Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Toleranz kommt vor dem Gesetz
Zu "Für eine Begrenzung der Toleranz"JZ 12/ 2008
Wenn man der Meinung von Neil Postman «Wir amüsieren uns zu Tode» mit dem Hinweis von Dürrenmatt, man kann doch heute keine Tragödien, nur noch Komödien schreiben, begegnen kann, - erfordert der nun veränderte Satz von H.M. Broder: «Wir tolerieren uns zu Tode» die Meinung von Voltaire. Auch wenn ich diese Aussage missbillige, ich werde bis zu meinem Tode dafür kämpfen, dass er es sagen darf! Gerade weil eine «lieb- gewonnene Gleichgültigkeit» kein Zukunftsmodell sein kann und damit die Frage des Autors Thomas Klatt so beantwortet werden muss, möchten wir die Toleranz über das Gesetz stellen, auch wenn Herr Broder sich nicht gern tolerieren lässt – und damit das «tolerare» des Bruders Paulus Terwitte, Dieburg, ausschlägt – und doch weiß, besonders da er die Entchristianisierung bedauert, dass gerade in der Bergpredigt die liebende Toleranz gelehrt wird, sodass selbst die Feinde, die uns fluchen, gesegnet werden sollen!
Und so ist eben nicht alles «egal», wer was an den verschiedenen Tagen betet. Da sollte lieber der Freude Ausdruck gegeben werden, dass da überhaupt gebetet wird – und so der tolerante Glaube nicht ins Private abgleitet, denn nichts lieben Diktatoren mehr als Gleichgültigkeit in diesen Dingen. Wenn dann noch die Dummheit, die Unwissenheit der eigenen Religion hinzukommt, haben Fundamentalisten leichtes Spiel. Dabei gibt es in jeder Religion Texte, die für das Miteinander plädieren – der informierte Leser kann sich für diese Texte entscheiden.
Wenn vor Jahren die muslimische Mutter den Mördern ihren Kindern verzeiht, so damals in Solingen, dann hat sie mehr für den Glauben getan, denn mancher Prediger! Das sind Vorbilder unserer Zeit, nicht aber die, die mit Mohammed- Karikaturen ihre Mitmenschen ärgern! Oder gar die unter Polizeischutz die ab- geschlagenen Köpfe ihrer Religionsstifter begaffen, auch wenn sie sich als christliche Innenminister bezeichnen, denn solche Bilder sieht man im Fernsehen nur von Terroristen! Toleranz läuft immer mit Herzensbildung einher!
«Ich habe Rechte!», posaunt aber Herr Broder, «Toleranz ist ein vermuffter Begriff!». Doch wie steht es mit den Rechten in einer Diktatur? «Sie fielen als Söhne ihres Volkes, ihrer Väter, ihrer Rasse, als Geiseln, als Bekenner ererbten Glaubens oder als Träger ihrer Überzeugung, die über Nacht erfundene Gesetze zum Makel stempelten» - so Ernst Jünger in «Der Friede» von 1941! Und in der Demokratie? 1948 meinte George Kennan, Vordenker im US- Außenministerium: «Wir sollten aufhören, von so wagen und un- realistischen Zielen wie Menschenrechten… zu reden. Der Tag ist nicht mehr fern, an dem unser Handeln von nüchternem Machtdenken geleitet sein muss!» Und bald wird das Gefängnis von Abu Ghoreib ein Symbol dafür sein.
Wenn ich bei Szczypiorski lese: «Wer den Tag nicht begrüßt, muss nicht Abschied von ihm nehmen… wer nicht liebt, ist frei von Verzweiflung», muss ich dem hinzufügen: Wer Toleranz als «vermufften Begriff» bezeichnet, vergötzt das Gesetz, merkt nicht, dass das Auge um Auge die ganze Welt erblinden lässt! Freuen wir uns also mit dem Dalai Lama und mit der iranischen Juristin Shirin Ebadi, die Preise für Toleranz erhalten. In seiner Dankesrede für den Heine-Preis – für den Einsatz für Völkerverständigung, Menschen- rechte und Toleranz – betonte der israelische Autor Amos Oz, dass weltlich ein- gestellte Juden – von Heine über Kafka bis Einstein – dazu beigetragen hätten, dass Europa Toleranz, Selbstkritik und «Relativismus» gelernt habe! Ist es zuviel verlangt, wenn ich als Evangelischer dieses so wichtige jüdische Erbe nicht zerredet haben möchte?
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