Hinter den Grenzen

 

Eine Kosmopolitin öffnet Barrieren von New York bis Moskau

In einem langen, leeren Gang steht scheinbar verlassen ein kleiner Junge. Er wirkt ein wenig aufgeregt in seiner etwas zu großen Straßenkleidung. Aber sein Gesicht verrät das Selbstbewusstsein, den Stolz, eines heranwachsenden Juden, zugleich die typische Unbekümmertheit jedes Kindes. Auf dem Kopf trägt er die traditionelle Kippa, unter seinem Pulli hängen die weißen Zizijot heraus. Die Kinder jüdischer Schulen in Moskau sind die Motive für Anastasia Khoroshilova in ihrem jüngsten Zyklus «Der enge Kreis».

 

Aus dem Zyklus «Der enge Kreis», der jüngsten Arbeit von Anastasia Khoroshilova. Fotos: Archiv der Künstleri

Die russische Fotokünstlerin widmet sich mit ihren neuesten Arbeiten verschiedenen Religionen in ihrem Heimatland jenseits der russisch-orthodoxen Kirche. Die Bilder der jüdischen Schulkinder bilden den ersten Teil der Studie. Folgen sollen weitere Bilderserien, unter anderem von buddhistischen Gemeinden in Russland. Khoroshilova betrachtet die kleinen Gemeinschaften an den jüdischen Schulen als «Narrow Circle », als enge Kreise. Ihre Schwarzweiß- Porträts zeigen eine abgeschiedene jüdische Welt, die inmitten des russischen Vielvölkermolochs Moskau existiert. Aber es geht nicht um Ausgrenzung oder um leidvolle Erfahrungen der jüdischen Gemeinden in Russland und Europa. Ihre Bilder handeln von Identität, Zusammenhalt und Verlässlichkeit. Khoroshilova versteht ihre eigene Rolle als Brücke. Sie will Barrieren aufreißen und Menschen zueinander führen: «Es geht um die Verständigung in unserer Gesellschaft. Die Vielen sollen die Wenigen verstehen lernen.»

 

Für Khoroshilova sind solche scheinbar abgeschirmten Subkulturen unentbehrliche Elemente jeder Gesellschaft: «Aber dafür ist es notwendig, dass die Menschen nicht in ihren Lebensräumen isoliert werden. Der Sinn meines Projekts zu jüdischen Schülern in Moskau ist die Annäherung der Betrachter meiner Porträts an den Mikrokosmos.» So zeigen die Bilder, die vor genau einem Jahr erstmals in der Sala Santa Rita inmitten des jüdischen Viertels in Rom ausgestellt wurden, eine jüdische Jugend in Russland, in der jeder Einzelne Halt und einen wesentlichen Teil seiner Identität findet.

 

Khoroshilova legt großen Wert darauf, dass sich ihre «Modelle» in den Bildern selbst darstellen. Dafür nimmt sie sich viel Zeit. Die Menschen, die sie fotografiert, sollen ihr vertrauen können: «Ich will kein künstliches Lächeln auf den Gesichtern. Das ist eine Verstellung. Ich will die Menschen so haben, wie sie sind.» In stundenlangen Gesprächen sucht sie den Zugang zu ihren Motiven: «Wenn es überhaupt nicht klappt, komme ich ein zweites Mal wieder.» Die Porträtierten sind gleichberechtigt mit der Fotografin. Die Bilder sollen ihnen als Medium helfen, ihre eigene Welt nach außen zu tragen, ob nun die kindlichjüdische, wie im neuesten Projekt, oder jede andere eigene gegenüber der äußeren.

 

Obwohl Khoroshilova die Mittel der dokumentarischen Fotografie einsetzt, will sie nicht mit Fotojournalisten verglichen werden: «Journalistische Bilder lassen keinen Raum mehr für Interpretationen», so ihre durchaus anfechtbare Haltung. Für die junge Russin ist ihre Fotografie Konzeptkunst, ohne jedoch Entdeckungen vorwegzunehmen oder einzuschränken. Während ihrer Erkundung eines neuen Raums bewahrt sie sich eine Aufgeschlossenheit für neue Motive: «Im Zentrum meiner Motivsuche stehen Menschen. Aber wenn ich sehe, dass die Kirche, die Synagoge, die Kaserne oder der Laden am Ende der Strasse eine ganz zentrale Rolle im Leben dieses Menschen spielt, dann gehört eben genau dieses Gebäude in genau diese Bilderserie.»

 

Kreiserfahrungen

Kleine, abgegrenzte Gemeinschaften, so wie die einer jüdischen Schule in einer zehneinhalb Millionen Einwohner zählenden Stadt, sind der Rote Faden in den Arbeiten der Khoroshilova. Dieser Leitfaden wurzelt in ihren eigenen Jugenderfahrungen. Nach dem Ende des Sozialismus in ihrem Heimatland wollten Anastasias Eltern ihrer Tochter auf einem deutschen Internat eine gute Ausbildung ermöglichen. Im niedersächsischen Holzminden erlebte sie eine Welt, die sie wie eine Insel empfand. Nach einer schweren Anfangszeit erkannte sie dann die Vorteile des «Insellebens», die Geborgenheit und Wärme der verschworenen Gemeinschaft: «Zuerst war es hart, ich konnte ja auch kein Deutsch. Doch bis heute habe ich einen Großteil meiner Freunde noch aus dieser Zeit am Internat. » Ihre ganz persönlichen Erfahrungen verarbeitete sie in ihren «Islanders»-Bildern, die zwischen 2002 und 2005 entstanden. Die Aufnahmen zeigen Mädchen und Jungen in russischen Sportinternaten und die Bewohnerinnen eines Frauenhauses. Im Gegensatz zum «Narrow Circle» tritt hier vor allem die Verletzlichkeit der Menschen in den Vordergrund. Dennoch spürt der Betrachter ebenso wie bei den Bildern der Kinder an den jüdischen Schulen in Moskau den sensiblen Umgang der Fotografin mit den Protagonisten ihrer Fotos.

 

Ihr in Wien ansässiger Galerist Ernst Hilger war von Beginn an von Khoroshilovas Einfühlungsvermögen eingenommen: «Anastasias Arbeiten wurden mir von einem russischen Künstler vor etwa sechs Jahren gezeigt, als sie gerade das letzte Jahr bei Jörg Sasse absolvierte [einem der derzeit populärsten Dokumentarfotografen Deutschlands und Professor für Fotografie an der Folkwang-Hochschule Duisburg-Essen. Anm. der Red.]. Die große Traurigkeit und Intensität ihrer Porträts von Ballett-Eleven und vereinsamten Jugendlichen hat mich sofort überzeugt, einem großen Talent begegnet zu sein.»

 

Internationaler Durchbruch

Mit ihrem Schaffen untermauert Khoroshilova die These ihres Konzepts, dass aus der Abgeschiedenheit kleiner Gemeinschaften Vorteile für die gesamte Gesellschaft entstehen können. Geprägt durch ihre Jugend im Internat leistet sie ihren Beitrag in einem Kunstdiskurs, der mittlerweile global vernetzt über die Grenzen hinweg stattfindet. In Berlin nimmt die Fotografin ihren Platz in der internationalen Kunstszene ein. Nach einigen Jahren in Köln lebt sie heute gemeinsam mit ihrem deutschen Mann in der pulsierenden Spreemetropole. Ihre Wohnung im Stadtteil Charlottenburg ist gleichzeitig Atelier und Privatgalerie. Allerdings kann die Khoroshilova immer weniger Zeit in ihrer neuen Wahlheimat verbringen. Expositionen, Workshops, Interviews. Venedig, Rom, Wien und New York. Die Flughäfen der Welt werden ihr immer vertrauter. Neben Ausstellungen in Russland und Deutschland waren ihre Fotos bereits in Galerien und Museen in Miami, Tokyo und Toronto zu sehen. Dazwischen führt sie die Arbeit aber immer wieder nach Russland.

 

Zusätzlich zu dem «Narrow Circle» beschäftigt sie sich bereits mit den nächsten Projekten und scheut auch nicht vor sensiblen Themen zurück. In einer neuen Fotoserie beobachtet sie Mitglieder des Militärs, wiederum unter dem Gesichtspunkt eines innerhalb der Gesellschaft streng abgegrenzten Kreises. Der Erfolg gibt ihr Recht. Im Rahmen einer Benefizveranstaltung zugunsten benachteiligter Frauen waren Ende Oktober Bilder der Khoroshilova neben den Beiträgen anderer renommierter Künstlerinnen wie Helen Levitt im Auktionshaus Sotheby's in New York zu ersteigern. Das Moskauer Museum Moderner Kunst zeigt einen Teil ihrer Werke noch bis zum Ende dieses Monats. Im Rheinischen Landesmuseum Bonn wird es ab November 2009 eine Ausstellung mit ihren Fotografien geben.

 

 

Marcus Meyer

«Jüdische Zeitung», Januar 2009