Zeitzeugnis

 

Keine Heimat

 

Mit «gemischten Gefühlen» blickt sie auf Berlin. Den Ausdruck wird sie im Laufe des Gesprächs noch oft benutzen. Tirza Ilan sitzt in einem Café im zweiten Hinterhof im Berliner Sophienviertel, umgeben von eigentlich viel zu lauter und eigentlich auch viel zu moderner Musik. Beides scheint sie nicht zu stören. Sie spricht leise und dennoch ist

Tirza Ilan    Foto: M. Reininghau

jedes ihrer Worte gut verständlich. Schon als kleines Kind hat sie die nur wenige Meter entfernte Oranienburger Straße gekannt. Ihr Urgroßvater Rabbiner Esriel Hildesheimer (1820– 1899) hatte die orthodoxe Austrittsgemeinde «Adass Jisroel» gegründet, die neben der Synagoge und dem berühmten Rabbinerseminar zahlreiche soziale Einrichtungen wie etwa ein Krankenhaus, eine Schule mit Kindergarten und eine Unterkunft für Flüchtlinge aus Osteuropa umfasste. Davon ist nichts geblieben, sagt die 82-jährige Tirza Ilan mit Blick auf die heute wieder existierende, jedoch sehr kleine «Adass». Dasselbe Urteil fällt sie über jüdisches Leben in Deutschland allgemein. «Was machen Juden heute in Deutschland, haben die nichts gelernt?» Zwar freut auch sie sich, dass der jüdische Friedhof in Berlin-Weißensee inzwischen einigermaßen in Ordnung gebracht wurde, dass die meisten Synagogen in passablem Zustand sind, allein: «Wozu das alles?» Jüdisches Leben hierzulande sei für sie «ein großes Fragezeichen». Ohnehin seien die Jeckes ja eine allmählich verschwindende Minderheit, inmitten der russischen Einwanderer. Bei denen kann sie wenigstens verstehen, dass sie, um ein besseres Leben führen zu können, nach Deutschland kommen.

 

Geboren wurde Tirza Ilan 1926 als Tirza Wolff in Haifa, Palästina. Ihr Vater, ein Ingenieur, stammte aus Hamburg; die Mutter, Tochter aus besagter Rabbinerfamilie Hildesheimer, war Kindergärtnerin. Als sie zwei Monate alt war, kam Tirza mit den Eltern nach Berlin. Irgendwann war der Vater dann verschwunden, die Mutter erzählte ihr, dass er verreist sei. Als er dann nach ein paar Tagen mit kahl geschorenem Kopf wiederkam, ahnte das Kind, dass etwas nicht stimmte. Dann war er wieder weg. Diesmal jedoch nicht im KZ, sondern nach Paris. Kurze Zeit später folgten ihm Frau und Kind. Da der Vater keine Arbeit fand, musste die Mutter als Putzfrau arbeiten. Nach zwei Jahren wanderte der Vater deshalb illegal nach Palästina aus. Die Mutter ging mit Tirza 1935 nach Berlin zurück. Sie wohnten bei einer Tante und waren nicht offiziell angemeldet. Durch den Einsatz eines Onkels konnten Mutter und Tochter Ende 1936 endlich zurück nach Palästina.

 

Zum ersten Mal ging Tirza nun in die Schule, ihre Mutter führte ein Kinderheim für Flüchtlingskinder, die ins Land kamen. Tirza wuchs mit diesen Kindern und Jugendlichen auf. Eines Tages sei ein neuer Junge ins Heim gekommen. «Noch einer», habe sie damals gedacht. Kurz darauf heiratete sie diesen Jungen; seine Eltern waren im KZ ermordet worden. Heute haben die beiden drei Kinder, 15 Enkel und 16 Urenkel. Alle leben in Israel. Tirza Ilan wurde Sozialarbeiterin, kümmerte sich um geistig und körperlich Behinderte sowie sozial benachteiligte Menschen. Bis heute ist sie ehrenamtlich tätig. «Wer mir die Hand reicht, dem gebe ich meine zurück», sagt sie. Nach Berlin ist sie auf Bitten der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste gekommen. «Doch was ist, wenn die Zeiten wieder schlechter werden? Sind wir Juden dann immer noch willkommen?» Tirza Ilan ist sich da nicht sicher, auch wenn sie Deutschland und Israel inzwischen als Partner sieht, die im Kampf gegen den Islamismus vereint sind. Das Thema Rechtsradikalismus ist für sie dennoch längst nicht vom Tisch.

 

Tirza Ilan möchte sich nun noch das Holocaustmahnmal anschauen. Es ist November, die Vorbereitungen für das offizielle Gedenken an die Pogrome vor 70 Jahren laufen an. Deutschland liebt das Gedenken, sagt die alte Dame auf dem Weg zum Taxi.

 

Moritz Reininghaus

«Jüdische Zeitung», Januar 2009