Nur Reservearmee für jüdische Einwanderung

 

Mit dem Diaspora- Begriff verändert sich auch das Judentum

Ein gängiges amerikanisches und auch israelisches Narrativ über das deutsche und weiterhin das europäische Judentum beinhaltet oft die folgenden Elemente:

• Die Gesellschaften und Staaten Europas haben geschichtlich Juden den Status als Nation verwehrt, haben verlangt, dass sich die Juden gesichtslos in ihre Gesellschaften integrierten. Mit Moritz Goldstein oder Gerschom Scholem gesprochen, haben Juden ihren «Gastländern» viel gegeben, und dafür wenig anerkennend zurückerhalten. Amos Elon etwa hat diese Leistungen des deutschen Judentums beschrieben, und Michael Brenner hat das «letzte Aufblühen» jüdischer Kultur in der Weimarer Republik überzeugend dargestellt.

 

• Nach Jahrhunderten der Unterdrückung und der Nichtanerkennung jüdischer Differenz («Den Juden als Nation nichts, als Individuen alles») ist das europäische Judentum mit der Schoa untergegangen – und was an materiellen und ideellen Relikten übrig geblieben war, wurde nach Israel oder in die USA verbracht, wo es eine neue, legitime, Heimat gefunden hat.

 

• Zwar gibt es ein neues Judentum, vielleicht sogar eine «re-emergence» (Sander Gilman) des Judentums in Deutschland und Europa heute, freilich im wesentlichen kulturlos als «virtuelles» Judentum.

 

• In diesem Kontext wurde nach der Schoa den Juden selbst (freilich nicht nur in Europa) ihre eigene, partikulare, Erinnerung durch deren Universalisierung und Verchristlichung als «postnationale Erfahrung» genommen und die Juden selbst werden in Europa nur durch die Universalisierung des Judentums selbst wahrgenommen. Vieles an dieser «gängigen» Bestandsaufnahme, die auch auf früheren, wichtigen Gedanken etwa Hannah Arendts beruht, sollte durchaus ernst genommen werden, und doch hat sie sich kaum von den Analysen aus der Nachkriegszeit fortbewegt. Diese Analysen sehen die Erfüllung des Judentums in seinem eigenen Nationalstaat und weiterhin den USA als «goldene Medine», vielleicht als virtuelles Israel, das nicht einmal als eine Form diasporischen jüdischen Lebens, die es ja nun ist, wahrgenommen wird.

 

Delegitimierung von Diaspora?

Gegen diese Privilegierung jüdischer Existenz in Israel und die Delegitimierung von Diaspora hat sich in den letzten Jahren Kritik angemeldet, die vor allem

auf die Position von Daniel und Jonathan Boyarin zurückgreift; die Boyarins sehen die Erfüllung des Judentums in seiner diasporischen, nichtstaatlichen Existenz. Von hier aus ergeben sich nun auch für uns Möglichkeiten, das europäische Judentum als Diaspora neu zu begreifen. Wir können dabei nur bedingt auf die älteren Bestandsaufnahmen zurückgehen. Zu vieles hat sich in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Italien, Polen und andernorts in Europa in der Zwischenzeit geändert. Hierzu gehören die «De-Virtualisierung» des europäischen Nachkriegsjudentums, also die Herausbildung einer gemeinsamen jüdisch-nichtjüdischen Sphäre, die stärkere Präsenz Israels, die Einwanderung russischer Juden und schließlich vor allem auch, dass sich mit der Entstehung von muslimischen und anderen Diasporen in Europa die gesellschaftlichen Gewichte zu Ungunsten der jüdischen Diaspora verschoben haben. Diese Punkte möchte ich im Folgenden näher skizzieren.

 

In ihrem wichtigen Buch «Virtually Jewish. Reinventing Jewish Culture in Europe » (2002) hat die amerikanische Journalistin Ruth Ellen Gruber auf die Mimikry jüdischer Traditionen in Europa verwiesen. Sie verließ sich dabei vor allem auf ihre Eindrücke in West- und Osteuropa aus der Zeit nach der Wende: Klezmer-Imitate und Klezmer- Revival insgesamt; Imitations-Jiddisch von Juden und Nichtjuden, Teilnahme von Nichtjuden an jüdischen Gottesdiensten, Errichtung jüdischer Museen, «jüdische» Literatur, und ähnliches. Hierzu zählen selbst gefälschte Holocaust-Erinnerungen wie etwa die von Bruno Grosjean alias Binjamin Wilkomirski. Diese virtualisierten, unauthentischen jüdischen Traditionen schließen auch die nichtjüdischen Konsumenten mit ein, die all dies, zusammen mit authentischer jüdischer Kultur, in Musik, Literatur und Geschichte aufgenommen haben. Doch oft wird vergessen, dass in der Folgezeit erst dieses «judaisierende Terrain», also eine nichtjüdische Peripherie, die die europäische jüdische Gemeinschaft umgibt, eine kulturelle «re-emergence» des Judentums in Europa möglich gemacht hat. Ohne ihre nichtjüdischen Konsumenten als Besucher jüdischer Museen, als Leser neuer jüdischer Autoren (gerade auch in deutscher Sprache) und Besucher von Klezmer-Konzerten und Chanukka-Märkten wäre dies undenkbar.

 

Das Ende des orthodoxen Monopols

Ein zweites, überaus wichtiges Element quantitativ wie qualitativ ist die russisch-jüdische Einwanderung. Sie hat zunächst quantitativ durch die Vervierfachung der Population die jüdische Gemeinschaft von Grund auf verändert, mit einem breit gefächerten Netz jüdischer Programmangebote und neuer institutioneller Strukturen, von russisch-orientierten Reformgemeinden, Kriegsveteranen bis hin zu Schachclubs und Vereinigungen russischsprachiger Wissenschaftler. Es darf dabei freilich nicht übersehen werden, dass, von der Nachkriegszeit an gerechnet, gut 90 Prozent aller in Deutschland lebender Juden den viel besprochenen «Migrationshintergrund » haben, der freilich normalerweise nur nichtjüdischen Menschen nichtdeutschen Sprachhintergrundes zugebilligt wird. Qualitativ wurde vor allem durch sie das faktische Monopol der Orthodoxie vor allem in Bezug auf Matrilinealität infrage gestellt, und der akademisch-professionelle Charakter dieser Einwanderung gibt der jüdischen Gemeinschaft insgesamt ein neues Gepräge. In diesem Zusammenhang muss auch die verstärkte Rolle der Frauen, nicht nur der russisch-jüdischen, gesehen werden, die in den letzten 20 Jahren die männlichdominierten Gemeinschaftsstrukturen zu einem beträchtlichen Maß überwunden hat.

 

Drittens die Rolle Israels, und hier sehen wir zwei offenbar kontradiktorische Elemente. Auf der einen Seite hat die israelische Außenpolitik vor allem nach Rabin und anlässlich des starken internationalen Drucks auf Israel seit der zweiten Intifada ihre internationale, vor allem auch europäische Präsenz verstärkt und tut dies auch vermittels der jüdischen Gemeinschaft. In anderen Worten, nachdem Israel ehedem und wie der damalige Besuch Ezer Weizmans in Deutschland noch gezeigt hat, die Diaspora nur als Reservearmee für jüdische Einwanderung sehen konnte, haben die israelischen Regierungen seitdem die effektive Rolle der Diaspora als außenpolitisches Instrument israelischer Politik erkannt; ob das dem Diaspora-Judentum auf Dauer gut bekommt, ist eine andere Frage.

 

Doch, ironischer Weise, während die jüdischen Repräsentanten gerade auch in Deutschland in verschiedenerlei festlichen Anlässen Israel feiern, kommen zunehmend vor allem auch von der Politik ihres Landes enttäuschte junge Israelis nach Deutschland, um hier eine neue Bleibe zu suchen und an ihre europäischen Wurzeln anzuknüpfen.

 

Viertens – und dies wird fast durchweg noch ignoriert – hat sich in den letzten Jahrzehnten und insbesondere seit dem 11. September 2001 und dem Mord an Theo van Gogh die politisch-gesellschaftliche Positionierung des deutschen und europäischen Judentums insgesamt fundamental geändert. Im 19. Jahrhundert, und fast durch das gesamte 20. Jahrhundert hindurch erschienen die Juden als die Fremden, als nichtnationale Komponente des Staates schlechthin, gleichgültig ob es sich um «völkische» oder jacobinische Konzeptionen nach dem Prinzip des ius soli handelte: Hierzu zählen der Berliner Antisemitismus-Streit oder der zunehmende Antisemitismus in der Weimarer Republik, der Nationalsozialismus selbst sowie die zentrale Rolle des deutschen Nachkriegsjudentums, die als Erinnerungswächter und Legitimierung beider deutscher Staaten – Schuldfrage hier, Antifaschismus dort – ideologische Arbeit als Unterstützung hegemonialer, staatlicher Ideologie in der jeweiligen Gesellschaft leisteten. Von keiner weiteren Minorität war über die letzten Jahrhunderte die Rede, mit der möglichen Ausnahme an den Rändern der deutschen Staaten des 19. Jahrhunderts wie etwa der Polen an der Ostgrenze Preußens. Selbst die Hugenotten im 18. Jahrhundert und vorübergehend die Ruhrpolen um 1900 blieben eine quantité négligeable.

 

Parallele Narrative

Mit voller Wucht sind nun die muslimischen Einwanderer auf die Bühne getreten. Bemerkenswert ist hierbei, dass das Gros dieser Migranten vor allem aus der Türkei stammt, sich aber ihre ethnische Etikettierung, vor allem als Türken und Kurden im letzten Jahrzehnt zugunsten der muslimischen Markierung geändert hat oder zumindest zwischen beiden Etiketten in der Schwebe steht. Mit der «Islamisierung» der türkischen Einwanderung stehen sie nun als parallele ethno-religiöse (sunnitisch/kurdisch/kemalistisch usw.) Strukturen der jüdischen Gemeinschaft gegenüber. Sie haben als solche ein Narrativ entwickelt, das in vieler Hinsicht dem der jüdischen Minorität entspricht: mit analogen institutionellen Strukturen, etwa Halal-Schlachtung und jüdisches Schächten, der Konstruktion einer parallelen Geschichte in Deutschland – das Pogrom in Mölln etwa als Gegenpart zu den Novemberpogromen 1938, oder jüdisch-türkische Vergleiche wie sie Faruk Sen gezogen hat. Von diesem parallelen Narrativ wird erwartet, dass es die Verhandlungsposition der türkisch-muslimischen Gemeinschaft erhöht. Es wird erwartet, dass was den Juden als Privilegien zugebilligt wurde (etwa das Schächten) nun auch den Muslimen zugute kommt.

 

Diese Verfassung einer parallelen Geschichte erklärt auch, weshalb Wendungen wie «Was die Juden hinter sich haben, haben die Türken noch vor sich» selbst im privaten Bereich artikuliert werden. Der jüdischen Angst steht nun die türkisch-muslimische Angst in Deutschland gegenüber; eine Angst, oft auch eine Bitterkeit, ein Unbehagen, das aus der offenen Diskriminierung und Ausgrenzung dieser Migration entstanden ist.

 

Von jüdischer Warte, und gewiss von der Warte jüdischer Funktionäre aus, wird diese türkisch/muslimische Orientierung auf die jüdische Minorität hin mit extrem gemischten Gefühlen gesehen. Die beiden Gruppen stehen sich ungleich gegenüber. Die jüdische Katastrophe ist zu einem Grundpfeiler der nationalen deutschen Erinnerung geworden und in ihrer Ideologiearbeit nehmen Juden deshalb eine nicht wegzudenkende symbolische Stellung in Deutschland ein. Im Gegensatz zur verschwindend kleinen jüdischen Minorität stellen die Türken/Muslime mit ihren 2,5 bis 3 Millionen jedoch ein strategisch wichtiges Wählerpotential dar, auch ein wichtiges wirtschaftliches Element, und Geschichtssymbolik und Erinnerungspolitik hin oder her, wird sich zukünftig die Politik an diesem Potential in noch viel größerem Maße ausrichten.

 

Konkurrenz mit den Muslimen

Während sich die muslimische Einwanderung teils antijüdisch, teils bewundernd auf die Juden hin orientiert, gehen vor allem jüdische Funktionäre zunehmend auf Distanz. Aus Konkurrenzangst (und der Angst vor islamisch basiertem Antisemitismus) stellen sie die Frage, ob die Muslime den Juden ihren privilegierten Zugang zur Politik und zur gesellschaftlichen Elite zukünftig verstellen könnten – sofern sie dies nicht sogar bereits tun. Aus dieser Konkurrenzangst heraus sehen wir in den letzten Jahren eine Bewegung der Juden auf das deutsche Umfeld hin: die frühere Reserve gegenüber dem nichtjüdischen deutschen Umfeld wird zunehmend aufgegeben, und Juden öffnen sich weitgehend dem kulturellen und politischen Programm des deutschen Umfelds. Gelegentlich wird selbst die christliche Zivilisation gegen den Islam beschworen. Vor allem in der Opposition einer kleinen jüdischen Minorität, in Verbindung mit gewissen Kirchenvertretern und rechtskonservativen Kräften gegenüber Moscheebauten und pauschalen Urteilen zum Islam wird dies sichtbar. Angeblich unzulässige Vergleiche aus jüngster Zeit zwischen Islamophobie und Antisemitismus passen hier ins Bild.

 

Diesen Tendenzen jüdischerseits widersprechen freilich andere jüdische Gruppierungen, die durchaus gemeinsame Interessen sehen zwischen Antisemitismus und anderen Formen des Rassismus, gemeinsame Interessen vor allem gegenüber den Neonazis. Die Amadeu-Antonio-Stiftung von Annetta Kahane ist hier das Paradebeispiel. Zum Teil wird dies gewiss auch von einigen jüdischen Funktionären anerkannt.

 

Schließlich dies: Viel ist heute die Rede von universalisierter, sogar globalisierter Erinnerung an den Holocaust und jüdischem Kosmopolitismus. Es ist meine These, dass sowohl Erinnerung an die Schoa wie auch das europäische Judentum selbst heute weit nationalstaatlicher orientiert sind als noch vor der jüdischen Katastrophe. So wird etwa mit dem (falschen) Datum des 9. November 1938, die «Reichskristallnacht» zu einem deutschen Schicksalsdatum, und trotz allem jüdischen Tourismus und anderer Reisetätigkeit sind die Juden, und gerade jüdische Intellektuelle, auch heute dem deutschen, niederländischen oder französischen Terrain eng verhaftet. Diese Spezifica dürfen in einer Analyse des heutigen Judentums, wie die anderen hier erwähnten, nicht fehlen. Die deutschsprachige Judenheit von heute hat die Aura des Freud-Einstein-Mosse- Benjamin-Arendtschen Judentums von damals längst verloren: Heute ist es die russischsprachige jüdische Einwanderung und die relative Marginalisierung des Judentums angesichts der türkisch-muslimischen Präsenz sowie der neue judeophile Raum und die Rolle Israels, die aus keiner Debatte über das neue deutsche Judentum mehr fehlen dürfen.

 

Dieser Text bezieht sich auf die Einleitung zum neuen Buch des Autors

«The New German Jewry and the European Context. The Return of the European Jewish Diaspora»

Palgrave Macmillan 2008

216 Seiten, 85 US-Dollar

 

Y. Michal Bodemann

«Jüdische Zeitung», Januar 2009