«Wir konnten ein neues Leben beginnen»

 

In Berlin erinnert ein umstrittenes Denkmal an die Kindertransporte

 

 

«Züge in das Leben – Züge in den Tod» nennt der israelische Künstler Frank Meisler seine Figurengruppe, die seit dem 30. November am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin-Mitte steht. Die sieben nahezu lebensgroßen Bronzefiguren auf niedrigem Podest erinnern an die Kindertransporte, mit denen rund 10.000 jüdische Kinder Nazi-Deutschland Richtung Großbritannien verlassen konnten, darunter auch Meisler selbst. Ein ähnliches Denkmal, ebenfalls von ihm geschaffen, steht seit Jahren am Londoner Bahnhof Liverpool Street. Bei der Einweihung des Denkmals sprach unter anderem Levi Salomon, Beauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin für die Bekämpfung des Antisemitismus. Neben dem Bildhauer Frank Meisler waren über 50 weitere Zeitzeugen anwesend, darunter auch Heinz Kallmann aus Berlin, der als Kind ebenfalls nach England gelangte. «Wir konnten ein neues Leben beginnen.» Die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, Petra Pau (Die Linke) empfing die «Kinder» im Kunstraum des Deutschen Bundestages.

Kitsch oder berührendes Ereignis? Das viel diskutierte Denkmal von Frank Meisler

am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin. Foto: Arkady Shafirov

 

 

 


 

 























Frank Meisler stammt aus Danzig. Ende August 1939 trat der damals Neun- jährige mit 14 anderen jüdischen Kindern die Flucht nach Großbritannien an; seine Eltern wurden drei Tage nach seiner Abreise verhaftet und später in Auschwitz ermordet. Mit Zwischenhalt am Bahnhof Friedrichstraße, wo er von seine Tante Adele als Reiseproviant ein paar Bananen bekam, ging es über Hoek van Holland zum Bahnhof Liverpool Street Station in London. Meisel wanderte 1960 nach Israel ein. Einige Leser kennen vielleicht sein Atelier in Jaffa. Was für die einen nichts als teurer Kitsch ist, erscheint anderen als kunstvoller Inbegriff von Jüdischkeit: tanzende Chassiden, Heiratsvermittler und Musikanten oder König David en miniature. Angesichts der Berliner Figurengruppe Georgen-Ecke Friedrichstraße überwiegt die Kritik: ««hart, kleinlich und rührselig», lautet ein Kommentar. «Die in der Skulptur dargestellte Kindergruppe sei ein Motiv einer unbefangenen Klassenfahrt », hieß es in einer Stellungnahme des «Büros für Kunst im öffentlichen Raum», das bei Wettbewerbsausschreibungen und dergleichen der Senatskulturverwaltung zuarbeitet.

Immerhin hat Meisler auf derartige Kritik hin seine Skulptur, die eine Verbin- dung zwischen Geretteten und Deportierten schafft, überarbeitet. Jetzt korrespondiert der Farbton von fünf Figuren mit dem Grau der Betonstelen des Denkmals für die ermordeten Juden Europas, während zwei bronzefarbene Figuren die geretteten Kinder symbolisieren. Dass eine erwachsene Person in der Figurengruppe mit einem Judenstern versehen ist, hat ebenfalls Anstoß erregt: Zur Zeit der Kindertransporte waren die Juden im Deutschen Reich noch nicht zum Tragen dieses gelben Sterns gezwungen. Der Direktor des Centrum Judaicum, Hermann Simon, bat Bezirksbürgermeister Christian Hanke, die Einwände ernst zu nehmen: «Diese Kritik ist vollkommen berechtigt und darf unter keinen Umständen überhört werden.» Der Historiker bemängelte zudem, dass die Umsetzung des Denkmal-Projekts «unter Vernachlässigung aller demokratischen Gremien» zustande gekommen sei.

In Berlin wurde in den vergangenen Monaten aber nicht nur über Kunst, den Standort und die historische Unzulänglichkeiten in der Darstellung gestritten, sondern auch über das Procedere, durch das der Bezirk zu Meislers Geschenk gelangt ist. Ein öffentliches Kontroll- und Auswahlverfahren fand nicht statt, und so bedauerte auch der Geschäftsführer der Stiftung Topographie des Terrors, Andreas Nachama, «dass das hohe Niveau der im Stadtraum aufge- stellten Skulpturen und Infotafeln hier nicht gehalten wird». Dass die Denk- malsinitiative um Lisa Schäfer einen falschen Standort durchgesetzt habe, beklagen vor allem durch die Kindertransporte Gerettete, so etwa Alfred Fleischhacker und Inge Lammel. Die beiden hatten im Namen von insgesamt sieben Geretteten, die heute in Berlin leben, an Bürgermeister Hanke einen Brief geschrieben, in dem sie ihren Unmut mitteilen. »Historische Authen- tizität« mahnten sie darin an. So bezweifeln sie, dass der Bahnhof Friedrich- straße der geeignete Platz sei. Die meisten Transporte aus Berlin seien vom Anhalter Bahnhof in Richtung holländische Grenze abgefahren. Der Anhalter Bahnhof ist auch in der Erinnerung derjenigen Kinder zum Symbol geworden, die sich von hier aus mit der Jugendalijah auf die Reise nach Palästina mach- ten. Ein bekannt gewordenes Foto von Abraham Pisarek dokumentiert eine der Abschiedsszenen dort.

Esther Golan, selbst ein «Kind», beschreibt die Abreise nach Großbritannien so: «On the last day of Pesach the call came to report at 10 o’clock in the evening at the Anhalter Bahnhof. A small transport of 15 children was leaving for Whitingehame Estate, the home of Lord Balfour in Scotland via Vlissingen/ Holland, Dover, London, on to Edinburgh». Inge Lammel und ihre Schwester hatten das Glück, im Juli 1939 auf einen der letzten Kindertransporte nach England zu kommen. Sie wurden von drei alleinstehenden Lehrerinnen in Sheffield aufgenommen und gingen dort zur Schule. Zwischen 1940 und 1943 ließ sich Inge Lammel in Bristol als Säuglingspflegerin und Kindergärtnerin ausbilden, 1947 kehrte sie nach Berlin zurück.

Lisa Schäfer nennt Gründe, die gegen den historischen Standort am Anhalter Bahnhof sprechen. Dort würde das Denkmal von kaum jemandem beachtet und sei «viel angreifbarer » für Vandalismus, so Schäfer. An der Friedrich- straße fänden die Kinder «die Beachtung und Anerkennung, die ihnen seit Jahren verwehrt bleibt». Eine gewisses Konkurrenzdenken ist auch mit im Spiel. «In London und Wien stehen Skulpturen, die an die Kinder-Transporte erinnern. Was diese Städte können, können wir schon lange », sagte Christian Hanke. Inzwischen hat man sich auf einen Kompromiss verständigt. Demnach sollen zwei zusätzliche Tafeln nähere Informationen bieten und Ungenauig- keiten richtigstellen. Über den Wortlaut wird diesen Monat entschieden. Im März 2008 wurde übrigens auch ein Denkmal am Wiener Westbahnhof einge- weiht – die von Flor Kent geschaffene Bronzeskulptur «Für das Kind»: Ein Junge sitzt auf einem Koffer. Ein weiteres Mahnmal ist dem Vernehmen nach nun in Gdansk geplant.

 

Hartmut Bomhoff

«Jüdische Zeitung», Januar 2009