Engagiert für Frankreichs Schwache

 

Ein schwarzer Konvertit berät in Minderheitsfragen

1988 kam er zum ersten Mal nach Israel: der damals 24-jährige Kongolese Edouard Nduwa Guershon. Ausgestattet mit einem Stipendium geriet er mitten in die Erste Intifada. Heute bezeichnet er die Zeit als besonders wichtige Etappe seines Lebens, vor allem, weil der Soziologiestudent eines für sich entdeckte: Das Judentum, eine «Religion mit klaren Regeln, vor allem aber diesem feinen Geflecht von ethischer Verantwortlichkeit ». Die wird er später brauchen!

 

Für sie ist er da: Schwarzafrikanerinnen in Frankreich - Kumba und Fanta. Foto: dpa

Wo findet man seinen Lebensmittelpunkt, nach diesen Erfahrungen, solchen Umbrüchen, mit so einer Liebe? Anfang der 1990er Jahre geht Guershon mit seiner deutschen Frau, einer Hamburger Jüdin, nach Paris. Inzwischen arbeitet er als Generalsekretär des staatlich offiziell anerkannten Dachverbandes der französischen Schwarzen. Die vor drei Jahren gegründete Organisation CRAN berät die Regierung unter anderem im Kampf gegen die Diskriminierung von Minderheiten. «Unter unserem Dach arbeiten

Christen und Atheisten, Linke und Liberale, Muslime und Juden, auch Homosexuelle. Wir sind parteiunabhängig und fordern im Namen der Republik mehr Partizipationsmöglichkeiten», sagt Guershon.

 

Besorgt beobachtet er das in letzter Zeit künstlich distanzierte Verhältnis zwischen Schwarzen und Juden und versucht, mit Initiativen im und für den Alltag gegenzusteuern. Durch gezielte Ausgrenzung und Überbetonung der nationalen Herkunft versuchen militante Schwarze politisch innerhalb ihrer ethnischen Gruppen zu punkten. Ohne jegliches Geschichtsverständnis «schleicht sich dabei eine verhängnisvolle „Konkurrenz der Opfer" ein», beklagt Guershon: «Sagst du Shoa, sag ich Sklavenhandel!» Sinnlose Zahlenspiele darüber, wer in der Vergangenheit mehr Opfer zu beklagen hatte. Das führe zu mehr oder minder verstecktem Antisemitismus.

 

Ressentiments gebe es jedoch ebenso auf jüdischer Seite. Das erlebe er nicht selten, wenn er in die Synagoge gehe. Dabei sei schon in der Bibel deutlich die Antidiskriminierung gerade zwischen Schwarzen und Juden nachzulesen: «Seid Ihr Kinder Israel mir nicht gleich wie die Mohren?, spricht der Herr.» Das müsse sich unter manchen Gläubigen erst noch herumsprechen. «Aber Verhältnisse und Menschen lassen sich ändern », da ist Guershon zuversichtlich.

Walter Soltau, Paris

 

 

«Jüdische Zeitung», Januar 2009