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Sylke Tempel: Reise durch ein neues altes Land
Kritische Analysen und halboffiziöse Stellungnahmen |
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| Foto: Verlag |
Die Kapitel sind nach den Stationen ihrer Reise geordnet: über drei Wüsten kommt sie nach Jerusalem, von dort nach Galiläa und schließlich nach Tel Aviv. Tempel behandelt die Halbinsel Sinai, auch wenn sie nicht zum Staat Israel gehört, um mit dem Bund zwischen Gott und den Israeliten die Grundlagen der jüdischen Religion erläutern zu können. Ein Grundthema im Eingangskapitel sind unterschiedliche jüdische Traditionen: hier Vernunft und Augenmaß, dort die Eiferer, die im Jahr 73 u.Z. auf der Festung Massada kollektiven Selbstmord begingen bzw. ihre Frauen und Kinder umbrachten. Die Eiferer der Gegenwart, so Tempel, seien die extremistischen Siedler – ein überzeugender Grundgedanke.
Gemischt fällt dagegen das Jerusalem-Kapitel aus. Im Abschnitt «Berg der Erinnerung» beeindrucken die Gespräche mit Überlebenden des Holocausts und ihren Nachkommen. Demgegenüber werden die palästinensischen und orthodox-jüdischen Bewohner blass und beinahe klischeehaft dargestellt. Wenig Neues bietet das Abschlusskapitel über Tel Aviv, obwohl die Metropole am Mittelmeer der Autorin nach eigenem Bekunden besonders ans Herz gewachsen ist.
Gelungen ist dagegen das Kapitel «Wenn ihr wollt, ist es kein Traum», in dem es geographisch vor allem um Galiläa geht. Hier analysiert Tempel zugleich die Hindernisse auf einem Weg zum Frieden und berührt sogar eines der heißesten Eisen der israelischen Politik. Im Abschnitt «Rekruten, Reservisten und Regie- rungschefs» fragt sie: «Ist Israel nun ein Staat mit einer Armee oder eine Armee mit einem Staat?» Die Analyse dieser spannenden Frage wird aber abgebrochen, ehe sie richtig begonnen hat. So pendelt die Autorin oft zwischen differenzierter Kritik und subtilen Verbeugungen vor offiziellen israelischen Regierungsstandpunkten hin und her. Die amtliche Lesart von Jerusalem als der «ungeteilten Hauptstadt Israels » wird nur vorsichtig in Frage gestellt. Demgegenüber erscheint die Position der Mehrheit der Palästi- nenser, die Souveränität in Jerusalem zu teilen, als «Anspruch auf ein arabi- sches Jerusalem».
Sylke Tempel verbindet die Darstellung der israelischen Gesellschaft mit einer Einführung in die Geschichte der jüdischen Religion und mit einem Blick auf die Entwicklung des Zionismus. Der Besuch der Festung Massada in der Judäi- schen Wüste ist für sie ein Anlass, das Klischee vom «blind rächenden» Gott des «Alten Testaments» zu widerlegen. Dessen Credo: «Die Rache ist mein», bedeute laut Tempel eben nicht «himmlische Willkür, sondern das Ende der menschlichen.» Die politische zionistische Bewegung stellt sie nicht zuletzt in Gestalt ihres Gründers Theodor Herzl vor. Kritisch stellt Tempel fest: «Eine der größten Misserfolge des Zionismus ist immer noch nicht bereinigt: Die Pioniere hatten lange, allzu lange übersehen, dass ein anderes Volk, die Araber, den gleichen Anspruch auf einen eigenen Staat erhoben.»
Der aufklärerische Ansatz ist auch hier nicht zu übersehen. Zugleich aber rücken durch die These, dass Judentum, Zionismus und der Staat Israel eng miteinander verbunden seien, die Palästinenser automatisch in den Hinter- grund. Ignoriert werden sie nicht. Auch das Thema «Nakba» kommt vor – in einer Mischung aus offizieller und kritischer israelischer Geschichtsinter- pretation. Es ist viel von der Flucht und weniger von der Vertreibung hundert- tausender Palästinenser im Jahr 1948 die Rede. Tempel betont, dass kein Gebot in der Tora so oft wiederholt werde, wie jenes, dass «Fremde» nicht unterdrückt werden dürfen. Die Autorin fügt auch hinzu, dass die Araber Palästinas nicht als Fremde zu betrachten seien. Aber sie scheut sich offen- bar, den systematischen Charakter der Besatzungsstrukturen zu benennen. Dies zu tun, hieße auch, die Verantwortung der israelischen Regierung und Armee anzusprechen. Fazit: Etwas weniger Diplomatie hätte dem Buch gut getan.
Sylke Tempel Israel. Reise durch ein altes neues Land.
Rowohlt Berlin 2008 253 Seiten, 19,90 Euro.
Avi Primor, der Verfasser des im Oktober 2008 erschienenen Buches «Mit dem Islam gegen den Terror» war von 1993 bis 1999 israelischer Botschafter in Deutschland. Er gilt als eine der wichtigsten und anerkannten Stimmen im deutschisraelischen Dialog. In Israel aufgewachsen nahm er als Soldat am Sechs-Tage-Krieg 1967 und der Invasion des Sinai teil. Nach seinem Studium der Politikwissenschaft wurde er mit nur 27 Jahren israelischer Botschafter im westafrikanischen Staat Benin. Primor ist Direktor des Zentrums für Europäische Studien an der Privatuniversität IDC im israelischen Herzlija.
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Primor schildert in seinem Buch präzis und ausführlich das Erschei- nungsbild, die Ursachen und die Folgen des Terrors, wie er sich besonders nach den Anschlägen am 11. September 2001 darstellt. Das global arbeitende Netzwerk der Al-Qaida-Bewegung nähre sich ideologisch dadurch, dass in den meisten islamischen Staaten Armut herrscht. Darauf beruhe bei vielen Muslimen das Gefühl, ausgegrenzt, ausgebeutet und gedemütigt zu sein. Wenn sie, zum Beispiel, im Fernsehen den hemmungslosen Konsum der «korrupten westlichen Welt» verfolgen, erwecke das Verachtung gegen dieselbe und werde besonders vor dem Hinter- grund ihrer religiösen Schriften zum Nährboden für Fanatismus. Diese Stimmung sei für den Multimillionär Osama bin Laden die emotionale Grundlage für seinen weltweit operierenden Terror gegen die westliche Welt und das Judentum. Bin Ladens erklärter Wunsch sei es, für diesen Zweck Massenvernichtungswaffen in seine Gewalt zu bekommen. Panoramahaft zeigt der Verfasser die Zusammenhänge auf, die Afrika und Indonesien zunehmend zu Zentren des Terrornetzwerkes werden lassen.
Der Autor sieht dennoch Chancen, mit dem Islam gegen den Terror vorzu- gehen, speziell was Israel betrifft, dann aber auch mit weltweitem Konzept: dem Terrorismus den (Nähr-) Boden zuentziehen. Vorbeugen statt heilen, so lautet die Devise seines Buches. Israel sei die ständige Bedrohung durch den Iran und durch Syriens Raketenpotential leid. Israel solle Verhandlungen mit den Vertretern der islamischen Nachbarstaaten führen, auch mit der Hamas, solle dazu bereit sein, die Golanhöhen an Syrien abzutreten, zunächst unter der Aufsicht einer internationalen Schutztruppe, solle bereit sein, Jerusalem zu teilen, in einen östlichen palästinensischen und einen israelischen Teil und solle sich zurückziehen aus überwiegend von Muslimen bewohnten Gebieten Israels. Allerdings ist sich Avi Primor dessen bewusst, dass zur Zeit weitere Landverzichte Israels kaum Aussicht auf die politische Mehrheit in der Regierung haben dürften.
Durch eine Art «Marshall-Plan» – entsprechend dem amerikanischen Hilfsplan, der nach dem Zweiten Weltkrieg zum Wiederaufbau in Deutschland führte, solle die UNO als Völkergemeinschaft allen durch Armut geprägten islamischen Staaten umfassend wirtschaftlich helfen, schlägt Primor vor. Andererseits ist der Autor nüchtern genug zu fordern, dass weltweit dem bewaffneten Terror mit international abgestimmten Maßnahmen begegnet werden müsse. Primor muss sich jedoch fragen lassen, ob er Intensität und Ausmaß der religiös verwurzelten emotionalen Energien des islamistischen Terrors realistisch einschätzt, ebenso die Zuverlässigkeit von Waffenstillstands- und Friedens- pakten mit Staaten, die durch den Islam geprägt sind.
Avi Primor. Mit dem Islam gegen den Terror.
Droste Verlag Düsseldorf 2008.
256 Seiten, 16,95 Euro.