"Hier hören sie das Schweigen des Papstes"

 

Der Vatikan bemüht sich mit einer Ausstellung um die Ehrenrettung von Pius XII.

Die Judenpogrome 1933 und 1938 geschahen in aller Öffentlichkeit », schrieb Konrad Adenauer in Februar 1946. «Ich glaube, dass, wenn die Bischöfe alle

Plakat des Berliner Ensembles (2001) Foto: dpa

miteinander an einem bestimmten Tage öffentlich von den Kanzeln aus dagegen Stellung genommen hätten, sie vieles hätten verhüten können. Das ist nicht geschehen, und dafür gibt es keine Entschuldigung. Wenn die Bischöfe dadurch ins Gefängnis oder ins Konzentrationslager gekommen wären, so wäre das keine Schande, im Gegenteil. Alles das ist nicht geschehen und darum schweigt man am besten. » Tatsächlich war die Kirche sich oft selbst am nächsten. So lehnte Kardinal Faulhaber es 1933 ab, die Judenboykotte zu verurteilen: «Für die kirchlichen Oberbehörden bestehen weit wichtigere Gegenwartsfragen; denn Schule, der Weiterbestand der katholischen Vereine, Sterilisierung sind für das Christentum in unserer Heimat noch wichtiger, zumal man annehmen darf, und zum Teil schon erlebte, dass die Juden sich selber helfen können, dass wir also keinen Grund haben, der Regierung einen Grund zu geben, um die Judenhetze in eine Jesuitenhetze umzubiegen. Ich bekomme von verschiedenen Seiten die Anfrage, warum die Kirche nichts gegen die Judenverfolgung tue. Ich bin darüber befremdet; denn bei einer Hetze gegen die Katholiken oder gegen den Bischof hat kein Mensch gefragt, was man gegen diese Hetze tun könne.»

 

«Der Papst, der schwieg», das ist das Bild von Pius XII., das seit Rolf Hochhuths Drama «Der Stellvertreter» von 1963 die öffentliche Wahrnehmung prägt. In dem Stück heißt es über die Deportation römischer Juden plakativ: «Ein Stellvertreter Christi, der das vor Augen hat und dennoch schweigt, ein solcher Papst ist ein Verbrecher». Ernst Ludwig Ehrlich, der als jüdischer Berater von Kardinal Bea 1965 Anteil an der Konzilserklärung «Nostra aetate» hatte, befand weniger aufgeregt: «Der Vatikan hat sich vor und nach Kriegsausbruch für die Juden so wenig interessiert wie das Internationale Komitee vom Roten Kreuz. Dem Schicksal der Juden gegenüber herrschte eine gewisse Gleichgültigkeit. Der eigentliche Feind war nicht der Nazismus, sondern der Bolschewismus.»

 

Papst Benedikt XVI. sieht das anders. Nur ein Papst, der «schweigend» handelte, habe im Zweiten Weltkrieg Juden retten können. Ein Beispiel für diese stille Diplomatie ist etwa Pius’ Bemerkung vom Mai 1940: «Sie [die Italiener] kennen genau und vollständig die fürchterlichen Dinge, die in Polen geschehen. Wir müssten feurige Proteste dagegen erheben, und das einzige, was Uns davon abhält, ist das Wissen, dass Unser Sprechen den Zustand dieser Unglücklichen nur noch verschlimmern würde». Benedikt XVI. sprach sich 2008 im Zusammenhang mit der beabsichtigten Seligsprechung von Pius XII. dafür aus, dessen zahlreichen Interventionen «zugunsten von Juden» zu untersuchen. Er wünschte sich ausdrücklich, dass die Defizite in der historischen Darstellung seines Vorgängers ausgeglichen und einige Dinge ins rechte Licht gerückt werden. Es gelte, «die geschichtliche Wahrheit zu erkennen und jedes verbleibende Vorurteil zu überwinden». Ein Resultat dieser Erkenntnisprozesses ist die Ausstellung «Opus Iustitiae Pax. Eugenio Pacelli – Papst Pius XII.», die auf Wunsch des heutigen Papstes zum 50. Todestag von Eugenio Pacelli in Rom organisiert worden war und bis zum 7. März in Berlin zu sehen ist, und zwar im Neuen Flügel des Schlosses Charlottenburg.

 

Dem Päpstlichen Komitee für Geschichtswissenschaften geht es darum, das Andenken an den 1958 verstorbenen Papst Pius XII. von den Vorurteilen einer polemisch geführten Debatte zu befreien. Die Ausstellung soll den Menschen

Pacellis Abreise nach Rom (Dezember 1929). Foto Katalog, mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Eugenio Pacelli würdigen, die Idealgestalt eines asketischen Intellektuellen, und sie tut dies mit allerlei Memorabilia einschließlich der päpstlichen Tiara. Und doch erinnert das Ganze an eine Werbeveranstaltung, insbesondere dann, wenn es im siebten Ausstellungsteil reißerisch heißt: «Hier hören Sie das Schweigen des Papstes». Den Wortlaut seiner Weihnachtsansprache von 1942 an der Wand, davor seine Bronzebüste vor einem Mikrophon, ertönt die metallene Stimme von Pius XII. Auch wenn Pius XII. sich 1942 auf den Mord an den europäischen Juden bezogen haben wird, als er sagte: «Dieses Gelöbnis schuldet die Menschheit den Hunderttausenden, die persönlich schuldlos bisweilen nur um ihrer Volkszugehörigkeit oder Abstammung willen dem Tode geweiht oder fortschreitender Verelendung preisgegeben sind», so kommt ihm das Wort «Juden» dabei nicht über die Lippen; die Wirkung wird zudem durch zahlreiche Relativierungen wieder abgeschwächt. Vom damaligen britischen Gesandten beim Heiligen Stuhl, Sir Osborne, ist überliefert, dass «eine solch umfassende Verurteilung, die ebenso gut das Bombardement deutscher Städte gemeint haben könnte, nicht dem entspricht, was die englische Regierung erbeten hat.» Anstelle der Weihnachtsansprache wäre das Testament von Pius XII. der wohl angemessenere Schlusspunkt der Ausstellung. Darin heißt es: «Sei mir gnädig, o Herr, nach deiner großen Barmherzigkeit. Die Vergegenwärtigung der Mängel und Fehler, die während eines so langen Pontifikates und in solch schwerer Zeit begangen wurden, hat mir meine Unzulänglichkeit klar vor Augen geführt».

 

Der gut 230 Seiten starke Katalog

«Opis Iustitiae Pax. Eugenio Pacelli – Pius XII

(1876-1958), der im Verlag

Schnell + Steiner erschienen ist

kostet an der Kasse 24,90 Euro

Hartmut Bomhoff

«Jüdische Zeitung», Februar 2009