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Religiöse Homosexuelle in Israel kämpfen um gesellschaftliche Anerkennung
Du sollst nicht beim Knaben lieben wie beim Weibe, denn es ist ein Gräuel.» – So heißt es im Dritten Buch Mose über Sex zwischen Männern, auf den zu biblischen Zeiten nach jüdischem Gesetz die Todesstrafe stand. Dieser Hintergrund macht religiösen homosexuellen Juden auch heute das Leben schwer.
Der 37-jährige David aus einem Vorort von Tel Aviv ist ein Charedi, wie ultraorthodoxe Juden in Israel heißen. Er sitzt traditionell gekleidet, in schwarzer Hose, weißem Hemd, mit Kippa auf dem Hinterkopf und langem Bart, in einem Tel Aviver Szeneklub. Dort mag er besonders die Themenabende: Einmal in der Woche gibt es improvisierte Shows schwuler Künstler oder es treten Drag Queens auf. David ist nicht alleine. Das Thema Homosexualität unter religiösen Juden rückt zusehends ins Licht der israelischen Öffentlichkeit. Immer mehr religiöse und sogar ultraorthodoxe Juden – der Unterschied liegt in der strikten Befolgung religiöser Gebote – bekennen sich. Sie geben offen zu, dass sie homosexuell sind und streben nach gesellschaftlicher Anerkennung.
Bereits vor fünf Jahren gründeten religiöse Lesbierinnen zur Aufklärung und Selbsthilfe die Organisation «Bat Kol», «Stimme der Frau», die mittlerweile mehr als 150 Mitglieder zählt. Die Männer zogen nach: Vor einem Jahr gründeten Homosexuelle die Organisation «Chevrutah», «Freundeskreis», zu deren Treffen regelmäßig bis zu 60 Männer kommen. Zum ersten Mal hielten «Bat Kol» und «Chevrutah » Anfang Dezember ein gemeinsames Treffen ab.
Zwischen Gebot und MenschseinZusätzlich startete vor elf Monaten die Beratungswebsite «hod» für religiöse Homosexuelle, die bislang 75.000 Besucher verzeichnete und 1.200 E-mails erhielt. Dazu gehört eine Telefonhotline mit Fragen und Antworten rund um Homosexualität und das jüdische Gesetz. Der anonyme Rabbiner «R» beantwortet hier die drängenden Fragen der Anrufer, von denen sich bislang mehrere tausend meldeten. «Unsere Initiative setzt etwas in Gang. Sie hat einen starken Einfluss auf die religiös-zionistische Bewegung, aus deren Reihen die meisten Anfragen kommen, aber auch auf die ultra-orthodoxe Charedi-Bewegung.»
In Tel Aviv wird zurzeit der Kinofilm «Eyes Wide Open», «Die Augen weit aufgerissen », über eine homosexuelle Liebesgeschichte zwischen zwei ultra-orthodoxen Männern gedreht, der in der religiösen Gemeinschaft bereits Aufsehen erregt. Der Regisseur der deutsch-französisch-israelischen Koproduktion, Chaim Tabakman, sagt: «Das ist eine schwierige Situation, für die es keine wirkliche Lösung gibt. Innerhalb der orthodoxen Gesellschaft wird Homosexualität schlichtweg verneint.»
Doch es ist nicht nur ein Kampf um öffentliche Anerkennung. Vor allem geht es um Akzeptanz im engeren Kreis der religiösen Gemeinde und Familie, die viele homosexuelle Religiöse vermissen. David bittet den Journalisten, bei den Treffen, seinen richtigen Namen, das Alter und die Herkunft nicht zu nennen. Falsche Fährten zu legen, falls doch jemand aus einer ultraorthodoxen Gemeinde, oder der Hightech- Firma, in der er arbeitet, den Bericht auf Deutsch lesen sollte. Zu groß ist die Angst vor Entdeckung, Entblößung und dem Verstoßenwerden aus der Gemeinde.
David ist in der ultra-orthodoxen Welt verwurzelt und möchte sie nicht verlassen. Gleichzeitig hat er seit fünf Jahren einen festen Freund, der säkular ist. «Ich muss mich für eine Seite entscheiden, diese oder jene. Ich weiß nur noch nicht, für welche und wann.» David zögert, reibt sich den Bart. «Vielleicht werde ich auch so weitermachen wie bisher – und mit zwei Gesichtern leben.»
Das gespaltene Leben hat viele Ausdrucksformen. Zum Beispiel, beim Schabbat- Abendessen mit seiner strenggläubigen Familie, wenn alle ihn fragen, warum er noch nicht verheiratet ist. Oder beim Geschlechtsverkehr mit seinem geheimen Partner, wenn er gleichzeitig versucht, die Gebote der Tora zu befolgen und Vergnügen zu haben. Das bedeutet: kein Eindringen in den Partner und keinen Samenerguss. Es sei wie ein Jonglieren zwischen göttlichen Geboten und menschlicher Lust, sagt David.
Lösung per Rechtsnationalismus?Rabbiner Juval Cherlow aus dem nationalreligiösen Lager bemüht sich um einen realistischen Umgang mit dem heiklen Thema. «Gemäß dem jüdischen Religionsgesetz ist Homosexualität strengstens verboten», sagt der Rabbiner. «Doch es gibt sie und wir müssen uns mit dieser Tatsache auseinander setzen.»
Es ist kein Zufall, dass Rabbiner Cherlow eine Autorität ist für rechtsreligiöse Fragen, die die Homosexualität betreffen. Cherlow hat in seiner Position bereits über 1.000 E-mails beantwortet und 80 homosexuelle Religiöse anonym getroffen. Er steht in gutem Kontakt mit der Schwulen-Vereinigung «Chevrutah». Den Lesbierinnen steht er jedoch abgeneigt gegenüber, da sie seiner Meinung nach versuchen, das Thema zu ideologisieren und somit die religiöse Gesellschaft nachhaltig zu beeinflussen. Mit den männlichen Homosexuellen liegt er oftmals auf der gleichen politischen Wellenlänge.
Die Mehrheit der religiösen homosexuellen Juden in Israel ist nationalistisch orientiert. Dies betrifft auch David. «Ich bin nicht bereit, einen Zentimeter der (besetzten palästinensischen – d. Red.) Gebiete zurückzugeben. Sollen die Palästinenser doch auswandern. Es gibt 22 arabische Staaten», sagt er.
Shai, ein säkularer Homosexueller aus Tel Aviv, sieht einen klaren Zusammenhang zwischen Nationalismus und spiritueller Unsicherheit: «Viele religiöse Schwule sind rechtsnationalistisch, weil sie glauben, dass sie so den Gewissenskonflikt zwischen religiösen Geboten und Homosexualität lösen können. Es hilft ihnen auch, ihre mangelnde Integration in die religiöse Gesellschaft auszugleichen
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