungsministeriums, der andere in einem öffentlichen Park. Beim Rundgang mit der Fremdenführerin Bosmat Kohav trifft man dort auf einige Über- raschungen, etwa auf eine Olivenpresse, die mittels eines alten Deutz- Motors funktioniert, auf Hallen und Weinkeller, in denen die Untergrundarmee 1945 Flugzeuge verbarg, und auf ein Tunnelsystem. Die Stadtverwaltung von Tel Aviv plant eine Reihe von Apartment-, Büro- und Hoteltürmen um die Anlage – mit der Auflage, dass jeder Investor, der hier baut, auch eines der alten Siedlerhäuser in Stand setzen muss. Die einstige Templersiedlung Sarona mit ihren 37 Häusern soll zu einem Freilichtmuseum werden. »Die Bäume standen in der Blüte», schrieb der schwedische Weltreisende und Forscher Sven Hedin 1916 über Sarona. «Vor allem gedeihen Pampelmusen, Orangen, aber auch Gemüse. Es ist wie in den alten Zeiten, es fließen Milch und Honig.»

 

Hintergrund: Reiseliteratur zum Thema

 

Die ehemalige Templersiedlung entlang der Koloniestraße (Sderot Ben-Gurion) liegt heute inmitten der Innenstadt von Haifa, führt vom Meer hinauf zu den Bahaigärten am Hang des Karmels und ist mit ihren zahlreichen Restaurants zu einer beliebten Ausgehmeile geworden. Das Fremdenverkehrsamt von Haifa hat ein englischsprachiges Faltblatt veröffentlich, «The German Colony since 1869», in dem Professor Yossi Ben-Artzí von der Universität Haifa die Ge- schichte der erhaltenen Siedlerhäuser zusammenfasst und so auch Einzel- reisenden den Weg durch die Kolonie weist. Zu diesen Stationen gehören neben dem Gemeindehaus auch viele Privathäuser, manche davon schon im Bauhaus-Stil errichtet. Ein typisches Templerhaus ist das Gebäude, in dem heute das beliebte Restaurant «Hasdera 1872» untergebracht ist und dessen Ausstattung und Dekor an die einstige deutsche Vergangenheit erinnert. Weitere Informationen bietet das Haifa Tourist Board, das ebenfalls in der German Colony zu finden ist: www.tour-haifa.co.il.

 

Literatur:

Carmel, Alex, Die Siedlungen der württembergischen Templer in Palästina 1868–1918, 3. Aufl. Stuttgart 2000.

Eisler, Jakob, Der deutsche Beitrag zum Aufstieg Jaffas 1850–1914, Wiesbaden 1997.

Eisler, Jakob, Deutsche Kolonisten im Heiligen Land, Stuttgart 2001.

Eisler, Jakob/Haag, Norbert/Holtz, Sabine, Kultureller Wandel in Palästina im frühen 20. Jahrhundert, Epfendorf 2003.

Föll, Renate, Sehnsucht nach Jerusalem, Tübingen 2002.

Lange, Peter, Templer-Handbuch, Stuttgart 2002.

Sauer, Paul, Uns rief das Heilige Land, Stuttgart 1985.

Sinno, Abdel Raouf, Deutsche Interessen in Syrien und Palästina 1841–1898, Berlin 1982.

 

Die deutsche Siedlung Waldheim (Alonei Abba) ist ein Motiv in Meir Shalevs Roman «Fontanelle» (Diogenes 2004). Ein großer Teil des darin geschilderten Geschehens findet zur Zeit des Zweiten Weltkriegs statt, der jedoch hier so an den Rand gedrängt ist, dass man es kaum glauben mag; das deutsche benachbarte Templerdorf, mit dem man zuvor gar keinen so schlechten Umgang gezeigt hatte, wird schließlich ausgewiesen.

Hartmut Bomhoff

«Jüdische Zeitung», Dezember 2008