Der Scham- Faktor

 

Warum weder Politik noch Kirche aus den unerlösten Schatten der Schoa treten können

 

Nach dem Wahlsieg der beiden österreichischen Rechtsparteien FPÖ und BZÖ bei den Nationalratswahlen am 28.September 2008 (sie erreichten zusammen rund 28% der Stimmen) wurde der freiheitliche Abgeordnete Martin Graf als dritter Nationalratspräsident nominiert. Graf ist Mitglied der als rechtsradikal und antisemitisch eingestuften Wiener akademischen Burschenschaft Olympia, die unter anderem im Zusammenhang mit dem britischen Holocaust-Leugner David Irving von sich reden machte. Das sorgte innerhalb und außerhalb des Parlaments für Unruhe – zählt doch die Funktion eines Nationalratspräsidenten zu den höchsten Staatsämtern des Landes. Am 1.Oktober 2008 stellte sich Graf in der ORF-Nachrichtensendung «ZIB» 2 einem Studiogespräch. Die Sendung wurde von Armin Wolf moderiert.

 

Moderator: «Sie bezweifeln nicht… dass in Gaskammern Millionen Juden vernichtet wurden?» Studiogast: «Ich bezweifle nicht, dass Massen vernichtet wurden.» Moderator: «Das ist jetzt eine etwas andere Formulierung, ich habe Sie nach Millionen Juden gefragt…»

 

Studiogast: «Wenn Sie so wollen – Millionen, ja…ich sag` Massen. Einer wäre schon zuviel…»

 

«Wenn Sie so wollen…» – der Sprachgebrauch verrät die Gesinnung: Die Schoa wird auf eine Frage der Semantik reduziert, zur «facon de parler» herabgewürdigt, der subjektiven Interpretation anheimgestellt. Das Wort «Jude» kommt dem Gast bezeichnenderweise nicht über die Lippen. Er zieht den Ausdruck «Massen» vor: So kann in der Schwebe

Kardinal Pacelli nach der Unterzeichnung des Preußischen Konkordats 1929. Foto: dpa

bleiben, ob mit «Massen» nicht auch die Angehörigen der Wehrmacht, der SS und deren Familien, kurz: die Kriegsopfer insgesamt, gemeint sein könnten. Solcher Art bedient eine geschickte Semantik die eigene, rechte Klientel, ohne den «Anderen» einen Vorwand zum Protest zu liefern. Und zugleich wird – einmal mehr – das moralische Gefälle zwischen Opfern und Tätern eingeebnet. Schließlich, so der unzulässige moralische Fehlschluss, waren ja auch die Täter irgendwie Opfer – Opfer der Geschehnisse… Wenn etwa jeder dritte Jugendliche Jörg Haider oder Heinz-Christian Strache wählte, dann zeigt dies: Die politische Bildung hat auf allen Ebenen versagt. Nicht, dass es sich hierbei um rechtsradikal infizierte Wähler handelte, aber doch um Wähler, die sich von der xenophoben Ideologie

der beiden rechtspopulistischen Parteien und ihrer Führung angesprochen oder zumindest nicht abgestoßen fühlten. Und für die die Frage nach dem Umgang mit der Geschichte irrelevant ist, weil sie selbst von dieser Geschichte nicht berührt sind. Die Opfer- und Leidensgeschichte der europäischen Juden interessiert die meisten österreichischen Jungwähler genauso wenig wie die aktuelle Krebsstatistik – und darin unterscheiden sie sich in nichts von der überwiegenden Mehrheit der österreichischen Gesellschaft. Anderswo in Europa wird es ganz ähnlich sein.

 

Was dies zeigt? Aufklärung alleine – sofern man sich überhaupt um sie bemüht – reicht nicht. Aufklärung hat nämlich gerade im Kontext der Schoa ein unverzichtbares Pendant: Die Scham. Ohne eine entwickelte Kultur der Scham fehlt der Aufklärung die emotionale und moralische Verankerung. Ohne eine Kultur der Scham und ohne eine mit ihr einhergehende Kultur des Mitgefühls für das unschuldige Leiden, das Leiden der Unschuldigen, hängt jede Form der Aufklärung in der Luft – sie kann sich jederzeit verflüchtigen.

 

Die Schamlosigkeit der neu erstarkten Rechten mit ihren alten antisemitischen und xenophoben Mustern der Wahrnehmung von Welt und Wirklichkeit drückt sich nicht nur in der Leugnung des Holocausts oder in ihrem politischen Sprachgebrauch aus – «Wenn Sie so wollen, Millionen…» – diese Schamlosigkeit ist Teil eines Programms, das nur deswegen funktioniert, weil «nach Auschwitz» in den europäischen Gesellschaften verabsäumt wurde, eine Kultur der Scham und des Mitgefühls zu entwickeln. Jenes «Nie wieder» ist als Minimalkonsens unter geschichtsbewussten Demokraten eine Kopfgeburt geblieben, eine bloße Leistung des Intellekts, die ihre moralisch bindende und politisch verpflichtende Kraft leicht zu verlieren droht, wenn es etwa um den Nahostkonflikt und um das Existenzrecht Israels und seine Sicherheitsbedürfnisse geht. Der neue Antisemitismus im Gewand des linken wie rechten Antizionismus unserer Tage zeigt die Brüchigkeit dieses Minimalkonsenses.

 

Wo die Scham fehlt, dort läuft auch das Erinnern Gefahr, zur bloßen Inszenierung zu verkommen. An ritualisierten Erinnerungsübungen ist gerade das Jahr 2008 nicht arm gewesen – ob dieses Erinnern auch Ausdruck mitfühlenden Leidensgedächtnisses in der nicht-jüdischen Gesellschaft war, darf bezweifelt werden. Der Schweizer Psychoanalytiker Arno Gruen hat darauf aufmerksam gemacht, dass Scham die einzige Kraft ist, die festgefügten Fronten zwischen Opfern und Tätern aufzulösen. Scham als Ausdruck des Leids, auch jenes der Täter, macht erst jene notwendige Solidarität mit den Opfern möglich. In der Scham über gemeinsames Leid können einander Opfer und Täter begegnen. Scham ist die einzige Verbindung zwischen Opfern und Tätern. Arno Gruen: «Mit…Schuldentwicklung fühlen sich die meisten nur angegriffen, anstatt sich für etwas schämen zu können. Durch Scham aber kann ein gemeinsames Leiden empfunden und so eine Veränderung bewirkt werden. Dies ist die Scham, von der Primo Levi, der selbst als Häftling Auschwitz überlebt hatte, schrieb, dass er sie selbst fühlte, die Scham über Auschwitz, die Scham, die ein jeder Mensch darüber empfinden müsste, dass es Menschen waren, die Auschwitz erdacht und errichtet haben. Diese Art Scham bringt gemeinsames Leid, auch des Täters, zum Ausdruck.»

 

Die Zukunft der Gesellschaft hängt an ihrer Fähigkeit, dem Vergessen und dem Vergessen des Vergessens auf der Spur zu bleiben. Kulturelle Amnesie bedeutet – worauf der Fundamentaltheologe J. B. Metz eindringlich hingewiesen hat –, den Tod jeder Humanität, weil sie für die Leidensgeschichte der Menschheit blind und unempfindlich macht. 70 Jahre nach den Novemberpogromen wäre es gut, sich dessen bewusst zu werden…

 

Aber nicht nur die Politik, auch das europäische Christentum und die Kirchen vermögen nicht aus den unerlösten Schatten der Schoa zu treten. Vor mehr als 40 Jahren, 1965, hat das II. Vatikanische Konzil mit dem Konzilsdekret «Nostra Aetate» und der darin geforderten Rückbesinnung auf das gemeinsame Erbe mit dem Judentum einen programmatischen Schritt zur Versöhnung beider Religionen gesetzt. Aber über «ökumenische Höflichkeiten» und Absichtserklärungen zweier Päpste und zahlreicher Bischofskonferenzen und Kirchentage hinaus, wurde in der Sache selbst kein maßgeblicher Fortschritt erzielt. Der christlich- jüdische Dialog findet – wenn überhaupt – in theologischen Gelehrtenzirkeln statt, ohne dass davon das tradierte Selbstverständnis des Durchschnittschristen auch nur im Entferntesten berührt wird. Zuletzt sorgte die Fürbitte für die Erleuchtung der Juden im Rahmen der tridentinischen Karfreitagsliturgie, die Papst Benedikt XVI. 2008 zuließ, für weltweite Empörung unter Juden. Erinnert diese Fürbitte («Laßt uns auch beten für die Juden, auf dass Gott unser Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus als den Retter aller Menschen erkennen») doch an jenen überwunden geglaubten «christlichen Heilstriumphalismus». Sie kann überdies als Aufruf zur Judenmission verstanden werden.

 

Der christliche Antijudaismus ist ein multiresistenter Keim, dessen zerstörerisches Potenzial auch «nach Auschwitz» weiterwirkt. Auschwitz hat mehr mit der Identität des Christentums zu tun, als es die Christen wahrhaben wollen. Johann Baptist Metz mahnt in diesem Zusammenhang die Christen zu Recht: «Wir Christen kommen niemals mehr hinter Auschwitz zurück; über Auschwitz hinaus aber kommen wir, genau besehen, nicht mehr alleine, sondern nur noch mit den Opfern von Auschwitz. Das ist … der Preis für die Kontinuität des Christentums jenseits von Auschwitz.» Aber kann es überhaupt noch Kontinuität «nach Auschwitz» geben? Soll es sie überhaupt geben? Jene spirituelle Erneuerung Europas, zu der Papst Benedikt XVI. zuletzt beim Weltjugendtreffen in Sydney im Juli 2008 aufrief, kann nicht um den Preis des Vergessens und Verdrängens der Schoa gelingen, sondern nur im anhaltenden Widerschein der Leidensgeschichte der Opfer. Christliche Spiritualität «nach Auschwitz» kann, so gesehen, nur eine Spiritualität der Versöhnung mit den Juden sein oder sie wird nicht sein. Versöhnung – das ist die zentrale spirituelle und ökumenische Aufgabe für die christlichen Kirchen im 21.Jahrhundert. Was sonst? Die Christen haben nicht nochmals 2000 Jahre Zeit, ihr Verhältnis zu den Juden in Ordnung zu bringen…

 

Um zukunftsfähig zu sein, muss sich also das Christentum mehr als in den vergangenen Jahrzehnten seit dem II. Vatikanischen Konzil um diese Versöhnung bemühen. Diese Versöhnung kann aber nicht um den Preis der Vergessens und Verdrängens gelingen. Auch nicht um den Preis des Einebnens des unaufhebbaren moralischen Gefälles zwischen Opfern und Tätern. Das wäre der falsche und irreführende Weg eines solchen Versöhnungsprojekts. Vielmehr gilt: Auschwitz ist bleibendes Mahnmal dafür, dass sich das gesamte christliche Selbstverständnis umorientieren und mit Blick auf die von Christen verursachte und zu verantwortende Leidensgeschichte des jüdischen Volkes neu bestimmen muß. Was selbstverständlich klingt, ist es aber nicht. Um es deutlich zu sagen: Man kann nicht wahrhaft Christ sein wollen gegen das Judentum. Man kann auch nicht wahrhaft Christ sein wollen, indem man die jüdischen Voraussetzungen der Existenz in der religiösen Programmatik des Christentums tabuisiert. Man kann Christsein nur in lebendigem Dialog mit dem Judentum entfalten, im Bemühen um Gegenwärtigung des Geistes Israel, aus dem auch der gläubige Jude Jesus schöpfte.

 

Dieses Versöhnungswerk ist, will es nachhaltig sein, eine spirituelle Aufgabe, die die gesamte Glaubenspraxis jedes gläubigen Christen durchdringen muss. Nicht primär die Juden bedürfen nämlich dieser Versöhnung, sondern die Christen – für sie ist Versöhnung mit dem Judentum eine spirituelle Überlebensfrage. Elie Wiesel hat die für christliche Ohren unerhörte Wahrheit ausgesprochen: «Der nachdenkliche Christ weiß, dass in Auschwitz nicht das jüdische Volk gestorben ist, sondern das Christentum.» Versöhnung mit den Juden ist daher auch die einzige Chance für die Christen Europas, die Idee des Christentums selbst zu retten. Zugleich bedeutet Versöhnung nicht nur eine religiösspirituelle Aufgabe, sondern auch einen Akt der Psychohygiene, dessen die christliche Kollektiv- Seele dringend bedarf. Denn es geht auch um die Frage, wie die verdrängten Wunden, die Schuld und Mitschuld an den Verbrechen gegen das jüdische Volk hinterlassen haben, heilen können?

 

Auch hier gibt es nur eine zielführende Antwort: Nicht das inszenierte Erinnern oder jene sogenannte «Aufklärung» ist der Schlüssel diesen Heilungsprozess in Gang zu setzen, sondern nur die kollektive Scham über das im Namen des Christentums oder mit seiner Billigung und Rechtfertigung verübte Unrecht an den Juden durch die Geschichte hindurch bis in unsere Tage. So kann – psychoanalytisch gesehen – auch eine Reintegration des abgespaltenen, verdrängten jüdischen Anteils an der christlichen Kollektivseele möglich werden. Versöhnung mit den Juden bedeutet so gesehen also auch Versöhnung der Christen mit sich selbst. Darin hat Versöhnung auch ihre therapeutische Funktion. Unverzichtbare Voraussetzung dafür aber ist die Scham. Ohne eine Kultur der Scham können einander Opfer und Täter nicht versöhnlich begegnen und ohne Scham verkommt jedes Leidensgedächtnis zur bloßen äußerlichen und äußerlich bleibenden Inszenierung.

 

Es gibt zwei Arten des Vergessens: jene des Nicht-Erinnern-Wollens, des Verdrängens und des Realitätsverweigerns und jene des nur inszenierten Erinnerns. Beide sind unmoralische Alternativen. Weil in beiden Fällen der zentrale Sinn des Erinnerns verfehlt wird: Mitgefühl mit den Opfern und Scham darüber, was Menschen anderen Menschen an unvorstellbarem und unsagbarem Leid zufügen können…

Maximilian Gottschlich

(geb. 1948 in Wien) ist Professor am Institut für Publizistik-und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien.

Seine jüngstes Buch «Versöhnung. Spiritualität im Zeichen von Thora und Kreuz. Spurensuche eines Grenzgängers»

ist 2008 im Böhlau- Verlag erschienen

und kostet 29, 90 Euro

 

 

«Jüdische Zeitung», Januar 2009