Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Benedikt XVI. im Zwielicht
Die Annäherung an die Traditionalisten stellt den Dialog mit den Juden in Frage
Ungeachtet jüdischer Proteste hat Papst Benedikt XVI. im Januar einen ehemaligen Bischof rehabilitiert, der den Holocaust leugnet. Der Papst hob mit
einem Dekret die Exkommunizierung von vier katholischen Bischöfen aus dem Jahr 1988 auf, die ohne Zustimmung des Vatikans geweiht worden waren. Unter den Mitgliedern der Piusbruderschaft ist auch der Brite Richard Williamson, der wiederholt das volle Ausmaß des Völkermords an den Juden während des Nationalsozialismus leugnete. Er sagte noch im Januar im schwedischen Fernsehen: «Ich glaube, dass es keine Gaskammern gegeben hat», und behauptete, in den deutschen Konzentrationslagern seien nicht etwa sechs Millionen Juden getötet worden, sondern lediglich bis zu 300.000. Um eine Panne des Vatikans, wie es beschwichtigend heißt, kann es sich bei dieser Rehabilitation kaum gehandelt haben. Benedikt XVI. ist den
ultrakonservativen Anhängern von Erzbischofs Marcel Lefebvre schon mehrfach entgegengekommen. Im August 2005, vier Monate nach Beginn seines Pontifikats, empfing er den Generaloberen der Piusbruderschaft, Bernard Fellay, in Privataudienz und äußerte mit ihm zusammen den «Wunsch, schrittweise und in vernünftigen Zeiträumen zur vollen Einheit zu gelangen». «Ich glaube, dass es mit dem neuen Papst Fortschritte gibt», sagte der Schweizer Fellay damals in einem französischen Zeitschrifteninterview. «Ich glaube wirklich, dass es bei Benedikt XVI. den Willen gibt, einige Entwicklungen des Konzils zu bremsen.» Die weltweite aktive Piusbruderschaft lehnt große Teile des vom Zweiten Vatikanischen Konzil beschlossenen Kirchenreformen ab. Dazu gehört auch die epochale Erklärung «Nostra aetate» über das Verhältnis der römisch-katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen von 1965. Als erstes bedeutendes Zugeständnis Benedikts an die Piusbruderschaft wird die allgemeine Wiederzulassung der alten Tridentinischen Messe im Juli 2007 gewertet. Sie darf jetzt als «außerordentlicher Ritus» ohne Sondergenehmigung gefeiert werden - was den Traditionalisten allerdings nicht reicht. Die Annäherung zwischen Vatikan und Piusbruderschaft ist inzwischen so weit gediehen, dass Bernard Fellay dazu im Oktober 2008 schreiben konnte: «Es handelt sich um reine Diplomatie, es geht nicht mehr um Grundsatzfragen.» Inzwischen hat auch ein italienischer Vertreter der Piusbruderschaft in Frage gestellt, dass die Gaskammern der Nationalsozialisten der Judenvernichtung dienten. «Ich weiß, dass die Gaskammern zur Desinfektion benutzt wurden», sagte der Leiter der Bruderschaft im italienischen Nordosten, Don Floriano Abrahamowicz. Er wisse hingegen nicht, ob darin getötet worden sei.
Bischofskonferenz beschwichtigtIm vergangenen Dezember hatte Pater Franz Schmidberger sich in einem offenen Brief an alle deutschen Diözesanbischöfe gewandt. Darin heiß es unter anderem, dass die Juden unserer Tage «nicht nur nicht unsere älteren Brüder im Glauben» seien, wie Papst Johannes Paul II. 1986 betont hatte. «Sie sind vielmehr des Gottesmordes mitschuldig, solange sie sich nicht durch das Bekenntnis der Gottheit Christi und die Taufe von der Schuld ihrer Vorväter distanzieren.» Auf den entschiedenen Protest des Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, gab es nur beschwichtigende Worte. Der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke, der in der Deutschen Bischofskonferenz für den Interreligiösen Dialog zuständig ist, erklärte: «Was von dieser Splittergruppe vertreten wird, hat nichts mit der klaren Sicht der katholischen Kirche zu tun. Das Verhältnis der katholischen Kirche zu den Juden hat verlässliche Grundlagen, und die alten Vorurteile sind längst ausgeräumt.» Nichts als Augenwischerei? «In seinem Bemühen um die Überwindung des Skandals kirchlicher Spaltung und um die Einheit der Kirche und in der Kirche unterstützen wir den Papst», heißt es inzwischen in einer Stellungnahme des Vorsitzenden der Unterkommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Heinrich Mussinghoff.
Knobloch kündigt erneut Dialog aufDie Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, hat den Dialog mit der Kirche vorerst abgebrochen. Sie ziehe damit die Konsequenzen aus dem Eklat um die Holocaust- Äußerungen des Traditionalistenbischofs Richard Williamson, sagte sie gegenüber der «Rheinischen Post»: «Unter solchen Voraussetzungen wird es zwischen mir und der Kirche momentan sicher kein Gespräch geben, ich unterstreiche das Wort „momentan“. Ich wünsche mir einen Aufschrei in der Kirche gegen ein solches Vorgehen des Papstes». Der Schritt wirft einige Fragen auf, hat doch Knobloch den Dialog doch bereits im März 2008 aufgekündigt: Nach der von Papst Benedikt XVI. veränderten Fassung der Karfreitagsfürbitte verlangte sie damals eine Rücknahme der diskriminierenden Passagen und machte davon die Wiederaufnahme des Dialogs mit der katholischen Kirche abhängig. Mit Blick auf die Formulierung «Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott, unser Herr, ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus als den Retter aller Menschen erkennen […]», die als indirekten Aufruf zur Judenmissionierung verstanden wird, erklärte sie letztes Jahr: «Gerade diesem deutschen Papst […] hätte ich zugemutet, dass er aufgrund seines Alters das Diskriminieren des Judentums, die Ausgrenzung des Judentums kennengelernt hat.» Ist Knoblochs erneuter Rückzug also Inkonsequenz? Oder gab es zwischenzeitlich eine Annäherung zwischen Zentralrat und katholischer Kirche? Immerhin hat jetzt die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschlands (ORD), die ebenso wie die Allgemeine Rabbinerkonferenz (ARK) eine berufenere Gesprächspartnerin im interreligiösen Dialog sein dürfte, deutlich Stellung bezogen. Der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, ORD-Vorstandsbeirat Julian-Chaim Soussan, sagte, ein Dialog mit Vertretern des Vatikans sei unter den gegebenen Umständen derzeit nicht möglich. Ob Soussan sich konsequenterweise auch aus dem Gesprächskreis Juden und Christen beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken zurückziehen wird, machte er nicht deutlich. Der Präsident des Zentralkomitees, Stefan Vesper, kritisierte unterdessen Charlotte Knobloch: «Ich bin enttäuscht, dass der Dialog seitens des Zentralrats mit der katholischen Kirche abgebrochen werden soll. Ich finde das im Grunde nicht angemessen.»
Der Vorsitzendes der Deutschen Bischofskonferenz, Zollitsch, meint zwar, die Enttäuschung von Knobloch zu verstehen, begnügt sich selbst aber mit Platitüden: «Ich verstehe die Enttäuschung von Charlotte Knobloch. Doch ich persönlich bin von meiner Geschichte her ein Mensch, der prinzipiell nie Brücken abbricht. Ich versuche vielmehr neue Brücken zu bauen. Deshalb werde ich von meiner Seite versuchen, Brücken zu bauen.» Klarere Worte findet hingegen Karl-Josef Kuschel, Professor für Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen. Sein Resüme: «Benedikt XVI. bedient die Klientel am äußersten rechten Rand der Kirche. Andere, die auf entschiedene Reformen im Geiste des Konzils pochen, lässt der „links liegen“. Fahrlässig, weil Benedikt XVI. seine Glaubwürdigkeit als ehrlicher Dialog-Partner gerade gegenüber dem Judentum unnötig aufs Spiel gesetzt hat. Ein Papst, der Traditionalisten rehabilitiert, die nach wie vor Religions- und Gewissensfreiheit leugnen, Ökumenismus und Religionsdialog als unkatholisch verwerfen, hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Er steht im Zwielicht.» |