Anschaulich und überschaubar

 

Es gibt Kataloge, die in Ausstellungen einführen. Der von Birgit Bergmann und Moritz Epple herausgegebene Band «Jüdische Mathematiker in der deutschsprachigen Kultur» führt über sie hinaus. Das Buch beleuchtet das universitäre Wirken jüdischer Mathematiker in den Hochschulen deutschsprachiger Länder im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Der Phase religiöser Toleranz und wissenschaftlicher Emanzipation im Kaiserreich und in der Weimarer Republik folgten das Berufsverbot, die Vertreibung und Ermordung hervorragender jüdischer Wissenschaftler im Rassenwahn des Nazi-Staates.

 

Die anlässlich des Jahres der Mathematik erarbeitete Ausstellung zeigt mit neun thematischen Stationen vor allem die Zeiten des Aufbruchs und der Erfolgs der jüdischen Wissenschaftler seit ihrer rechtlichen Gleichstellung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie besetzten überproportional viele Lehrstühle, prägten Mathematische Institute, schrieben grundlegende Lehrbücher. Federführend bei der Zusammenstellung der Ausstellung waren Moritz Epple und Birgit Bergmann vom Historischen Seminar der Universität Frankfurt am Main.

 

Als Leitfaden für die Wanderausstellung erübrigt sich der Hardcover-Katalog. Sie startete bereits im Mai 2008, ist jetzt in Magdeburg zu sehen und endet im Dezember und Januar im Deutschen Museum in München. Fortführungen im Berlin (Februar), Regensburg (April) und Gießen (Mai) sind allerdings in Vorbereitung. Da die Ausstellung anschaulich und überschaubar gegliedert ist, braucht hier kein Besucher ein Buch, das die Texte und Bilder wiederholt. Der Mehrwert ist aber beträchtlich: Auch nach Ultimo des Mathe-Jahres kann man die Inhalte der Ausstellung, angereichert mit spannenden Aufsätzen, im Buchformat nach Haus tragen.

 

Zu verschmerzen ist, dass man daheim nicht in den 50 mathematischen Lehrbüchern der Hochschullehrer schmökern kann. Tatsächlich enthielten sie kaum Verdächtiges. Denn die Mathematik ist trotz christlicher Dreifaltigkeit und jüdisch-kabbalistischer Zahlenmystik nicht weltanschaulich geprägt.

 

Bei der Lektüre des mit vielen Fotos, Briefen und Dokumenten ansehnlich gestalteten Buches werden Lebenswege und Schicksale deutlich, die weit über die Mathematik, die Wahrscheinlichkeit und Berechenbarkeit hinausgehen.


«Jüdische Mathematiker in der deutschsprachigen Kultur»,

herausgegeben von Birgit Bergmann und Moritz Epple

Springer 2008

234 Seiten, 39,95 Euro

 

 

Klaus Commer

«Jüdische Zeitung», Januar 2009