Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Den Holocaust beschreiben
In seinem im Herbst 2006 erschienenen Opus magnum «Die Jahre der Vernichtung» hat Saul Friedländer eine neue Erzählform gefunden: Er warf einen mikroskopischen Blick auf die Mordhandlungen, die sich in sämtlichen besetzten und mit Deutschland verbündeten Ländern gleichzeitig vollzogen, und rückte sie in einen internationalen Kontext. Das war der wohl anspruchsvollste Versuch, den Judenmord zu verstehen. Nie zuvor sind die Perspektiven von Täter- und Opfergeschichte historiographisch so integral verknüpft worden. Und als dritte Seite galt sein Blick der Ebene der Kollaborateure – die Bevölkerung, die Eliten und selbstverständlich die Kirchen. Vieles aus seinem Hauptwerk integriert er in sein jüngstes Werk, in dem er sich ein weiteres Mal bemüht, den Holocaust zu erklären.
Der Holocaust lässt ihn seit seinen Kindheitstagen nicht in Ruhe. Wie sollte er auch? Er selbst, dessen Eltern 1942 aus Vichy- Frank reich verschleppt und in Auschwitz ermordet wurden, überlebte, streng katholisch erzogen, in einem französischen Internat. Aus Pavel Friedländer, wie er damals hieß, wurde der zionistische Jude Saulus.
Seitdem befindet er sich in einer Doppelrolle – als Forscher und als Überlebender. Und seit langem beschäftigt ihn die Frage, welcher Sprache sich ein Holocaust-Forscher zu bedienen habe. Das Dilemma steckt im Forschungsgegenstand, der sich jenseits aller fassbaren Dimensionen allein in einer sachlichen, technischen, bürokratischen Sprache fassen lässt. Gleichwohl kann man über den Holocaust nicht schreiben wie über die Entwicklung der Getreidepreise. Für ihn die einzig mögliche Methode für ein anders nicht zu lösendes Dilemma. Rückkehr zur Chronik. Seine Methode, zur Form der Chronik zu greifen, darauf hat Dan Diner hingewiesen, steht nicht, wie sonst üblich, am Anfang einer Beschäftigung mit einem historischen Gegenstand, sondern vielmehr an ihrem Ende. Und ein weiteres Moment bewegt Friedländer: die Selbstwahrnehmung und Selbstinszenierung der Täter.
Seine Darstellung ist kenntnisreich analysierend, elegant und mit humaner Diktion geschrieben – das Thema ist ihm Lebensaufgabe. Und das Ergebnis ragt – auch sprachlich – aus der historiographischen Fülle heraus – eine Gesamtgeschichte des Holocaust. Friedländer gibt einen Bericht, in dem zwar die politischen Maßnahmen der Nazis das zentrale Element bilden, in dem aber zugleich die umgebende Welt sowie das Schicksal der Opfer einen untrennbaren Bestandteil der sich entfaltenden totalitären Katastrophe bilden.
Saul Friedländer Den Holocaust beschreiben Auf dem Weg zu einer integrierten Geschichte Wallstein Verlag 2007 173 Seiten, 15 Euro |