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Jüdisch, zionistisch, progressivArzenu Deutschland befasste sich mit dem Erbe Leo Baecks im heutigen Staat IsraelDie Medien sprachen von einem «neuen Patriotismus», als im Juli in Deutschland die Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen wurde und man die DFB-Auswahl euphorisch feierte. Keine vier Monate später, kurz nach dem 120. Geburtstag von David Ben-Gurion und am Jahrestag der Balfour Declaration, veranstaltete Arzenu, der Bund progressiver Zionisten in Deutschland, vom 2. bis 4. November in Berlin ein Seminar zum Thema «Leo Baeck und Eretz Israel». Programmatisch lautete der Untertitel: «Progressiver Zionismus heute». Eröffnet wurde das Workshop-Wochenende mit einem Vortrag von Ernst Ludwig Ehrlich, der im Berliner Jüdischen Gemeindehaus über «Leben, Werk und Wirkung» seines ehemaligen Lehrers sprach. Baeck (1873-1956), ein Vordenker des heutigen liberalen Judentums, dachte bis zu seiner Deportation ins Konzentrationslager Theresienstadt im Jahr 1943 an keine Flucht aus Deutschland, geschweige denn an eine Emigration nach Palästina. Dennoch reflektierte er bei mehreren Gelegenheiten die Aufgaben der zionistischen Bewegung vor dem Zweiten Weltkrieg. Mit der Gründung des Staates Israel jedoch änderte sich sein Bild vom Zionismus. Wenn dieser durch Israel ersetzt würde, wozu Baeck tendierte, dann stellt sich die Frage, ob Israel hier notwendig den gegenwärtigen Staat Israel meinen würde. Baecks Ansichten legen anderes nahe, ebenfalls das Arzenu-Seminar in Berlin. Anlass war der 50. Todestag von Leo Baeck am 2. November. «...weh dem, der keine Heimat hat!» Die Frage, ob Leo Baeck ein Zionist war, ist aus heutiger Sicht schwer zu beantworten. Rückblickend kann man feststellen, dass Baeck manches von dem eines jüdischen deutschen Patrioten eigen war. Nicht aus Gründen eines Nationalchauvinismus, der zur Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert von so vielen seiner europäischen Zeitgenossen vertreten wurde. Ebenso wenig angesichts einer kollektiven Identitätslücke, die man heute mit einer Neudefinition des Begriffs Patriotismus zu füllen glaubt. Dieser hatte seine menschenrechtliche Legitimität bereits während des Krieges von 1914 bis 1918 verloren, sofern man nur die extrem-nationalistische Kehrseite seiner ideologischen Struktur mitberücksichtigt. Was später als der Erste Weltkrieg in die Geschichtsbücher eingehen sollte, hielten Baeck und ein bedeutender Teil seiner jüdischen Mitbürger, ganz wie so viele ihrer europäischen Zeitgenossen, für gerechtfertigt. Allerdings: Baeck tat dies aus einer moralischen, kaum aus einer nationalen Überzeugung. Er glaubte, dass die Verteidigung des eigenen Landes einen ethischen Zweck für die «Zukunft des Menschengeschlechts» habe, der höher sei als die Interessen einer einzelnen Nation. Mit diesem Geschichtsoptimismus befand er sich in der Tradition Immanuel Kants, des einflussreichsten Philosophen der deutschen Aufklärung, der Baecks eigenes Denken nahezu ebenso stark beeinflusste wie das seines Lehrers Hermann Cohen, des Begründers der Neukantianischen Schule. «Seine ganze Denkstruktur ist der Hermann Cohens ähnlich», sagt Ehrlich über seinen eigenen Lehrer. Er berichtet, dass Cohen bis zu seinem Lebensende Vorlesungen an der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums hielt, der Baeck zuerst als Student, später als Dozent angehörte. Im Ersten Weltkrieg diente Baeck der Armee des deutschen Kaiserreichs als einer von 30 Feldrabbinern. Im Jahr 1915 bei seiner Festrede zu Schawuot, dem jüdischen Fest, an dem die Übergabe der Tora und der Zehn Gebote an das Volk Israel erinnert wird, sprach er die jüdischen Soldaten mit den ersten Worten «Du sollst!» an. Mit dem «Rhythmus des Marsches, der den Weg bezwingen will», rückt Baecks Rhetorik die Soldaten in die nebelhafte Ferne der «Reihen derer, die hinauszogen ins Ungewisse der Zukunft, ins Ungewisse der Pflicht.» «Heimat und Vaterland» beschreibt der Rabbiner seiner Berliner Gemeinde in einem Kriegsbericht vom November 1916 als «Sehnsucht nach Gerechtigkeit». Aber auch hier lässt sich der patriotische Kontext schwer leugnen: «Wer für die Gerechtigkeit eintritt, der hat damit das Vaterland verteidigt; denn er gibt denen, welche kämpfen und standhalten, neue Gewissheit, neue moralische Kraft, er festigt in ihnen das Bewusstsein, daß sie Heimat besitzen und für die Heimat ausharren und feststehen.» Dennoch sind auch diese Reden Baecks Gleichnisse. Seine eigenen einsamen Wege auf seinem Pferdwagen zu den zerstreuten Truppenteilen beschreibt er in den Worten des Philosophen Friedrich Nietzsche: «Die Krähen schreien und ziehen schwirren Flugs zur Stadt, bald wird es schneien - weh dem, der keine Heimat hat!». Staat Israel - Ende des Zionismus? Als aktives Mitglied des jüdischen Palästina-Aufbaufonds Keren Hayessod gab Baeck bereits 1925 kund: «Wir können nicht wissen, was in Palästina sein wird, und wir können nicht wissen, was hier in Deutschland sein wird... aber wer will daher sagen, ob nicht einmal die Enkel derer, die heute sicher dastehen, werden ausziehen müssen nach dem Lande der Väter.» Jedoch blieb Israel für Baeck immer eine geschichtliche Idee, die sich am ehesten in dem verstehen lässt, was Rabbiner Albert Friedländer in Hinblick auf Baecks Denken als eine «Religion der Polarität» bezeichnete. Wie in seinem frühen Hauptwerk über «Das Wesen des Judentums» polarisiert Baeck auch in seiner späten Schrift «Dieses Volk. Jüdische Existenz» (1955) das System des Glaubens mit einem Begriff der Geschichte als Kette der Überlieferung. «Toledot» - die genuin jüdische Bezeichnung von Geschichte, meint die Erfahrung der Generationen und die mit ihr verbundene Erinnerung an das Vergangene. So stellt Baecks Israel nach Friedländer vor allem einen «Typus religiöser Persönlichkeit unter den Völkern dar, die mit religiöser Schaffenskraft begabt sind». Es ist dieses religiöse Geschichtsdenken, das Baeck eine fundierte Sichtweise des Zionismus erlaubt. In seiner herkömmlich verstandenen Gestalt nämlich, als nationale Bewegung des 19. Jahrhunderts, die mit Theodor Herzls Buch «Der Judenstaat» (1896) ihr ideologisch-theoretisches Fundament bekam, war der Zionismus für Baeck im Moment der Ausrufung des Staates Israel zu Ende gegangen. An Hans Paeschke, den einstigen Herausgeber der Zeitschrift «Merkur», schreibt er etwa ein Jahr nach der Staatsgründung: «Der Zionismus als solcher - er hat gesiegt, und eine Bewegung, welche siegt und damit am Ziele ist, hört damit auf, eine Bewegung zu sein». Parallel zur Staatsgründung gab es eine zweite wesentliche Zäsur in der Geschichte des jüdischen Volkes, wohl die größte aller Zäsuren überhaupt: den Holocaust. Eine Bewegung, die, wie man beim Berliner Arzenu-Seminar in einem Vortrag des Journalisten und Autors Hartmut Bomhoff erfährt, zu einer Zeit entstand, als sich diesem Zionismus liberale Juden in Deutschland entgegenstellen und patriotisch ihr «Deutschtum» verteidigen konnten, war nach der Katastrophe der Shoa eben nicht mehr dieselbe Bewegung. Mit der Gründung des Staates Israel hatte zudem die Vorstellung von der heimatlosen Nation als zentrales ideologisches Fundament der zionistischen Bewegung vieles an seiner Überzeugungskraft verloren. Sein verheerendes Urteil über den Zionismus fällt Baeck 1952 aus Cincinnati in einem Schreiben an den Sozialpolitiker Werner Senator in Jerusalem. Darin skizziert er die zionistische Sache in Nordamerika als eine «Angelegenheit der älteren und ältlichen Leute beiderlei Geschlechts». Man müsse «etwas anderes, das mit Israel verbindet, an seine Stelle zu setzen». Über dieses «andere» schreibt Baeck im September 1953 in einem Artikel für die Allgemeine Wochenzeitung der Juden in Deutschland. Vom Staat Israel ist darin die Rede, zugleich aber von diesem Staat im Sinn von «Geschichte». Und so heißt es schließlich: «Wo immer er lebt, dieser Staat Israel geht ihn an, ja wirkt auf ihn ein, ob er es will oder nicht, und bedeutet für ihn sein geschichtliches Schicksal.» Man darf hierin Baecks rhetorische Raffinesse wiedererkennen. Wenn nämlich der Staat «geschichtliches Schicksal» geworden ist, so eben als ein Teil der Geschichte. Über Letztere wird im gegenwärtigen Jetzt entschieden. Somit gibt es neben dem Staat Israel auch das geschichtliche Israel oder jene Aufgabe der Generationen. In dieser verwandelten Gestalt bieten sich dem Zionismus neue Wege. Die WZO und Arzenu Die föderal strukturierte World Zionist Organisation (WZO) mit Sitz in Jerusalem besteht im Grunde seit dem ersten Basler Zionistenkongress im Jahr 1897. Dass es sich hier jedoch nicht einfach um ein Relikt der alten Zeit, sondern um eine neue Sache handelt, zeigt allein der Umstand, dass die Delegierten der heutigen Zionistenkongresse sich zu einem bedeutenden Teil aus Mitgliedern des israelischen Parlaments zusammensetzen. Daneben gibt es Verbände aus der Diaspora, deren Delegierte innerhalb der Föderationen ihrer Länder gewählt werden. Die israelischen Mitglieder dagegen erhalten ihre Mandate gemäß der Sitze ihrer Partei in der Knesset. Einer der neun WZO-Verbände ist Arzenu - International Federation of Reform and Religious Zionists. Als vor einem Jahr in London Arzenu Europa gegründet wurde, entstand Arzenu Deutschland als einer von bisher fünf europäischen Vereinigungen. Durch ihre Mitgliedschaft in der Föderation der Zionistischen Organisation in Deutschland (ZOD) ist sie auch unter nichtliberalen zionistischen Vertretern der Bundesrepublik anerkannt. Beim 35. Zionistenkongress in diesem Juni in Jerusalem war sie mit einem Delegierten, ihrem Vorsitzenden Chayim Schell-Apacik vertreten. Gemeinsam mit anderen Reformverbänden konnte Arzenu auf dem Zionistenkongress mehrere Resolutionen durchsetzen. Dazu gehörten etwa die Verbesserung der Lebenswelt der arabischen Bevölkerung sowie die Einführung der Zivilehe im Staat Israel. Ebenso ein Strukturwandel der WZO, die derzeit noch institutionell mit der Jewish Agency und deren Präsidenten Zeev Bielski verwoben ist. Lebendige Diskussion Das Berliner Arzenu-Seminar zeigte vor allem, dass es im Staat Israel kaum religiöse Themen gibt, die nicht zugleich politische wären. Dabei begann alles mit einem Vortrag von Rabbinerin Dalia Marx aus Israel, der sich ganz auf das Thema jüdischer Liturgie in israelischen Reformsynagogen konzentrierte. Aber schon dies sorgte für eine lebendige Diskussion. Der Liturgie-Dozentin vom Hebrew Union College ging es um neue Einschübe in die Gebetstexte des traditionellen Siddurs, aber auch um die Wiederaufnahme Zions in liberale Siddurim und um die Umsetzung des Gleichheitsgedankens von Mann und Frau. Dazu gehörte auch die Frage, «wie wir Gott adressieren» könnten, wenn diesem überall in der Liturgie «nur männliche Attribute» zukämen.» Diese Debatte gibt es bereits seit zwei Jahrzehnten», erklärt die Rabbinerin. «Man denkt, dass man nicht über ein Geschlecht reden würde, aber man tut es. Wenn es so ist, dann sollte man die Sache auf den Tisch bringen und wirklich diskutieren. Wenn Gott ein Mann ist, weshalb sollte er dann nicht auch eine Frau sein?» - «Aber Gott hat nur dann Attribute, wenn man solche in ihn hineinlegt», entgegnete ein Seminarteilnehmer. «Männliche Attribute müssen nicht besagen, dass Gott wirklich männlich ist. Diese Attribute können genauso weibliche sein», ergänzte ein weiterer. «Was wären das dann für weibliche Attribute?», konterte der nächste. Die Frage blieb unentschieden, doch der Gender-Aspekt war brennender als die Rede von Zion im Siddur. Politisches Reformjudentum in Israel Zwei Vorträge der Jerusalemer Anwältin Orly Erez-Likhovsky ließen deutlich werden, dass das Reformjudentum eine wichtige politische Rolle im Staat Israel einnehmen kann. Die Juristin sprach über ihre Arbeit beim Religious Action Center of Reform Judaism (IRAC), dessen Aktionsbereich sich auf nahezu sämtliche politisch-gesellschaftliche Gebiete des Lebens in Israel erstreckt. IRAC ist auch beim Zionistenkongress vertreten und ist eng mit Arzenu verbunden. Resolutionen wie die Einführung der Zivilehe in Israel wurden gemeinsam erwirkt. Derzeit noch können Juden in Israel nicht heiraten, wenn einer der Ehepartner innerhalb des Landes bei einem liberalen oder konservativen Rabbiner zum Judentum konvertierte. Erez-Likhovsky glaubt, dass die Zivilehe in Israel nur noch eine Frage der Zeit sein wird, macht aber auch deutlich, dass diese wie zahlreiche weitere Belange ohne aufwendige Gerichtsverfahren nicht anzugehen wären. Das Monopol der Orthodoxie in Israel sorgt laut Erez-Likhovsky auch für «alltägliche Diskriminierungen» im Land. Ein Fall, der die Anwältin derzeit beschäftigt, sind die mit dem Namen «Mehadrin» («strenge Einhaltung») versehenen israelischen Buslinien des öffentlichen Verkehrsbundes Egged. Im Jahr 1997 beschloss das israelische Verkehrsministerium den Einsatz einzelner Buslinien, in denen Frauen im hinteren und Männer im vorderen Teil der Fahrzeuge sitzen sollen. Damit will man ultraorthodoxen Kunden entgegenkommen. In einigen Fällen handelt es sich allerdings um die einzige Busverbindung, die zwischen zwei Städten zur Wahl steht. Mehrmals kam es schon zu Beleidigungen und körperlichen Angriffen gegen nichtorthodoxe Frauen, die der Regelung nicht nachgaben. Für IRAC handelt es sich hier um einen Fall von Segregation. «Es ist keine Segregation nach Rasse, aber nach Geschlecht», liest man auf der IRAC-Homepage unter http://rac.org. Obwohl Erez Likhovsky weiß, dass die Behörden in dieser und den meisten anderen Angelegenheiten «viele Hintertüren kennen, um die Gleichheit zu umgehen», bleibt sie optimistisch: «Es gibt uns, damit wir ein Auge auf die Regierung werfen. Es ist wichtig, dass diese das weiß. Das heißt nicht, dass sich deshalb alles ändern wird, aber es hat dennoch einen Effekt.» Zukunftsperspektiven Auch Schell-Apacik ist zuversichtlich, trotz der eher schwierigen Finanzlage bei Arzenu: «Wir haben kein Geld» - um so wichtiger war jetzt die finanzielle Förderung durch die Baeck-Preisträger Berthold Beitz und Hubert Burda sowie von Seiten der KarstadtQuelle AG. Seit diesem März ist Arzenu Europa Mitglied der World Union of Progressive Judaism, deren Vorsitzender von 1946 bis 1956 Leo Baeck war. Finanzielle Stütze sei künftig auch vom Weltbund der zionistischen Reformgruppierung, Arzenu Olami, ebenso wie von der Jewish Agency und den einzelnen Nationalfonds zu erwarten. Und der Zionismus? Für eine «altmodische Sicht» der zionistischen Idee konnte er sich bei der Besteigung der alten Festung Massada nicht begeistern, erzählt Jakob Walbe (Hannover), der nach seinem Schulabschluss an einem einjährigen Israelprogramm der progressiv-zionistischen Jugendbewegung Netzer teilnahm. Vor wenigen Wochen zurückgekehrt, berichtete er vor den Teilnehmern des Arzenu-Seminars von seinen Erfahrungen. Die «wirkliche zionistische Prüfung» war für ihn, mehrere Monate seines Aufenthalts mit 17 weiteren jungen Erwachsenen in einem desolaten Haus mit fünf Zimmern und drei Kochplatten zu leben. Ansonsten hält er den Zionismus viel eher für eine Sache des «eigenen Glaubens». Auch Leo Baecks optimistische Polaritätsreligion erkennt eigenschöpferische Momente des Glaubens innerhalb des Gebots. In seiner geschichtlichen Perspektive auf die Theologie stand er dem jüdischen Philosophen und Schriftsteller Walter Benjamin nicht ganz fern. Dieser sah die Ungewissheit der Zukunft nicht zuletzt im jüdischen «Eingedenken», im Erinnern der überlieferten Vergangenheit: «Denn in ihr war jede Sekunde die kleine Pforte, durch die der Messias treten konnte.» |