"Judentum darf kein Scheck ohne Deckung sein"

 

Max Mordechai Bohrer ist der neue Rabbiner von Aachen

 

 

Die gut 1.500 Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Aachen haben vom 1. Februar an wieder einen Rabbiner. Nach Monaten intensiver Suche hat sich die Gemeindevertretung unter den neun Bewerbern für Max Mordechai Bohrer entschieden. Der 52-Jährige war bis Ende letzten Jahres Landesrabbiner in Bremen. Bohrer, der zusammen mit seiner Ehefrau Tamar und drei Söhnen nach Aachen gekommen ist, tritt die Nachfolge von Yaron Engelmeyer an, der seit September 2008 in Köln amtiert.

Der erste öffentliche Auftritt des neuen Rabbiners hatte etwas sehr Symbolisches: Mit den Worten «Wir gedenken unseren im Holocaust ermordeten Brüdern und Schwestern» entzündete er am 27. Januar sechs Lichter der Menora, um so an die sechs Millionen jüdischen Opfer der Schoa zu erinnern. Bohrer beschloss die Gedenkveranstaltung, zu der die Jüdische Gemeinde Aachen eingeladen hatte und an der auch die Sängerin Riwkah Or mitwirkte, mit dem «El Male Rachamim». Die Familiengeschichte des 52-Jährigen ist aufs Engste mit der Schoa verbunden; sein Großvater Markus Mordechai Bohrer, ein gebürtiger Ansbacher, war der letzte Distriktrabbiner von Gailingen am Hochrhein (Kreis Konstanz) und bekannt dafür, Juden bei ihrer Flucht aus Nazi- Deutschland in die Schweiz zu helfen. Er wurde noch vor dem Novemberpogrom in das KZ Dachau verschleppt, wo er am 30. Dezember 1938 starb. Bohrers Großmutter Jenny gelangte 1939 mit den Kindern nach Palästina.

Max Mordechai Bohrer wurde 1956 in Petach Tikwa bei Tel Aviv geboren, besuchte eine Jeschiwa und leistete einen Teil seines dreijährigen Militärdienstes als Lehrer an einer Grundschule ab. Zu den Fächern, die er damals unterrichtete, gehörte auch jüdische Religion. 1986 erwarb er schließlich ein Diplom für den Höheren Religionsunterricht und bereitete unter anderem Jungen auf ihre Bar-Mizwa vor. Seine erste Rabbinerstelle führte ihn nach Bremen. «Ich bin in mein Vaterland zurückgekehrt – in jeder Beziehung», sagte er. Seine Mutter stammt aus Dortmund, sein Vater, ein Orthopäde, aus Königsberg. Seine Eltern haben zu Hause in Israel mit ihm Deutsch gesprochen, im Gegensatz zu vielen jüdischen Eltern, «die aus Protest gegen das, was den Juden in Deutschland angetan worden ist, mit ihren Kindern kein Wort Deutsch sprachen ». Er selbst habe in der Familie nicht nur Deutsch, sondern auch «deutsche Ordnung und strenge Disziplin» gelernt. «Mein Kopf ist wie ein Computer», sagte Bohrer, der auch Mitglied der Ortho- doxen Rabbinerkonferenz Deutschlands ist, einmal über sich; Bekanntes erkenne er schnell wieder. «Es ist gut, wenn man viel lernt. Der Mensch kann ja nie wissen, wann er das Wissen mal gebrauchen kann.»

«20 Jahre lag mein Wissen in der Schublade », sagte Bohrer. Dann hörte er, dass in Bremen ein neuer Rabbiner gesucht würde. Die Anforderungen, die dort gestellt wurden, dürften auch für Aachen gelten: «Der Kandidat muss orthodox sein, aber nicht fanatisch, zum Milieu der Gemeinde passen, ein treuer, ein kultureller Mensch sein, Deutsch sprechen, keine Scheuklappen haben, offen sein und den Kontakt mit den anderen Religionen pflegen.» In Bremen verstand sich Bohrer als «Leuchtturm für alle geistigen Bedürfnisse»; vor allem für die Zuwanderer aus der früheren Sowjetunion, die nun in Deutschland Gelegenheit bekommen sollen, jüdisches Leben kennenzulernen: «Man braucht das jüdische Leben und die jüdische Eigenart, sonst ist das Ganze ein Scheck ohne Deckung.» So wie in Bremen wird Rabbiner Bohrer auch in Aachen versuchen, durch sein Verhalten den Gemeindemitgliedern den Weg zum Judentum zu zeigen und gerade die Zuwanderer mit jüdischen Sitten und Eigenarten vertraut zu machen.

Gideon Wollberg

«Jüdische Zeitung», Februar 2009