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Israelische Sozialdienste leiden unter ausbleibenden Spendengeldern in Zeiten der Weltfinanzkrise
«1,6 Millionen Menschen in Israel leben unterhalb der Armutsgrenze.» Die aufrüttelnde Zahl wird dem Besucher beim Öffnen der englischsprachigen Website der Hilfs-
organisation «Meir Panim» verkündet. Gottes «Gesicht erhellen», so die deutsche Entsprechung von «Meir Panim», sollte die Gründung des jüdischen Staates im Jahr 1948. Doch nirgendwo in der westlich geprägten Welt – außer den USA – sind große Teile der Bevölkerung, fast ein Fünftel aller Menschen, so wirtschaftlich ausgegrenzt wie in Israel, klafft die Schere zwischen Arm und Reich so weit auseinander. Weil die Sozial- hilfeleistungen vom Staat nicht ausreichen, kommen viele Familien und Allein- erziehende ohne die Unterstützung vonseiten unabhängiger Hilfsprojekte nicht über die Runden. Jetzt führen die globale Finanzkrise, der Anstieg der Energiepreise und das Wegbrechen von Spendenzahlungen aus dem In- und Ausland zu drastischen Engpässen bei vielen Hilfsorganisationen.
Bereits im Sommer vergangenen Jahres vermeldete die israelische Presse hunderte Entlassungen und Einsparungen bei unabhängigen Sozialdienstleistern für Gesundheit, Erziehung und Wohlfahrt. «Akim», Israels größter Behindertenbetreuer, musste Sozialarbeiter und Psychologen entlassen. «Jad Sarah», Ausrüster für medizinische Geräte, musste sein Auslieferungsprogramm für Alte und Behinderte einschränken. Der größte Lebensmittelversorger, «Meir Panim», der landesweit 15 Suppenküchen betreibt und kostenlose Schulspeisung durchführt, musste 31 der bisher 134 Angestellten freistellen, vor allem Köche. «Die Situation ist kritisch», sagte Gadi Haran, Vorsitzender des Sozialverbandes «Jedid», gegenüber der Tageszeitung «Ha’aretz». Immer mehr Menschen würden die Hilfe von Sozialanbietern in Anspruch nehmen, während deren Kapazitäten gekürzt würden.
«Meir Panim» steht exemplarisch für die derzeitigen Schwierigkeiten israelischer Sozialversorger. Um 35 Prozent sei das Spendenaufkommen aus dem In- und Ausland im Vergleich zum Vorjahr gesunken, sagt die Sprecherin von «Meir Panim», Schlomit Barkan, im Interview mit der «Jüdischen Zeitung». Nur mit eisernem Sparkurs, dem Einbringen langjähriger Erfahrung und, oft ehrenamtlicher, hingebungsvoller Arbeit der Mitarbeiter seien die kostenlosen Dienstleistungen für die Schwächsten der Gesellschaft im derzeitigen Umfang aufrechtzuerhalten, so Barkan.
Die Organisation wurde im Jahr 2000 vom orthodoxen Publizisten und Unternehmer Dudi Silberschlag auf den Namen seines früh verstorbenen Sohnes Meir gegründet. Der 50- jährige Silberschlag, Herausgeber der kritisch-orthodoxen Zeitung «B’kehila», setzt sich seit langem als Vermittler zwischen orthodoxer und säkularer jüdischer Bevölkerung in Israel ein und ist Mitarbeiter und strategischer Berater vieler sozialer Projekte. Seine Frau leitet die Geschäfte von «Meir Panim». Die Suppenküchen des Versorgers in den Zentren krisengeschüttelter Städte, von Netanja bis Kirjat Gat, sind vor allem Anlaufpunkt für Alte – darunter viele Holocaustüberlebende –, Alleinerziehende und Neueinwanderer aus ehemaligen Sowjetunion. Daneben betreibt «Meir Panim» landesweit 14 Zweite- Hand-Läden, in denen die sozial Schwächsten für einen symbolischen Unkostenbeitrag gebrauchte Möbel und Haushaltsgeräte erwerben können. Die Gegenstände selbst werden mancherorts in Behindertenwerkstätten repariert und gewartet. Die Sozialdienste können alle in Anspruch nehmen, gleich welcher Herkunft, welcher Religionsund ethnischen Zugehörigkeit.
Doch Silberschlags Konzept von «Meir Panim » sieht nicht vor, nur Almosen zu geben. Den Benachteiligten sollen Wege aus der sozialen Abhängigkeit aufgezeigt werden. In sieben «Klubs» genannten Betreuungszentren erhalten derzeit 300 Kinder aus sozial schwachen Haushalten sowohl Speisung als auch Hilfe bei den Schulaufgaben. Die Finanzierung der Klubs ist laut Barkan stark gefährdet. Auch Jugendliche und Erwachsene – vorzeitige Schulabgänger, Arbeitslose, Alleinerziehende – erhalten dort Lebenshilfe in Form von Vorbereitungs- und Trainingskursen fürs Berufsleben Außerdem bietet «Meir Panim» Basisqualifikationen für orthodoxe Juden an, damit sich diese in die moderne Arbeitswelt integrieren können. Den Menschen Fertigkeiten und Selbstbewusstsein geben, darum gehe es der Organisation, so Sprecherin Barkan.
Von der Regierung erhält «Meir Panim» keine Unterstützung. Silberschlag, so die israelische Journalistin Ruth Sinai, habe sich prinzipiell gegen diese Art der Abhängigkeit entschieden. Sinai, Expertin für soziale Belange, beobachtet das Anwachsen der wirtschaftlichen Unterschiede im Land mit Besorgnis. Silber- schlags Initiative ist für die Journalistin deshalb «die schöne Seite des Judentums» in einem Staat, der seit Beginn des neuen Jahrtausends eine restriktive Sozialpolitik betreibt und sich endgültig vom Wert der sozialen Gerechtigkeit verabschiedet hat. |