Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Neues jüdisches Leben in ehemaliger Kirche
Hannovers liberale Synagoge präsentiert sich der Öffentlichkeit«Bin in großer Eile», ist seit Monaten immer wieder von Ingrid Wettberg zu hören. Hin und wieder reicht die Zeit aber doch für kurze Erfolgsmeldungen, so etwa Mitte Dezember: «Wir waren in Helmstedt im Kloster Marienberg in der
Paramentenwerkstatt und habe unseren Toravorhang abgeholt, der dort gestickt wurde. Ein Traum!» Eine Woche später, am 21. Dezember, ist für die Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde und ihre zahlreichen Mitstreiter ein gemeinsamer Traum wahr geworden. Nach zweieinhalbjähriger Planungs- und Bauzeit wurde das neue Gemeindezentrum bei einem Tag der Offenen Tür der Öffentlichkeit vorgestellt, und die Resonanz war noch größer als erwartet: bis zum Abend drängten sich Tausende Besucher in dem einladenden Gebäudekomplex. Auf dem Programm standen Führungen, ein israelischer Basar, Musikaufführungen sowie eine festliche Chanukkafeier. Am 25. Januar werden das Gemeindezentrum und die Synagoge nun ganz offiziell eröffnet. «Für mich und meiner Familie bedeutet die kommende Einweihung der Synagoge den Beginn eines neuen, interessanten Abschnittes in unserem Leben», sagt der Historiker Yuriy Tkachov, der sich bereits im Gemeindevorstand en- gagiert. «In der Geschichte unserer Gemeinde wird das eine riesengroße Feier und der Anfang einer sehr wichtigen Etappe. Wir hoffen, dass auf die Gemeinde eine glückliche Zukunft und viele schöne Möglichkeiten warten, und möchten uns noch aktiver an der Gemeindearbeit beteiligen.»
Dem Architektenpaar Gesche Grabenhorst und Roger Ahrens wurde die Aufgabe übertragen, das 1968 fertiggestellte Gebäudeensemble der evangelischen Gustav-Adolf- Kirchengemeinde in ein modernes und hohen energetischen Anforderungen genügendes Zentrum für Jüdisches Leben in Hannover umzubauen. Das gesamte Raumprogramm umfasst die Synagoge, eine Bibliothek für jüdische Literatur, das Gemeindezentrum mit Café und Kommunikationsräumen, den Gemeindesaal mit Bühne, ein Jugendzentrum, Büroräume sowie eine jüdische Kindertagesstätte und zwei Wohnungen. «Es ist ein völlig neuer Raum geworden», sagt Wettberg. Nichts erinnere mehr an eine Kirche. «Bauen bedeutet Zukunft», resümiert Roger Ahrens. Mit dem Projekt für die Liberale Jüdische Gemeinde Hannover verbinden die Architekten die Hoffnung, dass die Gemeinde hier an diesem Ort eine neue, dauerhafte und glückliche Heimat findet. Auch der liberal aus- gerichtete Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden von Niedersachsen mit zurzeit sieben Mitgliedsgemeinden soll in dem Gemeindezentrum seinen Sitz haben. Der Synagogenname «Etz Chaim» bedeutet «Baum des Lebens». «Die Mitglieder sollen sich hier geborgen fühlen wie unter einem großen Baum», wünscht sich Ingrid Wettberg.
Das Land Niedersachsen beteiligte sich mit einer Million Euro an dem Umbau. Die Stadt und die Region Hannover gaben jeweils 500.000 Euro. Den Rest der Kosten von rund 3,2 Millionen Euro musste die Gemeinde durch Spenden und Kredite selbst aufbringen. «Über die neue Synagoge der Liberalen Jüdischen Gemeinde in Hannover-Leinhausen freuen wir uns sehr: Sie ist nämlich nicht nur das von der stetig wachsenden Gemeinde sehnlich erwartete geräumigere Zentrum. Mit ihr bekommt Hannover einen weiteren repräsentativen Ort, an dem sich Menschen jüdischen Glaubens zu Gottesdienst, Gebet und Gespräch versammeln», schreibt Oberbürgermeister Stephan Weil mit Blick auf die feierliche Er- öffnung des Gemeindezentrums. «Zwei Synagogen in Hannover sind der Beweis für die lebendige jüdische Kultur und ein weiteres sichtbares Zeichen für die Religionsvielfalt in der Stadt. Wir haben daher sehr gern zu der Errichtung des Gebäudes beigetragen. Allen Gemeindemitgliedern wünsche ich ein friedvolles und glückliches Zusammenleben in ihrem neuen Domizil.» Stetige Unterstützung erfuhr die Gemeinde auch von der evangel- ischen Landeskirche, angefangen von der Raumsuche bis hin zum gestickten Parochet für den Toraschrein.
Welche Erwartungen knüpft Gabór Lengyel, der am Abraham-Geiger-Kolleg studiert und in der Synagoge künftig als Gemeinderabbiner amtieren wird, an das neue Haus? «Ich übe schon seit acht Jahren die rabbinischen Aufgaben in unserer Gemeinde ehrenamtlich aus, bislang in einem regelrechten Büroraum. Und wenn die Räume in der Freundallee auch die Wiege der Gemeinde waren, so waren sie doch vollkommen ungeeignet. Die Messlatte für mich als Gemeinderabbiner wird künftig sehr hoch sein. Einerseits möchte ich un- unterbrochen dafür arbeiten, dass mehr Gemeindemitglieder und andere jüdische Bürger der Stadt den Weg in das wunderschöne, neue Gemeindezentrum finden. Andererseits werde ich die unzähligen Anfragen anderer Religionsgemeinschaften zu erfüllen ver- suchen. Ob die Anstrengungen für ein eigenes Gemeindezentrum Früchte getragen haben, werden wir erst nach einigen Jahren beurteilen können.Eine lebendige Gemeinde wie unsere mit einer Vielfalt von religiösen und kulturellen Aktivitäten muss in der Zukunft erreichen, dass wir an allen Schabbatot Gottesdienste beziehungsweise Torastudium einführen.» Die Liberale Jüdische Gemeinde Hannover ist 1995 mit 79 Mitgliedern als Alternative zur orthodox ausgerichteten Jüdischen Gemeinde Hannover gegründet worden. Sie wuchs vor allem durch den Zuzug von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion und zählt inzwischen über 600 Mitglieder aus 14 Ländern.
|