Auf den Spuren von Regina Jonas

 

Eine Begegnung mit US- amerikanischen Besucherinnen in Berlin

Seit einem Jahr gibt es das Programm «Germany Close Up». Junge amerikanische Juden haben dabei die Gelegenheit, Deutschland aus der Nähe kennenzulernen. Die Kosten werden von der Bundesregierung und von den Besuchern selbst getragen und vom Zentralrat der Juden mitfinanziert. Anfang Dezember war bereits die elfte Besuchergruppe in Berlin unterwegs. Diesmal nur Frauen: Sieben junge Rabbinerinnen, Rabbiner- studentinnen und Kantorinnen. Die Reise stand unter dem Motto «In the Footsteps of Regina Jonas» und erinnert an diese bemerkenswerte Frau, die als erste Rabbinerin der Welt in Berlin tätig war, bevor sie in Auschwitz ermordet wurde. Regina Jonas (1902–1944) schloss ihr Studium an der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums mit einer Arbeit ab, die einen ebenso provozierenden wie programmatischen Titel hatte: «Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?» Ihr eigenes Fazit lautete, dass dieser Tätigkeit «außer Vorurteil und Ungewohntsein fast nichts» entgegenstehe.

 

In der Synagoge Oranienburger Straße trafen die amerikanischen Gäste mit Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde zu Berlin zusammen und diskutierten über die Rolle der Frau in der jüdischen Alltagspraxis. Eigentlich heißt die Devise von Germany Close Up «Amerikanische Juden treffen das moderne Deutschland», doch dieses Mal wirkte es eher umgekehrt: Beim gemeinsamen Gebet am Schabbatmorgen konnten deutsche Juden moderne amerikanische Rabbinerinnen erleben, für die Gleichberechtigung in der Synagoge längst Alltag ist. Ganz im Gegensatz zu Deutschland: Gesa S. Ederberg, die den Gottesdienst in der Oranienburger Straße leitet, ist derzeit die einzige Frau in der Bundesrepublik, die als Gemeinderabbinerin amtiert, sieht man einmal von den regel- mäßigen Besuchen von Irit Shillor in Hameln und Elisa Klapheck in Frankfurt ab. In den USA sind die Frauen längst weiter: In der Reformbewegung, der dominierenden Strömung des amerikanischen Judentums, wurde die erste Rabbinerin schon 1973 ordiniert. Vered L. Harris, Rabbinerin der Congregation Beth Torah in Kansas City, über die heutige Situation: «In den letzten 36 Jahren, seitdem Sally Priesand als erste Rabbinerin am Hebrew Union College ordiniert wurde, ist es in der Reformbewegung immer normaler geworden, dass Frauen das Rabbineramt ausüben. Bis heute gibt es mehr Männer als Frauen im Rabbinat, aber am Hebrew Union College beginnen heute mehr Frauen als Männer ein Rabbinerstudium. »

 

Während Avitall Gerstetter in Berlin bis heute die einzige festangestellte Gemeinde- kantorin in Deutschland geblieben ist, drängen in den USA immer mehr junge Kantorinnen auf den Markt. Galit Dadoun Cohen aus Richmond Hill in New York ist Kantoratsstudentin am Hebrew Union College: «In meinem Jahrgang studieren nur Frauen. Wenn wir unseren Abschluss machen und einzelne Gemeinden uns einstellen wollen, haben sie überhaupt keine Wahl. In den USA ist es sehr populär, eine Kantorin einzustellen. Und wer keine Frau will, darf sich eben nicht ans Hebrew Union College wenden.» Dennoch gibt es auch heute genügend Männer, die eine Eignung von Frauen für das Rabbinat in Zweifel ziehen. Vered Harris, die im progressiven Los Angeles ausgebildet wurde, erlebte in Kansas City nicht nur angenehme Überraschungen: «Manchmal muss ich mir immer noch dämliche Kommentare von Männern anhören, zum Beispiel ‚Schabbat Schalom, Küsschen, Küsschen! Ich habe noch nie einen Rabbi geküsst!’ Und ich weiß wirklich nicht, was ich auf solche Sprüche antworten soll.» Seit Juli vergangenen Jahres amtiert Cookie Lea Olshein als Hauptrabbinerin der Reformgemeinde Beth Israel in Austin, Texas. Dass sie den Job bekommen hat, hält sie nicht für selbstverständlich: «Es ist immer noch eine Herausforderung als Frau, denn in den Gremien, die Rabbiner auswählen, sitzen meist ältere Menschen. Und die denken oft, ein idealer Rabbiner müsste ein Mann und keine Frau sein. Also ist es für weibliche Rabbiner immer noch schwerer, einen Job zu bekommen, als für männliche Kollegen.» Bei den jungen amerikanischen Rabbinerinnen, die sich auf ihre Karriere vorbereiten oder sie gerade erst begonnen haben, fällt eines auf: Der Feminismus der früheren Jahre ist in den Hintergrund getreten. Vered L. Harris: «Wenn jemand frauenfeindliche Bemerkungen macht, dann steige ich einfach nicht darauf ein. Denn mein Anliegen ist es nicht, Frauen- oder Genderfragen voranzubringen, sondern ein jüdisches Leben zu fördern.» Gesa S. Ederberg, die von einigen ihren männlichen Amtsbrüdern in Berlin nicht immer kollegial behandelt wird, sieht das ähnlich und tröstet sich damit, dass sie – international gesehen – nicht alleine ist: «Ich bin nicht die einsame Pionierin, und wenn ich eine Kollegin brauche, dann ist sie nur einen Email-Klick weit entfernt. Ich denke, in Deutschland wird sich das sehr viel langsamer entwickeln. Ich würde auch gar nichts in diese Richtung pushen, sondern denke, wir brauchen überhaupt erst einmal junge, gut ausgebildete deutschsprachige Rabbiner, egal welchen Geschlechts.»

 

Im Anschluss an den gemeinsamen Schabbatgottesdienst und den Kiddusch stellten die amerikanischen Besucherinnen in kurzen Präsentationen ihre Arbeit vor. Manches davon war sehr programmatisch, etwa die Vorträge «Living Pluralism. The Academy for Jewish Religion» von Heidi Hoover aus Brooklyn oder «Congregational Education: Beyond Childhood Learning » von Rabbinerin Vered L. Harris. Am Tage darauf stand schließlich ein Workshop mit Textstudium zum Leben und Werk von Regina Jonas auf dem Pro- gramm, in dessen Rahmen sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen mit den Schriften von Jonas selbst, aber auch mit der Frage nach weiblichen Pionieren in Synagoge, Kirche und Wissenschaft auseinandersetzten. Bei einem Rundgang auf den Spuren der weltweit ersten Rabbinerin stießen Gäste und Gastgeberinnen schließlich in der Krausnickstraße auch auf die Gedenktafel mit einem Zitat von Regina Jonas, das seine Gültigkeit wohl nie verliert: «Fähigkeiten und Berufungen hat Gott in unsere Brust gesenkt und nicht nach dem Geschlecht gefragt. So hat ein jeder die Pflicht, ob Mann oder Frau, nach den Gaben, die Gott ihm schenkte, zu wirken.»

Ayala Goldmann

«Jüdische Zeitung», Januar 2009