In der Mitte der deutschen Gesellschaft angekommen

 

Die Lübeckerin Soja Kanuschin ist eine der ersten russischen Juden in der deutschen Kommunalpolitik. Ein Kurzporträt.

Soja Kanuschin, Verwaltungsleiterin der Lübecker Jüdischen Gemeinde, wird am 29. Januar in der Lübecker Bürgerschaft Abgeordnete für die CDU. Sie ist damit eine der ganz wenigen jüdischen Zuwanderer aus Russland in einer deutschen Kommunalvertretung. Kanuschin ist bereits seit 2005 im Vorstand des CDU-Ortsverbandes und stellvertretende Vorsitzende in der «Frauenunion ». «Das sollte ja eigentlich nichts Besonderes sein, ist es aber in der Tat noch immer », so Oliver Fraederich, kulturpolitischer Sprecher der CDU- Bürgerschaftsfraktion in der Hansestadt. «Wir hoffen auch, dass die Jüdische Gemeinde durch ihr Engagement näher an die Lübecker Gesellschaft heran- rückt », deutet Fraederich auf eines der kommunalen Probleme und zu- künftigen Arbeitsfelder für Kanuschin hin. Die 65-Jährige, die in Deutschland über ein Jahrzehnt lang als Sozialarbeiterin und -beraterin gearbeitet hat, will dabei unter anderem für die Belange der sozial schwachen jüdischen Zuwanderer und in der Kulturpolitik tätig werden.

 

Das Normalste von der Welt

Aber ist das nicht ein Widerspruch – eine russische Jüdin in einer christlich- demokratischen Partei? Nein, meint Kanuschin im Interview mit der «Jüdischen Zeitung». Im CDU-internen Wahlkampf um den Platz in der Lübecker Bürgerschaft habe sie allseits Unterstützung gefunden, sagt sie. Und wie reagieren die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde auf Kanuschins politisches Engagement bei den Christdemokraten? «Das ist das Normalste von der Welt»

Soja Kanuschin im Vestibül des Rathauses von Lübeck. Die russische Jüdin macht jetzt Kommunalpolitik. Foto: M. Bilz-Leonhardt

erklärt etwa Eduard Stelmach, «meine Tochter, die in Estland lebt, gehört ebenfalls einer an christlichen Werten orientierten Partei an». Andere aus der 780-Seelen-Gemeinde aber kritisierten in der Vergangenheit, dass Kanuschin sich einer Partei anschloss, die das Wort «christlich» in ihrem Namen führt. Kanuschin sagt, ihr gegenüber sei eine solche Kritik nie geäußert worden. Soja Kanuschin ist ein Beispiel für gelungene Integration russischer Juden in die deutsche Gesellschaft. Sie ist in ihrer Mitte angekommen. Das liegt vor allem an ihren sehr guten Deutschkenntnissen, die sich die gelernte Englisch- und Italienisch-Dolmetscherin im Selbststudium beigebracht hat, und der Berufs- erfahrung in Deutschland. Kurz nachdem die Familie 1990, im Rahmen der damals geschaffenen DDR-Zuwanderungsbestimmung für sowjetische Juden, nach Rostock kam, fand sie eine Anstellung als Sozialberaterin und wurde mit der Betreuung ihrer zugewanderten Landsleute betraut. Zu der Zeit lebten die Kanuschins mit anderen russisch-jüdischen Familien in einem Wohnheim im 2000-Seelen-Dorf Gelbensande, 15 Kilometer östlich von Rostock. Ganz in der Nähe, in Lichtenhagen, verübten 1992 rechtsextreme Jugendliche den perfiden Anschlag auf ein Wohnheim. Auch dieser Ausbruch von Fremdenhass vermochte Kanuschins Überzeugung nicht erschüttern, in ein Land gekommen zu sein, in dem es sich zu leben lohnt. Antisemitismus gebe es nicht nur in Deutschland, sagt sie, er sei auch in Russland allgegenwärtig. Nach Lübeck kam Kanuschin mit Mann und Sohn im Jahr 1993. Kurz zuvor war sie von der Hamburger Jüdischen Gemeinde als Sozialberaterin mit Dienstsitz Lübeck eingestellt worden. Dort erwartete sie ein Berg von Arbeit. Sie betreute zeitweise sogar alle nach Schleswig-Holstein eingewanderten jüdischen Kontingentflüchtlinge. Dafür machte sie mit 50 Jahren den Führerschein und fuhr fortan durch das ganze Bundesland, um sich der Sorgen und Nöte ihrer Schützlinge anzunehmen.

 

Zum ersten Mal in einer Synagoge

Soja Kanuschin erlebte auch die «Wiedergeburt » der Lübecker Jüdischen Gemeinde im Jahre 2005. Von dieser wurde sie in der Position der Verwaltungsleiterin übernommen und ist dort heute eine von zwei festangestellten Mitarbeiterinnen. Religiös ist die Dolmetscherin für Englisch und Italienisch jedoch nicht. In Lübeck hat sie zum ersten Mal in ihrem Leben eine Synagoge betreten. Wenn Menschen aus der Gemeinde bei ihr Rat in religiösen Fragen suchten, was in den ersten Jahren, in denen Lübeck keinen ständigen Rabbiner hatte, häufig vorkam, konnte sie nicht helfen. Erst durch den Hamburger Rabbiner Barsilaj, dem Kanuschin als Dolmetscherin in Lübeck assistierte, habe sie Kenntnisse über die jüdische Religion erworben. In die CDU trat Kanuschin im Jahr 2003 ein. «Nach den Erfahrungen mit dem Sozialismus und Kommunismus in der Sowjetunion habe ich mit linken Parteien abgeschlossen », begründet sie ihre Entscheidung. In ihrer alten Heimat Moskau, wo sie mehr als zwanzig Jahre bei der vormals staatlichen Reiseagentur für Auslandsfremdenverkehr «Intourist» arbeitete, wurde von den Mitarbeitern, wegen des ständigen Kontakts mit Ausländern, eine besonders überzeugte ideologische Gesinnung gefordert. Warum sich die anderen Mitglieder ihrer jüdischen Gemeinde von der Kommunalpolitik fernhalten? Viele zögen es vor, unauffällig zu leben, meint Kanuschin. Auch die Sprachbarriere dürfte in einer Gemeinde, die vor allem aus älteren Menschen besteht, die sich scheuen, Deutsch zu sprechen, eine Rolle spielen. Generell mangele es auf beiden Seiten am Willen zum Dialog, bei den Zuwanderern wie bei den alteingesessenen Lübeckern. Soja Kanuschin ist eine Ausnahmeerscheinung, nicht nur in ihrer Gemeinde. Und jetzt rückt sie in die Lübecker Bürgerschaft nach. «Als Bürgerin dieser wunderschönen Stadt fühle ich mich aufgerufen, für das Wohl aller Lübecker zu arbeiten», erklärt sie, ganz Politikerin. Sie will sich also nicht nur für die Belange der jüdischen Zuwanderer einsetzen. Allerdings gibt es da noch die dringend benötigte Finanzhilfe für die Sanierung der Lübecker Synagoge. Die liegt ihr doch mittlerweile sehr am Herzen.

 

 

Marlies Bilz- Leonhardt

«Jüdische Zeitung», Januar 2009