Jüdische Tradition und weibliche Emanzipation

 

Zum 150. Geburtstag von Bertha Pappenheim

 

 

Ende dieses Monats finden zwei größere Veranstaltungen zu Ehren von Bertha Pappenheim statt: ein Lerntag in Frankfurt und Neu- Isenburg sowie eine Konferenz in Jerusalem, veranstaltet vom Van-Leer-Institut und der Hebräischen Universität. Anlass ist ihr 150. Geburtstag am 27. Februar. Wer aber war Bertha Pappenheim, deren Lebenswerk inzwischen als weiblich-jüdisches «Projekt der Moderne » bezeichnet wird? «Bertha Pappenheim hielt zeitlebens an der jüdischen Tradition fest und aus ihren Texten spricht eine tiefe Religiosität und eigenständige Interpretation des jüdischen Glaubens», schreibt die evangelische Theologin Britta Konz in ihrer 2005 veröffentlichten Dissertation «Bertha Pappenheim (1859–1936). Ein Leben für jüdische Tradition und weibliche Emanzipation». «In religiösen Traditionen entdeckte sie Ressourcen für die Emanzipation von Frauen. Mit dem Jüdischen Frauenbund und ihrer sozialen und pädagogischen Arbeit initiierte sie eine Bewegung, in der Jüdinnen ihre eigene Version des Judentums gestalteten.»

Im Berliner Jüdischen Museum trifft man im Segment 3 der Dauerausstellung auf eine Fotomontage mit dem Porträt der Händlerin Glückel von Hameln (1646–1724), genau genommen auf Bertha Pappenheim im Kostüm der Glikl bas Juda Leib. Glikl schrieb zwischen 1691 und 1719 ihre Memoiren und hinterließ damit die älteste erhaltene Biographie einer jüdischen Frau im deutschsprachigen Raum; Bertha Pappenheim (1859-1936) wiederum, die jüdische Frauenrechtlerin, kämpfte für ein neues Frauenbild innerhalb der jüdischen Tradition und übersetzte die Erinnerungen Glikls erstmals ins Deutsche. 1925 ließ sie sich von Leopold Pilichowski im historischen Kostüm ihrer entfernten Verwandten malen.

 

Bertha Pappenheim als Glikl bas Juda Leib im

Kostüm des 17. Jahrhunderts. Fotografie eines um

1925 entstandenen Gemäldes von Leopold Pilich-

woski. Foto: JMB/A. u. M. Shalvi

Bertha Pappenheim wurde am 27. Februar 1859 als dritte Tochter von Siegmund und Recha Pappenheim in Wien geboren. Sie stammte aus einer wohlhabenden und streng orthodoxen jüdischen Familie: Ihr Großvater Wolf Pappenheim (1776-1846) hatte sich in Preßburg (heute Bratislava) niedergelassen, wo er die Jeschiwa des Chatam Sofers förderte; ihr Vater Siegmund machte in Wien als Getreidehändler ein Vermögen und war einer der Begründer des Bethauses in der Ankergasse sowie der 1864 eingerichteten orthodoxen Schiffschul. Berthas Mutter Recha, eine geborenen Goldschmidt aus Frankfurter Geldadel, war eine Nachfahrin von Glückel von Hameln. Über ihre Mutter war Pappenheim auch mit Heinrich Heine verwandt. Die Familie lebte zunächst in der Wiener Leopoldstadt und zog 1880 in die Liechtensteinstraße 2. Ein Jahr nach ihr wird der ständig bevorzugte Bruder Wilhelm geboren: «Trotzdem den alten Juden die Erfahrung der Unentbehrlichkeit der Frau nicht entgangen sein konnte, wird das weibliche Kind bei ihnen als Geschöpf zweiter Güte betrachtet», schreibt sie später. Wilhelm (1860–1937) wurde später geschäftsführender Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde von Wien.

 

Bertha Pappenheim lebte bis in ihre 20er Jahre das Leben einer höheren Tochter, wie es in der damaligen Zeit angemessen schien: Gouvernante, Mädchenschule und Frauenempore in der Synagoge, kulturelle Bildung, Klavier- und Reitunterricht, Sommerfrische und Vorbereitung auf eine arrangierte Ehe. Sie hatte trotz ihres jüdisch-orthodoxen Familienhintergrunds eine katholische Schule besucht und außerdem Fremdsprachenunterricht in Englisch, Französisch, Italienisch, Hebräisch und Jiddisch erhalten.

 

Im Sommer 1880 erkrankte ihr Vater an einer Brustfellentzündung, die im April 1881 zu seinem Tode führte. Bei der Pflege ihres kranken Vaters war sie selbst von einer Krankheit befallen worden, von der zunächst nur ihre Familie wusste. Sie entwickelte schwere körperliche und psychische Störungen wie Lähmungen, zeitweilige Blindheit, Gehörlosigkeit und Sprachverlust. Zeitweise konnte sie sich nur in den in der Schule erlernten Sprachen Englisch, Französisch oder Italienisch verständigen. Ihr Zustand wurde unter dem damaligen Sammelbegriff für psychische Krankheiten vor allem weiblicher Patientinnen als «Hysterie» diagnostiziert, als Folge eines unausgefüllten Lebens verstanden und von Josef Breuer behandelt, der mit der Familie befreundet war. Immer wieder gab es Phasen ohne Symptome, in denen sich die Patientin ihrer Situation voll bewusst schien. Sie selbst prägt die heute noch geläufigen Begriffe wie «Redekur» oder «Aberzählen», wodurch sie Erleichterung empfand.

 

Nach langer Behandlungszeit bei Dr. Breuer unter Verdacht einer zweifelhaften Arzt-Patientinnen- Beziehung stellte sich 1887 im Sanatorium Inzersdorf endgültig ihre Heilung ein. 1895 beschrieben Sigmund Freud und Josef Breuer ihren Fall in den «Studien über Hysterie ». Anna O. erlangte somit Weltberühmtheit als Beispiel-Hysterikerin und verhalf Breuer und Freud zur Begründung ihrer Thesen zur Psychoanalyse. Vollkommen geheilt war Bertha Pappenheim erst mit 29 Jahren, nachdem sie ihr eigenes Leben führen konnte und ihre Aufgabe gefunden hatte. Nach ihrer Genesung zog sie mit ihrer Mutter nach Frankfurt am Main, wo sie in der Leerbachstraße wohnte. Da Bertha Pappenheim nie darüber erzählte, wurde erst nach ihrem Tod bekannt, dass sie mit Anna O. identisch war. Ermutigt von ihrer Karlsruher Cousine, der Schriftstellerin Anna Ettlinger, begann sie 1888 «Kleine Geschichten für Kinder » zu veröffentlichen, 1890 erscheint «In der Trodelbude». Ab 1893 leistete sie in Frankfurt Wohlfahrtsarbeit und erhielt 1895 die Leitung eines Waisenhauses für jüdische Mädchen. Mit dem Schicksal der Mädchen konfrontiert, begann sie sich mit Frauenfragen auseinanderzusetzen: 1899 übersetzt sie schließlich Mary Wollstonecrafts «A Vindication of the Rights of Women». Gleichzeitig veröffentlicht sie ihr erstes Theaterstück «Frauenrecht».

 

1904 gehörte sie mit zu den Begründerinnen des Jüdischen Frauenbundes, der im November 1907 mit 19.000 gespendeten Mark ein Mädchenwohnheim in Neu-Isenburg einrichtete, das 1928 bereits 152 Bewohnerinnen zählte. Ihr Bemühen galt mehr und mehr der Berufsausbildung und der Selbstständigkeit der Frauen im Leben nach dem Heimaufenthalt und weniger der ausschließlichen Ausrichtung auf eine spätere Verheiratung. Mit ihrer liberalen Haltung trug sie sich die Kritik orthodoxer jüdischer Kreise ein, die sie bezichtigten, stillschweigend Prostitution und Unmoral zu unterstützen. Tatsächlich bemühte sie sich aber um die Wiederaufnahme der Verstoßenen in ihre Familien oder auch ganz banal um Unterhaltszahlungen für uneheliche Kinder. Pappenheim betonte die Wichtigkeit, armen Frauen eine Ausbildung zu geben, um sie vor unkontrollierbaren Abhängigkeitsverhältnissen zu bewahren. «Wenn wir den Lebenslauf dieser Frauen kennen, ihre Jugend, ihre Psyche, dann werden wir verstehen, was sie so weit brachte, Prostituierte zu werden. Dann werden wir in vielen Fällen zugeben müssen, dass von einer Freiwilligkeit im Sinne eines freien Entschlusses nicht die Rede sein kann.» 1917 regte sie die Gründung der Zentralwohlfahrtstelle der deutschen Juden an.

 

Bertha Pappenheim schrieb vieles, unter anderem Schauspiel «Drei Lebensbilder» (1913), «Harte Kämpfe» (1923) und «Allerlei Geschichten» (1929), nach dem Amsterdamer Maase-Buch von 1723. Daneben beschäftigte sie sich mit jüdischer Frauengeschichte, sie übersetzte 1910 die «Memoiren der Glückel von Hameln» und 1930 die Frauenbibel «Zeena u’Reena». «Das Volk der Bücher verschloss den Frauen den Zugang zum jüdischen geistigen Leben, zu seinen Quellen; nur stückweise und zurechtgestutzt sollten sie glauben und tun, ohne zu wissen, warum», lautete ihr Resümee. 2003 wurden Pappenheims Gebete neu aufgelegt, herausgegeben von Lara Dämmig und Elisa Klapheck. Darin findet sich auch das Gebet «Anruf» (1935), das mit diesen Zeilen endet: «Fordere, fordere, damit ich jeden Atemzug meines Lebens in meinem Gewissen fühle, es ist ein Gott.» In ihren Gebeten verbindet sich eine tiefe Religiosität mit ganz modernen Auffassungen. Sie benennen Themen wie das Frausein, Mut zu Neuem, Verantwortungsbereitschaft, Einsamkeit und Altwerden. Innerhalb von 16 Jahren hat sie 2000 Gebete und Aphorismen, ihre «Denkzettel», aufs Papier gebracht. Ihr beständiger innerer Dialog, der sich darin äußert, ist, um es mit Margarete Susman zu sagen, «nicht aus der Mitte, sondern vom Rand unserer Zeit», «Gebete einer großen Einzelseele». Als das Jüdische Museum Wien 2007 die Ausstellung «Beste aller Frauen – Weibliche Dimensionen im Judentum» zeigte, da wurde auch ein besonderes Detail in Bertha Pappenheims Leben aufmerksam gemacht: Sie entspannte sich beim Fädeln von Glasperlenketten und beim Sammeln von Spitzen, die eine besondere Bedeutung für sie hatten.

 

Bertha Pappenheim stand der Gruppe des Frankfurter Lehrhauses nahe und galt als eine kämpferische Persönlichkeit, die mit harter Festigkeit ihre Prinzipien hochhielt. Sie war leidenschaftlich antizionistisch eingestellt und Gegnerin der Emigration von Juden aus Deutschland. Dem bekannten orthodoxen Frankfurter Rabbiner Anton Nehemia Nobel rang sie bereits 1919 das Zugeständnis ab, dass Frauen fortan für Ämter in den jüdischen Gemeinden kandidieren dürfen. Zehn Jahre später, 1929, hielt Rabbiner Leo Baeck eine Lobrede auf den 25. Jahrestag der Gründung des Jüdisches Frauenbundes. Pappenheim tat sich schwer mit Baeck, als der sich auch noch nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Verweis auf die besonderen «weiblichen» Eigenschaften immer noch gegen das Wahlrecht für Frauen zu den Gemeindewahlen der jüdischen Gemeinde stellte. Martin Buber beeindruckt sie so, dass er sie an ihrem Grab als «weiblichen Mose» bezeichnete.

 

Nach einer Vorladung durch die Gestapo starb Bertha Pappenheim in Frankfurt am 28. Mai 1936 im Alter von 77 Jahren an einem Krebsleiden, zusätzlich erschöpft durch diese «Befragung». 1934 hatte sie selbst noch eine Gruppe von Isenburger Heimkindern nach Großbritannien in Sicherheit gebracht, obwohl sie bis 1935 noch davon überzeugt war, dass die Juden unbedingt in Deutschland bleiben sollten. Ihr Nachlass verbrannte im November 1938 im Isenburger Heim. Der Name Bertha Pappenheim blieb zumindest innerhalb der Tradition der jüdischen Frauenbewegung erhalten; Marion Kaplan war wohl die erste, die sich mit dieser Geschichte wissenschaftlich beschäftigte. «Bertha Pappenheim appellierte immer wieder an das Gemeinschaftsgefühl aller, soziale Verantwortung nicht allein an Fachkräfte zu delegieren, sondern als Persönlichkeitsbereicherung und gemeinschaftsfördernden Impuls zu leben», schreibt Britta Konz. «Ihr Gebetsvers „Du heiligst mich mit Deinem Du sollst“ war Ausdruck dessen, dass sie Ethik als ein Geben, aber auch als ein Berührt- und Bereichertwerden begriff, als Kraft, die von Gott kommt und die genutzt werden soll.»

 

Hartmut Bomhoff

«Jüdische Zeitung», Februar 2009