Kunst als Konflikttherapie

 

Der israelische Künstler Aarale Ben Arieh will in Deutschland "Gärten des Lebens" bauen

Wie kann man das kollektive Gedächtnis positiv beeinflussen? Und wie kann man mit Konflikterinnerung so umgehen, dass sie das genaue Gegenteil einer deprimierenden und drohenden Mahnung ist? Diese Fragen haben Aarale Ben Arieh, 53, Kriegsveteran und Sohn von europäischen Holocaustüberlebenden ein halbes Leben lang beschäftigt. Eine Suche, die über Jahre hinweg den

«Der Wüsten Wal: Interaktives Spiellabyrinth in Beersheva» Foto: Ben Arieh

schöpferischen Hunger des israelischen Künstlers, der bei palästinensischen Lehrmeistern studierte, stillte. Seine Antwort ist, Spiel und Kunst zu ver- binden. Er will «Gärten des Lebens» schaffen, die Menschen verschiedener Kultur und Religion nach universellen Prinzipien zusammenführen. «Spielkunst» wirkt heilsam, so Ben Arieh. Nun interessieren sich auch deutsche Gemeinden für sein Konzept. In Israel hatte er Erfolg mit seinen Skulpturenparks, halb Kunst, halb Spielplätze, die in zahlreichen Städten wie Tel Aviv, Cholon, Beersheva, Modiin und Jerusalem zu finden sind. Er baute unter anderem auch Kunst-Spielplätze an sozialen Brennpunkten wie Jaffa und Lod. Jedoch hütete er sich davor, kontroverse Themen wie Konflikt- und Holocausterinnerung direkt anzusprechen. «Die israelische Gesellschaft ist noch nicht bereit dafür» sagt Ben Arieh. «Mit solch einem, recht politischen, Ansatz hätte ich mir während der letzten Jahre in Israel viele Türen verschlossen. Doch in Deutschland herrscht Offenheit, und ich möchte die Idee später zurück nach Israel holen.»

 

Die großen Skulpturen, die sich wie natürlich gewachsene Gebilde in die Landschaft einfügen, wirken vertraueneinflößend und vermitteln gleichzeitig Respekt vor dem Unbekannten. Als Inspiration dienen Wesen aus dem Tierreich und Formen der Pflanzenwelt, enthalten sind aber auch Elemente traditioneller landwirtschaftlicher Arbeitsgeräte, aus denen merkwürdige Spielzeuge entstehen. Sie wecken das Kind im Erwachsenen. Und bringen Kinder zum intuitiven Spielen und Nachdenken.

 

«Als Künstler spüre ich den Drang, eine konstruktive Perspektive anzubieten. Ich möchte einen Raum schaffen, der die Erfahrung, lebendig zu sein, inten- siviert und zu Glück, Toleranz und Verständnis inspiriert. Neben den Aspekten gemeinsamer deutsch-jüdisch-palästinensischer Erinnerung und Zukunft glaube ich, dass dies das Potential hat, als Beispiel für die Versöhnung zwischen Menschen gleich welcher Herkunft zu dienen.»

 

Nicht immer widmete sich Ben Arieh, der Vater von drei Kindern ist, der Kunst. Fünf Jahre lang war der kräftige Mann mit den gutmütigen blauen Augen Soldat, von 1973 bis 1978. Eine Zeit, die wie im Zeitraffer an ihm vorbei- rauscht, wenn er daran zurückdenkt. Im Jom-Kippur-Krieg 1973 musste er als 18 Jahre junger Rekrut mit nur halb abgeschlossener Grundausbildung mit ansehen, wie viele Gleichaltrige starben. Mit 23 diente er als Offizier an einem Abschnitt der umstrittenen Grenze zu Syrien auf dem Golan. Bei einem Sondereinsatz zum Aufspüren einer feindlichen Raketenstellung wurde er schwer verletzt. Als er 1978 mit 24 Jahren die Armee verließ, hörte er kaum mehr auf dem rechten Ohr. Heute piepst es, wenn er durch einen Metall- detektor am Flughafen hindurchgeht, so viele Splitter stecken in seinem

Ben Arieh an seinem «Wüstenwalllabyrinth» im südisraelischen Beerscheba. Foto: Ben Arieh

Körper. Die Vergangenheit ließ ihn nicht los. 2006 wurde sein jüngerer Sohn Gidon im Libanonkrieg an die Front verlegt. Der damals 20-Jährige rief den Vater an und fragte verängstigt: «Papa, was soll ich tun?». Arieh blieb ruhig: «Ab jetzt darfst Du keine Barmherzigkeit mehr zeigen. Ich will, dass du überlebst!». Seine Gurus fand der hochdekorierte Veteran nach dem Krieg nicht in Indien, sondern im Gazastreifen. Nach dem Militärdienst Anfang der 1980-er Jahre zog Ben Arieh mit seiner Frau Dina in den Kibbuz Kiryat Schmoneh, wo er kurze Zeit später zum Vorsitzenden gewählt wurde. Bereits als kritischer Offizier glaubte er daran, dass er die palästinensischen Nachbarn genau kennenlernen müsse, um in Friedenszeiten mit ihnen kommunizieren zu können. Die Arbeit im Kibbuz als Entwickler für landwirtschaftliche Geräte bot ihm diese Gelegenheit. Sie führte Ben Arieh oft in den nahe gelegenen Gaza- streifen. Dort traf er auf die palästinensischen Handwerksmeister Abu Ibrahim und Abu Schaufik, die traditionelle landwirtschaftliche Werkzeuge und Gebrauchsgegenstände aus Holz und Ton herstellten und von denen er fünf Jahre lang lernte.

 

«Abu Ibrahim und Abu Schaufik waren selbst Außenseiter, da sie Kunst und Spiritualität über Tradition oder politische Ideologie stellten. Ich habe bewusst versucht, dieses tiefe Erlebnis in Israel zu vermitteln. Doch ich wurde nie ernst genommen. Heute stehen meine Kunstwerke in ganz Israel, ein- schließlich einiger Siedlungen, und niemand weiß, dass mein Schaffen auf dem basiert, was ich in Gaza lernte. Ihre Handfertigkeit und Geschicklichkeit, gepaart mit Bescheidenheit, innerer Ruhe, Freundlichkeit und Würde fas- zinierten mich. Sie waren wie Zen-Meister, ohne jemals von Zen gehört zu haben. Einfache, würdevolle Menschen, die voller Hilfsbereitschaft und Demut ganz im Moment lebten.»

 

Ben Arieh hat seine Lehrmeister seit dem Ausbruch der ersten Intifada 1987 nicht mehr gesehen. Er sitzt zu Hause vor dem Computerbildschirm und schaut sich alte Schwarzweißbilder an. Plötzlich hat er Tränen in den Augen, fängt an zu schwitzen und fühlt sich unwohl. So viel habe er seit langem nicht mehr über die Vergangenheit geredet, sagt er, und bittet darum, das Ge- spräch am nächsten Morgen fortzusetzen.

 

Es ist sechs Uhr morgens. Die ersten Sonnenstrahlen kitzeln den Nord- westhang von Moshav Zafririm, das auf halbem Wege zwischen Tel Aviv und Jerusalem liegt. Ben Arieh ist bereits wach und befindet sich im großzügigen Werkstatt unterhalb des Wohnhauses. Überall stehen Miniaturmodelle seiner Projekte, eine Mischung aus Verzierung und Nüchternheit, Kunst und Gerät, Spiel und Objekt: Ben Arieh erklärt; «Der Ansatz, den ich von Abu Ibrahim lernte, ist eigentlich die klassische Lehre der Kunst – nämlich die richtige Verwendung von Werkzeugen und Material, mit maximaler Schlichtheit und Effektivität.» Zwischen Praxis und Theorie besteht bei Aarale keine große Diskrepanz, er hat die Vision, sich selbst und anderen helfen. Doch die Verarbeitung der Vergangenheit ist bisweilen sehr schwierig. Für andere ist das, was daraus hervorgeht, umso interessanter. Nun beginnen auch deutsche Gemeinden und Investoren, sich für seine Ideen zu interessieren. Der Stuttgarter Oberbürgermeister, Jürgen Schuster, hat Ben Arieh im März 2009 zu einer detaillierten Präsentation eingeladen. Die Kulturbürgermeisterin der Stadt, Susanne Eisenmann, begründet: «Uns hat Ben Ariehs Konzept vom „Park des Lebens“, einem interaktiven Spiel- und Skulpturenpark, sehr be- eindruckt. Kunst, Erholung, Spiel und Austausch passen hervorragend zum Modernisierungsprojekt „Stuttgart 21“.» Auch die Stadt Weimar, zuständig für die Gedenkstätte Buchenwald, hat Interesse daran geäußert, Ben Arieh zu treffen, was nicht zuletzt seinen beharrlichen Unterstützerinnen in Deutsch- land zu verdanken ist.

 

Die Stuttgarter Managementberaterin Christa von Winsen und die Esslinger Galeristin Susanne Lüdtke werden Anfang 2009 einen Förderverein gründen, um die Ben Ariehs Entwürfe zu finanzieren. Einflussreiche Schwaben aus Wirtschaft und Politik haben bereits zugesagt, für das nötige Startgeld von 25.000 Euro zu sorgen. Eruiert werden bislang Ideen zu «interreligiösen» Spielkunst-Plätzen an zwei Orten in Stuttgart: Das Neckarufer gegenüber der Wilhelma, und die Grünfläche am Stuttgarter Max-Eyth-See, einem problematischen Stadtteil.

 

Bereits im April 2007 stellte Lüdtke in der Galerie «Kunst im Heppächer», der ehemaligen Synagoge von Esslingen am Neckar, die heute als Galerie und Ort des Austausches dient, Ben Ariehs Modelle aus. Im Sommer 2007 organisierte sie den Workshop «Kunst spricht alle Sprachen», gefördert von der Stadt Esslingen, für Kinder mit Migrationshintergrund, deren Eltern nicht in den Urlaub fuhren. Dort baute Ben Arieh zusammen mit den Kindern Spielmodelle für einen Spielplatzentwurf, was so erfolgreich war, dass Lüdtke sich kurze Zeit später mit von Winsen zusammentat: «Wir hoffen, dass Ben Arieh seine Vision vom Park des Lebens in Deutschland in Kürze verwirklichen wird!»

 

Philipp Holtmann

«Jüdische Zeitung», Januar 2009