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Die jüdischen Wurzeln des Punks
Punk ist jüdisch! Steven Lee Beeber räumt nicht nur mit der landläufigen Meinung auf, die Punkmusik-Szene hätte ihre Ursprünge in England, wenn er in seinem Buch «Die Heebie-Jeebies im CBGB’s» die Anfänge der Szene im New York der späten 1960er Jahre findet. «Es ist egal, ob du katholisch bist... hier bist du jüdisch», lässt Beeber den skandalträchtigen Stand-up-Comedian Lenny Bruce, der eigentlich Leonard Alfred Schneider hieß, zu Wort kommen. Bruce beschrieb damit genau jenen Nährboden der Einwandererstadt New York, aus dem der Punk erwachsen sollte. Doch Beebers provokante These über die jüdischen Wurzeln des Punks basiert auf mehr als einer solchen recht vagen kulturellen Zuschreibung «jüdisch». «I’m a Nazi Schatze. I’m a Nazi. Yes I am. I’m a shock trooper in a stupor. Fighting for the fatherland» heißt es etwa in einem Song der «Ramones», die mit Fug und Recht als die erste Punk-Band angesehen werden. Nach ihrem Vorbild wurden «The Clash» oder die «Sex Pistols» geformt. Und sie vereinten alle Komponenten die den frühen Punk ausmachten: Rohheit, Ironie, den Look der Straße, musikalische Einfachheit, die an den Rock der 1950er Jahre erinnert – und Provokation. Und zwei wichtige Bandmitglieder waren Juden.
Tommy Ramone etwa. Er, der konzeptionelle Kopf der Band, wurde 1949 in Budapest geboren. Nach dem Einmarsch der Sowjets 1956 wanderte die Familie aufgrund des immer antisemitischer und repressiver werdenden Klimas nach Amerika aus. Der aus einem säkularen jüdischen Elternhaus stammende Tommy wurde in Brooklyn in eine chassidische Jeschiwa geschickt. In beiden Welten war er aus unterschiedlichen Gründen ausgeschlossen und geächtet. In Ungarn als einer der wenigen Juden, in der Jeschiwa New Yorks als Goi. Das prägte ihn und er begann sich selbst als ewigen Außenseiter zu betrachten. Er fühlte sich nicht nur fremd in der New Yorker Umgebung, sondern auch von seinem eigenen Volk entfremdet. Er selbst beschreibt die Band als Rettungsanker um in einem Amerika zu überleben, in dem er sich oft als Einwanderer fühlte. Tommy stellte die Ramones zusammen, fällte letzte Entscheidungen über Songtexte und schuf ihr Image durch die Uniformierung in Leder und den Bandnamen, der an eine puertoricanische Straßengang erinnert und ihnen Härte verlieh. Auch der Leadsänger Joey Ramone stammt aus einer säkularen jüdischen Familie und war in seiner Umgebung ein Außenseiter.
In seinem Buch, das im September auf Deutsch erschien, schildert Beeber diese Jewishness, das Jüdischsein, vor allem von Tommy Ramone, als einen entscheidenden Faktor für die Entwicklung und den Charakter der Band.
In ihrem Sound und ihren Texten reflektieren sie «die jüdische Geschichte von Unterdrückung und Unsicherheit, Flucht und Wanderschaft, Dazugehören und Nicht-Dazugehören, immer zerrissen zu sein, gleichzeitig drinnen und draußen, gut und schlecht», wie Beeber es beschreibt. Dieses Außenseitertum erlaubt es, die Welt und Gesellschaft aus einer anderen Perspektive zu sehen. Einer düsteren Perspektive, die dem Glauben an eine Welt des Friedens und der Liebe, wie ihn die Hippies zu dieser Zeit propagierten, nur mit Ironie begegnen konnte. Diese Generation, im Schatten des Holocausts aufgewachsen, war voller Shpilkes und Heebie- Jeebies. Heebie-Jeebies, im Glossar als ein Gefühl von Unruhe oder Nervosität erklärt, bildet eine nervöse Energie und Antriebskraft dieser Generation, die aufgewachsen ist mit einem gespaltenen Bewusstsein, das stolz auf den Machtzuwachs Israels und dessen neue Stärke war. Aber auch mit einem Gefühl von Wut und Scham über die Geschichte der Verfolgung.
«Der größte Teil meiner Familie wurde während des Holocausts ermordet. Ich hab’s gerade noch so geschafft.» schildert Tommy Ramone dieses Gefühl in einem Interview mit Beeber. Nicht nur er, viele der jüdischen Protagonisten der frühen Punkszene New Yorks teilten dieses Gefühl des Nirgendwo-Hingehörens und der Suche nach einer neuen Identität in einer Zeit nach der Shoh. Der Autor versteht die Definition des Jüdischseins nicht religiös, sondern als kulturelle Prägung. «Punk ist jüdisch, nicht judaisch.» Deshalb kann Jüdischsein auch von Beeber interviewte Musiker, Produzenten, Manager und Musikkritiker bezeichnen, die sich nicht über ihr Jüdischsein bzw. ihre jüdische Herkunft definieren, oder diese überhaupt anerkennen. So scheint auch Danny Fields, der erste Manager der Ramones, trotz der von ihm gefühlten Entfremdung von seinem Elternhaus, den Werten der Vorstädte – aus denen er kam, Fields wuchs in Richmond Hill auf – und der Entfremdung von seiner jüdischen Herkunft, stark von diesen Faktoren geprägt. «Ich verachtete alles, was mit dem zu tun hatte, von wo ich herkam, und ich musste da weg.» Im Versuch sich abzugrenzen, nahm er dennoch Bezug auf seine Wurzeln.
In der Subkultur des Punks fanden viele Elemente, die für das Jüdischsein prägend sind, ihren künstlerischen Ausdruck. Mit Ironie und derbem Humor versuchten u. a. die «Ramones» oder die Band «Dictators» der Geschichte des Holocausts, die unweigerlich mit ihrer eigenen verknüpft ist, zu begegnen. In den Texten der «Dictators» finden sich eindeutige Anspielungen auf Herrenrasse, totalitäre Herrscher und Juden. Auch bei den «Ramones» gibt es Verweise auf offensichtlich jüdische Themen und den Zweiten Weltkrieg, wie in ihrem sehr erfolgreichen Song «Blitzkrieg Bop». Nicht nur in den Texten verschiedener Punkbands taucht die Beschäftigung mit Nazideutschland auf. In dem Kapitel «Hotsy-Totsy Nazi Schatzis» widmet sich Beeber der Frage, warum viele jüdische Protagonisten der Punkszene Nazidevotionalien sammelten oder trugen. Durch die Verwendung von Nazisymbolen brachen sie mit sämtlichen Ordnungen und wehrten sich gegen die Gedächtniskultur des Holocausts. Die Nazisymbolik im Punk ist somit nicht respektlos gegenüber Juden, stattdessen gegenüber Nazis. Es ging nicht darum, die Unterdrücker zu verherrlichen, sondern, wie Debbie Harry von «Blondie» erklärt, zu zeigen, dass «die Juden gewonnen hatten».
Dennoch war den meisten nicht bekannt, dass alle Bandmitglieder der «Dictators» Juden waren. Sie sprachen nicht darüber. «Wir wollten einfach hart sein», äußerte sich der Gründer und Songwriter der Band, Andy Schernoff von – Beeber befragt – dazu. Der derbe Humor ist nach Beebers Argumentation aus dem Wunsch geboren, nicht als ausgemergeltes, geschlechtsloses Holocaust-Opfer, sondern als sexy wahrgenommen zu werden. Die «Ramones» und «Dictators» stilisierten das Image des coolen Außenseiters.
Diese Stilisierung einer Kultur, die sich in den Straßen New Yorks entwickelt hatte, fand auch auf anderen Gebieten ihren Niederschlag. Für Beeber stellt der Punk nicht nur eine Musikrichtung dar, sondern eine Lebenseinstellung, eine Subkultur, die sich aus verschiedenen Elementen zusammensetzt. In der Attitüde des Punk verbindet sich Hochkultur mit Straßenkultur, das Moment der persönlichen Freiheit, losgelöst von jeglicher Definitionsmacht mit dem Prinzip DIY, «Do it yourself». DIY findet sich auf allen Ebenen dieses Kunstsystems. Bands und deren Musik brauchten neben einem Plattenlabel auch eine erste Bühne, um Live-Erfahrungen zu sammeln. Hillel «Hilly» Kristal verschaffte ihnen diese in seinem Club «CBGB», in dem innerhalb weniger Wochen «Television», «Patti Smith Group» und «Blondie » spielten, die nirgendwo sonst eine Chance gehabt hätten. Obwohl er selbst nicht als punkzugehörig bezeichnet werden kann, brachte er mit seinem Club einen wichtigen Beitrag für den Punk. Durch das «CBGB» schuf er einen Ort, an dem sich Punk materialisierte und die Bands durch ihre Auftritte Wirkkraft entfalten konnten. In diesem Club verschmolzen Elemente des Jüdischseins mit den urbanen Elementen der New Yorker Straßen. Deshalb ist der Club so wichtig für die Entwicklung des Punks und repräsentiert im Namen des Buches neben den Akteuren den Raum des Geschehens. Ebenso wichtig wie Hillel Kristal war der Komiker Lenny Bruce, der etwa von Joey Ramone und Chris Stein verehrt wurde. Ein Gesellschaftskritiker, der bei seinen Auftritten offen auf sein Jüdischsein verwies, mit jüdischen Phrasen arbeitet und sogar den Holocaust als Material für seine Show nutzte. Jüdischsein wurde in dieser Subkultur sagbar und sogar cool.
Diese Entwicklung konnte der Punk jedoch nur in New York nehmen, auf dieser Insel von Einwanderern, wo Juden einen Großteil der Bevölkerung ausmachten.
Beeber verbindet in seinem Buch eine kulturwissenschaftliche Untersuchung darüber, wie eine Musikkultur zu einer bestimmten Zeit entstehen kann, mit einer Hommage an den Punk, wie sie nur ein Liebhaber schreiben kann. In jedem Kapitel fügt Beeber dem Bild der Punkgeschichte eine Farbe hinzu, bis er im Kapitel über die Ramones alle Faktoren versammelt findet, die Punk ausmachen. So bildet dieser Abschnitt den Drehpunkt, von welchem sich auch die Ausläufer der Punkgeschichte verstehen lassen. Alle gebündelten Elemente dieses Kapitels erscheinen in den anderen gesondert. Die Ironie und der Humor im Kapitel über Lenny Bruce, die Straßenkultur im Kapitel über «Suicide», das zwiespältige Verhältnis zur jüdischen Geschichte im Kapitel «Hotsy-Totsy Nazi Schatzis». Wer sich nicht von dem sehr wissenschaftlichen Vorwort Peter Waldmanns abschrecken lässt, wird in diesem Buch durch detaillierte, gut recherchierte Biografien von Punkprotagonisten von den Wurzeln des Punk in New York bis nach England, wo sich Punks zu einer Massenbewegung entwickelte, und nach Deutschland, wo durch John Zorns «Radical- Jewish-Cultur» die Postpunkgeschichte weitergeschrieben wurde, geführt. Auch für Nicht-Punk-Spezialisten ein lohnenswertes Buch mit interessanten Protagonisten und vor allem – jüdischem Witz. |