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Gründungsgeschichte und seine Studenten des Berliner RabbinerseminarsAls der junge Chaim Nachman Bialik in Odessa Deutsch und Russisch studierte, da träumte er davon, sich am Hildesheimerschen Rabbinerseminar in Berlin einzuschreiben – Indiz dafür, wie populär dieses «Rabbinerseminar für das
orthodoxe Judentum in Berlin» (ab 1880 «Rabbiner-Seminar zu Berlin») war, das 1873 unter der Leitung von Rabbiner Esriel Hildesheimer (1820- 1899) quasi als Gegengründung zum konservativen Breslauer Jüdisch-Theologischen Seminar und zur liberalen Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums eröffnet worden. Selbsterklärtes Ziel dieses «Zentrums einer modern-orthodoxen Intelligenz» war die «Rettung des thoratreuen Juden- thums in Deutschland». Bis zu seinem Tode amtierte Hildesheimer hier als Rektor. In dem Programm des Seminars verband sich die Einsicht in die Unumkehrbarkeit des Emanzipationsprozesses mit dem Bestreben, den Ab- solventen die Werte des halachisch geprägten traditionellen Judentums zu vermitteln; Hildesheimer begriff das Konzept «tora im derech eretz» dabei anders als Samson Raphael Hirsch nicht als Miteinander, sondern als nebeneinander von Tradition und Wissenschaft. Sein Lehrplan, der auf dem Ausbildungskonzept von seiner 1857 als «öffentlicher Rabbinats-Schule» staatlich anerkannten Jeschiwa in Eisenstadt basierte, umfasste neben den Inhalten der traditionellen Rabbinerausbildung auch Studien auf den Gebieten der jüdischen Geschichte, der hebräischen Grammatik und Philologie, der Religionsphilosophie, Homiletik und Exegese; dabei galt es ständig, sich vom Breslauer Seminar und der dort begründeten positivhistorischen Strömung innerhalb des deutschen Judentums abzugrenzen. Abstand zum vorherr- schenden liberalen Judentum verstand sich für Hildesheimer und seine Schüler, die ihn nur «den Rebben» nannten, von selbst; Hildesheimer gründete 1897 die «Vereinigung traditionell-gesetzestreuer Rabbiner» und erklärte die Auto- risation des Rabbinerdiploms für null und nichtig, falls der Empfänger des Diploms eine Rabbinerstelle in einer Orgeloder Reformsynagoge annehmen sollte.
Gut 600 Studenten besuchten über die Jahre hinweg das Hildesheimersche Rabbinerseminar, das am 10.11. 1938 durch die Nationalsozialisten zur Schließung gezwungen wurde. Einem Enkel Hildesheimers, dem 1998 in Jerusalem verstorbenen Historiker Erich Hildesheimer, ist es zu verdanken, dass das Leo-Baeck-Institut in Jerusalem 1996 ein erstes hebräischsprachiges Verzeichnis der Studenten samt biographischer und bibliographischer Angaben veröffentlichen konnte; dieses Verzeichnis erschien 2001 in einer von Mordechai Eliav verbesserten und erweiterten zweiten Auflage und liegt seit letztem Herbst nun endlich auch auf Deutsch vor, ergänzt um einen Beitrag zur Gründungsgeschichte des Rabbinerseminars, eine Auflistung seiner Do- zenten und die Ansprache, die Joseph Wohlgemuth 1923 zum 50jährigen Bestehen des Seminares hielt. Das Buch lässt zwangsläufig manche Fragen offen; unerwähnt bleibt etwa, dass Rabbiner Meir Hildesheimer 1934 ver- suchte, das Berliner Seminar nach Palästina zu transferieren – ein Plan, der am Widerstand des dortigen Oberrabbiners Abraham Isaak Hakohen Kook scheiterte, so dass lediglich Bibliotheksbestände nach Tel Aviv gelangten. Und auch wenn sich dieser Band nicht am aufwändigen, mehrteiligen Biograph- ischen Handbuch der Rabbiner messen kann: es lohnt sich, in ihm wie in einem Lesebuch zu blättern und sich ein Milieu zu vergegenwärtigen, das heute in Deutschland in Vergessenheit geraten ist: traditionsbewusst und aufgeklärt zugleich. Viele biographische Einträge machen neugierig: Was etwa hatte es mit der orthodoxen Synagoge an der Potsdamer Brücke in Berlin auf sich? Daneben tut sich eine Vielzahl eher unbekannter Zusammenhänge auf. Bei dem Porträt von Esriel Hildesheimer auf dem Buchtitel etwa handelt es sich um eine posthume Lithografie, die Hermann Struck um 1920 nach einem Foto des Rebben schuf; Struck aber war ein Neffe von Rabbiner Abraham Berliner, Professor am Berliner Rabbinerseminar und sein späterer Direktor. Manche Familienbande reichen bis in unsere Gegenwart. Dass etwa die schwedische Botschafterin in Berlin, Ruth Jacoby, kürzlich zur Buchpräsentation in ihre Residenz lud, hat mit ihrem Großvater zu tun: Max Moses Friediger studierte bis zu seiner Rabbinerordination 1908/09 in Berlin.
Im Einführungstext von Mordechai Eliav hätten auch noch die gut 20 Studenten Erwähnung finden dürfen, die Esriel Hildesheimer 1869 bei seinem Wechsel von Eisenstadt nach Berlin folgten und bei ihm am Berliner Beth Hamidrasch lernten, aus dem dann das Hildesheimersche Rabbinerseminar hervorging. Zu ihnen gehörte Rabbiner Henry W. (Pinchas Ha Levi) Schnee- berger (1848 – 1916), der erste in Nordamerika geborene orthodoxe Rabbiner mit Universitätsbildung in den USA. Zu den kleinen Fehlern, die einem in Auge springen, gehört beispielsweise das Sterbedatum von Pinchas Paul Biberfeld, der noch von 1984 an für zehn Jahre als Rabbiner der Münchner Kultus- gemeinde tätig war und nicht 1998 in München starb, sondern am 23. Januar 1999 in London. Kurzum, dieser deutschsprachigen Ausgabe, die mit Unter- stützung des Bundesministeriums des Inneren veröffentlicht werden konnte, sind noch viele weitere Leser zu wünschen, die die Einträge aus ihrer eigenen Familiengeschichte oder wissenschaftlicher Arbeit heraus vervollständigen oder korrigieren können. Das Buch ist in jedem Fall eine Fundgrube für Historiker, Judaisten und interessierte Laien und als Nachschlagewerk unbedingt empfehlenswert.
Mordechai Eliav/Esriel Hildesheimer: Das Berliner Rabbinerseminar 1873–1938 Seine Gründungsgeschichte, seine Studenten Herausgegeben von Chana Schütz und Hermann Simon Teetz, Berlin: Hentrich & Hentrich 2008 Schriftenreihe des Centrum Judaicum 5. Band 302 Seiten, 32 Euro
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