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Dialog muss Begegnung bedeuten, nicht BekehrungDieter Graumann teilte Mitte Dezember gehörig aus: Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland warf der Kirche Ausladung vor und sprach gar von «Giftmischerei». Was war geschehen? Graumann bezog sich zum einen auf den Vorsitzenden der Weltkirche- Kommission der
Bischofskonferenz, den Bamberger Erzbischof Ludwig Schick, der sich zur unter anderem in der «Jüdischen Allgemeinen» zur Gleichzeitigkeit von Dialog und Mission bekannt hatte, zum anderen auf ein Schreiben der Priesterbruderschaft Sankt Pius X., an alle katholischen Diözesanbischöfe; darin erklären die Anhänger des verstorbenen exkommunizierten Erzbischofs Marcel Lefèbvre (1905–1991), dass die Juden unserer Tage «nicht nur nicht unsere älteren Brüder im Glauben» seien, wie Papst Johannes Paul II. 1986 betont hatte. «Sie sind vielmehr des Gottesmordes mitschuldig, solange sie sich nicht durch das Bekenntnis der Gottheit Christi und die Taufe von der Schuld ihrer Vorväter distanzieren.» Starker Tobak, aber auch eine Geisteshaltung einer schismatischen Splittergruppe, die
1970 aus Protest gegen die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils gegründet wurde und auch die Konzilsbeschlüsse zu den Themen Ökumene, Religionsfreiheit und Demokratie ablehnt. «Was von dieser Splittergruppe vertreten wird, hat nichts mit der klaren Sicht der katholischen Kirche zu tun», erklärte dazu der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke, der in der Deutschen Bischofskonferenz für den Interreligiösen Dialog zuständig ist. «Das Verhältnis der katholischen Kirche zu den Juden hat verlässliche Grundlagen, und die alten Vorurteile sind längst ausgeräumt.»
Umso schwerer wiegen die Worte von Erzbischof Schick, der Ende November in Frankfurt am Main der Öffentlichkeit mitteilte, dass die Deutsche Bischofskonferenz zum Abschluss des Paulusjahres ein «Institut Weltkirche und Mission » gründen wird. Auf Anfragen hin erklärte Schick, dass der Missionsauftrag Jesu nach dem Matthäusevangelium, «Geht hin in alle Welt […] und tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes», auch für die anderen Religionen gelte. Der Vorsitzende der Kommission Weltkirche antwortete, dass sich dieser Auftrag auch auf Juden, Muslime, Hindus und Buddhisten erstrecke: «Wir bieten das Evangelium allen Menschen an, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit», und fügte hinzu: «Jeder entscheidet sich aber frei, ob er dieses Angebot annimmt oder nicht.» Den weiteren Verlauf dieser Debatte beschreibt Erzbischof Schick in seinem Vortrag «Mission – darf das noch sein?» beim Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem am 8. Dezember dann selbst so: «Tags darauf rief mich die ‚Jüdische Allgemeine Zeitung’ an und fragte: ‚Wie zielorientiert richten sich die Missionsbemühungen an die Juden? Wie weit wird Proselytismus angestrebt? Wird die Mission den interreligiösen Dialog ersetzen?’ Ich habe geantwortet, dass jeder Proselytismus abgelehnt werde und bekundet, dass Mission heute bedeute, den Glauben „vorzulegen und nicht vorzuschreiben“, sie sei „Einladung und nicht Vorladung“. Diese Reaktion der Presse zeigt, dass Mission ein Reizwort und ein Reizthema ist. Der Begriff und die Sache sind durch die Geschichte sehr belastet. Wir müssen bei der Verwendung des Begriffs und bei Ansagen in der Sache größtes Fingerspitzengefühl walten lassen.»
Solch Fingerspitzengefühl tut Not in Anbetracht dessen, dass der christlich-jüdische Dialog infolge der neuen Karfreitagsfürbitte bereits sehr belastet ist. Es bleibt allerdings die Frage, zu welchem Gott die Juden denn eigentlich bekehrt werden sollten, wenn die Christen doch an denselben Gott Israels glauben, den Gott Jesu. Das besondere Anliegen von Papst Johannes Paul II., dessen Theologie offenbar in der Kirche mehr und mehr in den Hintergrund gerückt wird, war es, «den Dialog unter uns in Loyalität und Freundschaft sowie in der Achtung vor den inneren Überzeugungen der einen und der anderen zu vertiefen, indem wir die Elemente der Offenbarung, die wir als ‚großes geistiges Erbe’ gemeinsam haben, als wesentliche Grundlage nehmen.» Ob die Deutsche Bischofskonferenz mit Weihbischof Jaschke nun auch Schicks These, dass Mission Teil des Dialogs sei, widerspricht? Christen und Juden geben im Dialog Zeugnis von dem einen Gott. Dialog schließt aber die Einladung zum Übertritt aus, es sei denn, dass man dem Anderen Unzureichendheit unterstellt.
Für Erzbischof Schick hat es etwas Defizitäres, wenn Christen nicht mehr sagen, dass sie die Taufe auch für andere als erstrebenswertes Ziel betrachten. In der katholischen Zeitung «Die Tagespost» stellte er dies Anfang Dezember so dar: «Längst nicht mehr alle Christen erklären offen, dass sie neue Christen gewinnen und die, die uns verlorengegangen sind, zurückgewinnen wollen. […] Wenn man heute sagt, die Mission bestehe nicht darin, Christen zu werben und Menschen zum christlichen Glauben zu bekehren, sondern sie bestehe darin, dass die Muslime bessere Muslime werden, die Juden bessere Juden und die Agnostiker bessere Agnostiker, ist das ein Missionsverständnis, das vom Sendungsauftrag Jesu nicht gedeckt ist.» Bemerkenswert bleibt auch die Erläuterung Schicks gegenüber seinen Confratres und Consorores in Sachen Ritterorden: «Unser Ritterorden ist zwar nicht im Zusammenhang mit den Kreuzzügen gegründet worden, sondern erst danach. Aber er ist auch verwoben in die Geschichte der ‚Mission’ bezüglich der Juden und der Muslime. Unser Ordensziel heute ist, den katholischen Glauben im Heiligen Land präsent zu halten. Auch das hat etwas mit Mission zu tun.»
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