"Heine hätte sich gefreut"

 

Amos Oz wurde mit dem Heinrich- Heine- Preis 2008 ausgezeichnet

Der wohl bekannteste israelische und auch international anerkannte, mit zahlreichen Literaturpreisen überhäufte Schriftsteller Amos Oz wurde am 13.

Amos Oz Foto: dpa

Dezember 2008 in Düsseldorf für sein literarisches Werk mit dem Heinrich- Heine-Preis ausgezeichnet und auch – so die Jury – für die «mutige Klarheit und Entschlossenheit, mit der er zwischen Israelis und Palästinensern Brücken zu bauen versucht». Oz ist ein Peacenik – wie Heine. Die Auszeichnung zählt zu den bedeutendsten Literatur- und Persönlichkeitspreisen in Deutschland und wird seit 1972 zumeist zu Heines Geburtstag am 13. Dezember verliehen. Der in Jerusalem als Amos Klausner geborene Oz, was im Hebräischen «Stärke» bedeutet, befasse sich in seinen Romanen, Erzählungen und Essays, so die Juroren, in realistisch-dramatischer, teils fanatisch-burlesker, teils in satirisch-komischer Weise mit der gesellschaftlichen, politischen und psychologischen Befindlichkeit in seinem Land.

 

Mit der Preisverleihung am 211. Geburtstag Heines steht Oz in einer pro- minenten Reihe herausragender Literaturschaffender wie Carl Zuckmayer, Max Frisch oder Elfriede Jelinek. Schreiben sei eine «Goldschmiedearbeit», so der Düsseldorfer Oberbürgermeister Dirk Elbers in seiner Begrüßung. Was Heine mit Oz verbinde, sei der Mut, sich für die Menschenrechte und den schwer zu erlangenden Frieden einzusetzen – Gemeinsamkeiten von bestürzender Aktualität.

 

Der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker, selbst Heine- Preisträger im Jahre 1991, sagte in seiner Laudatio, Oz setze sich unermüdlich für eine Lösung des Nahostkonflikts ein, bei der Israelis und Palästinenser in zwei Staaten nebeneinander und miteinander leben können. Oz zeichne sich durch Neugier aus. Nur Fanatiker seien ohne Neugier. «Diese aber ist es, die uns hilft, den anderen zu verstehen», so Weizsäcker.

 

«Heine ist mein Held», hatte Oz am Vorabend der Preisverleihung bekannt und in seiner Dankesrede dann: «Heine lehrte uns, dass Humor und Ironie die besten Mittel gegen Extremismus und Engstirnigkeit sind». Über die Heldenrolle von Schriftstellern in seiner Heimat fügte Oz hinzu: «Israel ist wahrscheinlich das einzige Land der Welt, wo ein Premierminister einen Schriftsteller zu sich einlädt, wenn er ein tiefgründiges Gespräch führen will. Er bewundert die Ant- worten – und ignoriert sie völlig». Seine emotionale Rede, die literarische, philosophische, politische und persönliche, sein eigenes Judentum betreffende Aspekte berührte, ging den Festgästen unter die Haut und evozierte immer wieder Beifall. «Heinrich Heine war ein säkularer Jude – so wie ich es bin». Mit diesem Satz begann Oz seine Dankesrede, ganz à la Heine. Und damit hatte er seine Zuhörer elektrisiert.

 

Der israelisch-arabische Konflikt könne nur mit Hilfe europäischer Werte wie Rationalität, Pragmatismus und Toleranz gelöst werden. «Wir brauchen etwas von Heines Verachtung für engstirnigen Fanatismus». Denn der Konflikt werde von Fanatikern auf beiden Seiten am Leben gehalten. Heine notierte einmal: «In der Welt sind mehr Narren als Menschen». Im Selbstzweifel liegt Weisheit und eine äußerst jüdische Weisheit besteht im Kompromiss.

 

Der Mitbegründer der israelischen Friedensbewegung «Schalom achschaw» («Frieden jetzt») legte einmal sein friedenspolitisches Credo so fest: «Als israelischer Jude gehöre ich zu der ersten Generation von Juden, die keine Opfer mehr sind, sondern Verantwortung tragen. Nicht nur Verantwortung, sondern auch Schuld. Wir sind auch verantwortlich für das, was wir tun oder nicht tun. Ich habe Verantwortung zu tragen: politisch, moralisch, ethisch und künstlerisch».

 

2005 beleuchtete Amos Oz in seinem Buch «Israel und Deutschland» die Be- ziehungen zwischen beiden Ländern im 40. Jahr ihres Bestehens. Heraus- gekommen ist eine ganz persönliche Wertung. Es ist dies nur ein schmales Büchlein, aber welch eine Essenz wohnt diesem Essay inne! Eine Broschüre, die von Trauer, Schmerz, Ablehnung, Hoffnung, Zuneigung handelt. Nichts bei Oz ist verstellt und gekünstelt und darum trifft er in seiner Selbstreflexion auch den richtigen Ton. Er weiß sehr fein zu differenzieren zwischen den «alten» Deutschen und der jungen deutschen Generation, die, einem schwärmerischen politischromantischen Ideal folgend, sich als Volontäre im Kibbuz niederließen, in der Absicht, durch ihre Hände Arbeit die Verbrechen der Eltern zu sühnen; gleichwohl aber auch nebenbei sich einen Sommer an einem sonnigen Ort aufzuhalten, um der Bürde einer bürgerlichen Laufbahn, die zuhause auf sie wartete, zu entgehen.

 

Bis 1983 hatte Oz sich allen Einladungen, nach Deutschland zu kommen, ent- zogen. Aber dann waren die literarischen Kontakte zu Siegfried Lenz, Günter Grass, Heinrich Böll und anderen, denen er nicht länger entsagen konnte, zu mächtig geworden. Für Oz ist das deutsch-israelische Verhältnis keine «normale Beziehung», sondern eine Art «Flitterwochen», dem leider von deutscher Seite von vornherein ein gefährliches Maß an sentimentaler Idealisierung beigemischt war. Dennoch plädiert Oz für eine Intensivierung der Beziehungen.

 

Spätestens mit seinem autobiografischen Meisterwerk «Eine Geschichte von Liebe und Finsternis» (2004) gehört Amos Oz auf die Liste des Literatur- nobelpreiskomitees. Oz erzählt am Beispiel seiner mehrere Generationen übergreifenden Familie zugleich die Geschichte vom Werden des Judenstaates. Das Buch handelt von Rebellion gegen die diasporische Welt des Vaters, von der Angst, im Jahre 1939 in eine Welt hineingeboren worden zu sein, die bestimmt war von Flucht und Massenmord an den europäischen Juden. Dass es ihm trotz dieses beklemmenden Handlungsstranges gelungen ist, seinem Bericht eine liebe und humorvolle Note zu geben, verdient besondere Beachtung.

 

Im Mittelpunkt seiner Lebensgeschichte steht die Ehe der warmherzigen Eltern, die, wie ihre unerwiderte Liebe zu Europa, in einer Tragödie endete: Die Mutter begeht Selbstmord, der Vater zerbricht und das Kind Amos bleibt im emotionalen Schatten der elterlichen Verletzungen allein zurück. Daraus ergibt sich für den Schriftsteller die Leitfrage: Wie kann so viel Gutes zu so viel Bösem führen?

 

So wie es ihm im Persönlichen weder um Gut und Böse oder Schuld geht, interessieren ihn im Politischen Konflikte zwischen Opfern. Das gilt im Be- sonderen für den israelisch-arabischen Konflikt, in den er sich immer wieder dezidiert einmischt und gewissermaßen als Moralinstanz gilt. Die Geschichte seiner Familie als Folie dieses Konflikts, das ist ein gewagter Spagat, der dem Friedensaktivisten Oz eindrucksvoll gelungen ist. Mit der Geschichte seiner Familie hat Oz für die Leser außerhalb des Nahen Ostens ein Fenster geöffnet, durch das sie bis ins kleinste Detail in eine Welt blicken können, die es nicht mehr gibt oder die sich völlig verändert hat.

 

Oz bekennt sich zu seinem europäischen Erbe, das Israel zu einer modernen Zivilgesellschaft gemacht hat. Diesem Erbe verdankt Israel seine Demokratie, Bürgerrechte, unabhängige Jurisdiktion, die Rechtsstaatlichkeit. Selbst wenn es Israel nicht gelingt, so ein kritischer Oz, seine selbst gesetzten hohen Normen zu erreichen, müsse es an ihnen festhalten und sich daran erinnern, woher sie kommen. Moderne Demokratien, Humanismus und Gerechtigkeit seien die Früchte des großen jüdisch-europäischen Millenniums. Das sei das gemeinsame Erbe von Heinrich Heine und ihm, «von Ihnen allen hier im Saal», so Oz in seiner Dankrede.

 

Heine sagte einmal, um am Scheideweg «zagend stehen zu bleiben, dazu seyd Ihr zu schwach». Doch am Scheideweg zu stehen, verlangt mehr Stärke, als man besitzt. Oz «wagte» am Schluss seiner Rede zu sagen: «Der Scheideweg ist der einzige Ort, an dem ich zu Hause bin, wo ich hingehöre». Große Worte eines großen Schriftstellers.

L. Joseph Heid

«Jüdische Zeitung», Januar 2009