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Der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus stellt uns vor wesentliche Fragen: Wie kann man an die Opfer erinnern, wie über die Täter informieren und durch kritische
Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus emotionales Engagement entwickeln, wie daraus das Verständnis für Demokratie fördern, wenn demnächst auch die letzten Zeitzeugen verstorben sind? Bei der Gedenkstunde des Bundestages zum 27. Januar ist uns dies letztes Jahr in trauriger Weise bewusst geworden, als die als Gastrednerin eingeladene hoch betagte Schriftstellerin Lenka Reinerová schon nicht mehr nach Berlin kommen konnte. Im Sommer ist sie in Prag gestorben. Die Fragen aber bleiben: Wie kann man die Schoa im Schulunterricht vermitteln? Wie das Unfassbare des mil- lionenfachen Judenmordes durch Deutsche fassbarer machen? Wie erreicht man heutzutage Schüler der vierten Nachkriegsgeneration, die keine persönliche Beziehung zu den Tätern, Opfern, Mitläufern und Zeitgenossen mehr haben und unter denen Migranten- kinder ganz unterschiedlicher Herkunft sind?
Es gilt also, neue Wege der Vermittlung zu finden, auch für neue Zielgruppen. Wir müssen uns dabei nicht nur an die Mehrheits- gesellschaft richten, sondern ebenso an unsere jüdische Gemeinschaft, die genau genommen über kein kollektives Gedächtnis verfügt. Infolge der russischsprachigen Zuwanderung wird der Nationalsozialismus inzwischen auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft ganz unterschiedlich rezipiert. Viele Lehrer haben heute Sorge, ihre Schüler nicht richtig zu erreichen und womöglich moralisierend zu wirken. Dabei ist das Interesse für den Holocaust und andere NS-Verbrechen bei Schülern nach wie vor groß, und manche Kinder mit Migrations- hintergrund zeigten sogar besonderes Interesse und Einfühlungsvermögen, weil sie und ihre Familien selber Intoleranz, Rassismus, Völker- mord und Vertreibung erlebt haben. Das Thema NS-Zwangsarbeit etwa trifft auf Be- klommenheit und Resonanz, ebenso die Geschichte der Patientenmorde im Zuge der Aktion T4. Das Gefühl von Ausgeliefertsein und auch die Bedrohung durch Rechtsradikale bieten uns leider viele Bezugspunkte.
Wir besitzen zwar unzählige Detailstudien über die NS-Zeit, aber uns fehlen noch immer die Gesamtdarstellungen und eine wirksame Holocaust-Erziehung. Wie können wir das Unfassbare fassbarer machen? Unser «Lander- Institut für die Vermittlung des Holocaust und für Toleranz» am Berliner Touro-College ist eine Einrichtung, die sich darüber Gedanken macht, wie man auch ohne Zeitzeugen mit der Geschichte umgeht. Der neue Magisterstudiengang richtet sich vor allem an Hoch- schulabsolventen und Multiplikatoren. Ziel unseres europaweit einzigartigen Aufbau- studiums ist die Vermittlung von geschichtswissenschaftlichen Kenntnissen und Vermittlungskompetenzen mit dem Schwerpunkt Holocaust. Dazu gehören Schlüssel- kenntnisse für Ausstellungen und Publikationen oder für die mediale Umsetzung in Film, Video oder Audio. Unsere Studierenden lernen, wie man ein Thema aus verschiedenen Perspektiven entwickelt und es sich aus politischer, geschichtlicher oder auch pädagogischer Sicht erarbeiten kann. Unsere Absolventen können in neuen Berufsfeldern wie Medienprojekten zur Holocaust- vermittlung zum Einsatz kommen, aber auch in traditionellen Bereichen wie in Gedenkstätten, Museen, Archiven und Bildungseinrichtungen.
Gerade mit Blick auf offizielle Gedenktage wird deutlich: Wir brauchen eine alternative, zeitgemäße Form des Erinnerns, mit der wir der oft als verordnet empfundenen Trauer- und Erinnerungsarbeit entgegentreten können. Die Idee für unser Institut stammt vom Namensgeber Bernard Lander. Als das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin der Öffentlichkeit übergeben wurde, sprach sein Architekt Peter Eisenman von der beabsichtigten «Bedeutungslosigkeit» der Betonstelen. Dieser Satz hat Lander aufgebracht. Nicht nur für ihn bleibt die Frage nach der Botschaft der Schoa wichtig. Unsere Antwort ist, dass eine Gesellschaft in der Lage sein muss, Anderen und Hinzugekommenen Solidarität und Toleranz zu zeigen. Sonst muss diese Gesellschaft untergehen. Er ist Geschäftsführer der "Topographie des Terrors" in Berlin und Dekan des "Lander- Instituts für die Vermittlung des Holocausts und für Toleranz". |