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Das Felix- Nussbaum- Haus in Osnabrück zeigt jüdische Wege durch die Moderne auf
Juden haben in allen Zeitaltern Bilder geschaffen und verbreitet. Die Vorstellung, wonach das Bild und die visuelle Kunst in der Kultur des Judentums nahezu vollkommen fehlten oder aber bekämpft worden wären, ist ein falsches Stereotyp. Warum es dieses Stereotyp gab und immer noch gibt, ist eine ebenso interessante wie komplexe Frage. Allein die hebräische Schrift besitzt ein großes ästhetisches und ornamentales Potential; Jacques Picard hat in diesem Zusammenhang im Jahr 2002 darauf verwiesen, dass auch die biblischen und nachbiblischen Texte voller anthropomorpher Sprachbilder sind, wie es etwa die Rede von der Hand oder noch öfter den Füßen Gottes als körperhafte Symbolisierung zeigt. Rabiner Leo Baeck, so Picard, stellte um 1900 gegen alle ontologische Versuchung klar, dass das Bildverbot sich ausschließlich auf Jenseitiges, auf den «Materialismus des Jenseits und des Kommenden» beziehe. Das oft vorgebrachte Argument einer angeblich fundamentalen «Bilderlosigkeit, ja Bilderfeindlichkeit des Judentums» ist ein seit dem 19. Jahrhundert herumgeisterndes Diktum. Das Idolatrieverbot darf aber nicht mit einem kunstfeindlichen Bilderverbot im Judentum verwechselt werden. Auch die Frage, ob es denn überhaupt eine jüdische Kunst gebe, ist ein Relikt des 19. Jahrhunderts, in dem Herablassung mitschwingt, weil den Juden damals keine schöpferische Kraft zugetraut wurde.
Das von Daniel Libeskind entworfene Felix- Nussbaum-Haus Osnabrück feierte 2008 sein zehnjähriges Jubiläum und präsentiert zu diesem besonderen Anlass noch bis zum 19. April die außergewöhnliche Ausstellung «Die verborgene Spur. Jüdische Wege durch die Moderne » Gezeigt werden hochkarätigen Leihgaben aus bedeutenden Museen Europas und der USA. Welche Spur haben jüdische Künstler in der Kunstgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts hinterlassen? Und wie lässt sich diese Spur entdecken? Das Ausstellungskonzept greift die Erfahrung der jüdischen Diaspora auf, die sich in der gesamten jüdischen Kultur bis heute in zahlreichen Zeugnissen niedergeschlagen hat. Ausgewählte Bilder Felix Nussbaums, die in der Ausstellung mit etwa 100 Exponaten nationaler und internationaler Künstler in Beziehung gesetzt werden, machen dabei in Verbindung mit der besonderen Architektur des Felix-Nussbaum- Hauses neue Zusammenhänge deutlich. Dabei wird den Einflüssen, Wechselwirkungen, Brüchen und Wendungen jüdischer Wege über die Schtetl-Kultur und Exilerfahrungen bis hin zur Neufindung nach 1945 nachgegangen. Während des Rundgangs durch die labyrinthischen Räume des Museumsbaus soll der Betrachter so für das Phänomen der Diaspora sensibilisiert und mit dem vielschichtigen Verständnis des «Ortes» im Judentum in Berührung gebracht. Von zentraler Bedeutung ist hierbei der Begriff «„Makom» (hebräisch für «Ort, Gebiet»), der sowohl die Vorstellung eines genuin topografischen als auch eines abstrakten, spirituellen Ortes bezeichnet.
Die Sichtbarmachung des Wirkens jüdischer Kultur auf die Entwicklung des Kunstschaffens wird durch die Beteiligung bedeutender Künstler sowohl jüdischer als auch nichtjüdischer Herkunft vielseitig erhellt. Mit Gemälden und Grafiken, Rauminstallationen und Videoarbeiten präsentiert die Schau eine große Bandbreite künstlerischer Positionen, die von Marc Chagall und Amedeo Modigliani bis hin zu William Kentridge und Yael Bartana reichen. Fragen zur Beziehung der jüdischen Tradition zur Schrift, ihr Verhältnis zum Bild, die Gottesvorstellung sowie das Spannungsfeld zwischen Rationalität und Mystik im Kontext aktueller Kulturvorstellungen gehören entsprechend zu den Schwerpunkten, die in der Ausstellung und dem begleitenden Katalog zur Diskussion gestellt werden.
Ausstellung und Katalog setzten mit dem Tryptichon «History of Matza – The Story of the Jews» einen ersten Akzent zum Verständnis jüdischer Kunst in
der Moderne. Larry Rivers, Maler aus New York, fasst in dieser Riesencollage die jüdische Geschichte in der Diaspora zusammen, und dies anschaulich detailverliebt; so zitiert Rivers Michelangelos David, der hier aber beschnitten ist. Die Ausstellung nimmt ihren Anfang in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als die Kunst insbesondere in den europäischen Metropolen eine Blütezeit erlebte. Viele Künstler und Intellektuelle jüdischer Herkunft wurden zu Protagonisten dieser dynamischen Entwicklung, brachen Traditionen auf und machten sich daran, das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft neu zu formulieren. Die jüdischen Künstler der École de Paris, allen voran Marc Chagall und Chaim Soutine, gehören längst zur klassischen Moderne, und Künstler, die aus Europa nach Palästina einwanderten und 1906 in Jerusalem die Bezalel-Kunstakademie begründeten, legten so den Grundstein für die heutige Kunstszene Israels. Jüdische Künstler waren an nahezu allen neuzeitlichen Kunstströmungen maßgeblich beteiligt, seien es nun Art Deco und Bauhaus, Kubismus, Expressionismus und Impressionismus oder auch Minimalismus, Surrealismus und die Wiener Schule des phantastischen Realismus. Aus dieser Vielfalt folgt auch die Erkenntnis, dass es einen einheitlichen jüdischen künstlerischen Stil nicht geben kann, ebenso wenig wie ein christlicher, muslimischer oder etwa deutscher Kunststil existiert.
In der neuen Umgebung hielten die jüdischen Künstler der Pariser Schule schon wegen der gemeinsamen Kultur untereinander engen Kontakt, doch in der Mehrzahl bleiben sie künstlerisch Individualisten. Während Chagall das russisch-jüdische Leben in seiner Kunst feiert und die mystische Welt des Chassidismus in surrealistischen Bildkombinationen aufleben lässt, wendet sich Soutine von jüdischen Traditionen ab, die nur noch als einzelne Spuren in seinem Werk sichtbar bleiben. Leitfiguren des sowjetischen Konstruktivismus wie El Lissitzky definieren ihre künstlerischen Positionen vor dem Hintergrund eines orthodoxen Mystizismus und verklären gleichzeitig den Beginn eines neuen technischen Zeitalters. Im ständigen Austausch der kulturellen Zentren der 20er Jahre – Moskau, Berlin und Paris – ersinnen.
Die von Martin Buber proklamierte «jüdische Renaissance» findet in Deutschland wesentlich in Berlin statt und ist durch die zionistische Bewegung motiviert. Die Künstler suchen um die Jahrhundertwende Ansätze, traditionelle jüdische Themen in moderner Formensprache zum Ausdruck zu bringen, mit dem Ziel, der jüdischen Überlieferung eine gleichberechtigte Stimme in einem vielstimmigen, global ausgerichteten Kulturkonzept zu verschaffen. Hierzu zählen dem Expressionismus nahestehende Künstler wie Ludwig Meidner aber auch die Künstler der Jerusalemer Bezalel-Schule. Künstler wie Max Liebermann oder Felix Nussbaum entwickeln sich hingegen aus einem säkularisierten Verständnis jüdischer Traditionen. Felix Nussbaum stellt sich 1931 als Maler im Atelier dem Identitätskonflikt zwischen orthodoxem Judentum und moderner Malerei. Max Liebermann, der für seine impressionistische Genremalerei bekannt ist, beschäftigte sich unter anderem mit dem jüdischen Leben in Amsterdam. In seinem »Selbstbildnis« von 1926 stellt sich der aus Polen stammende Maler Jankel Adler (1895–1949) als ein aus verschiedenen Elementen zusammengesetztes Wesen dar. Das Bild entstand in Deutschland und kann als eine programmatische Verortung des Künstlers zwischen der traditionellen, jüdischen Kultur einerseits und der europäischen Avantgarde andererseits gelesen werden. In seinem Werk vereinigt Adler jüdisch-chassidische Inhalte mit avantgardistischen Formexperimenten. Geboren in einem Ort, in dem Polen und Deutsche, Christen und Juden zusammen lebten, nahm Adler schon früh die unterschiedlichen Kulturen wahr und auf und entwickelter in der Verbindung unterschiedlicher Traditionen seinen unverwechselbaren Stil. Oft spricht die jüdische Herkunft der Künstler aber erst auf den zweiten Blick aus ihren Werken, beispielsweise im Falle von Man Ray, der 1890 als Emmanuel Radnitsky in Philadelphia als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer geboren wurde. In seinen Bildern «Das Rätsel des Isidor Ducasse» und «Rue Fйrou» wird die Last seiner jüdischen Herkunft als die verschnürte Nähmaschine seines Vaters durch das Leben geschleppt.
Schon in den 1920er Jahren bezogen gerade jüdische Künstler Positionen gegen Krieg, Gewalt und jegliche soziale Ausgrenzung, indem sie eine kritische, politisch engagierte Kunst schufen. Die «Machtergreifung» der Nationalsozialisten setzte dieser Kultur 1933 ein jähes Ende und diffamiert die Avantgarde als «entartet». In den Werken vieler Künstler und Schriftsteller wird Angst vor Verfolgung und Vertreibung zum Thema. Künstler und Schriftsteller brachten ihre Furcht vor Erniedrigung und Vertreibung ebenso zum Ausdruck wie ihre Vorahnung kommender Schrecken. Sie suchten eine neue Bildsprache, die ihrer jüdischen Identität Ausdruck verlieh. Während zum Beispiel Ludwig Meidner auf seine apokalyptischen Landschaften Prophetendarstellungen folgen lässt, erweitert Marc Chagall das Spektrum jüdischer Symbole um das Motiv der Kreuzigung: Jesus wird Teil der jüdischen Passion. Felix Nussbaum stellt sich im «Selbstbildnis mit Judenpass» dar und überliefert ein Zeugnis seiner Identität angesichts existentieller Bedrohung. In ähnlicher, wenn auch nicht vergleichbarer Weise litten jüdische Künstler in der Sowjetunion unter Stalin: »Meine Bilder wurden heftig kritisiert. Meine Arbeit wurde nicht akzeptiert«, schrieb etwa Solomon Nikritin 1954 sinngemäß an Nikita Chruschtschow.
Nach 1945 entwickeln vor allem die New York School und die London School neue Bildsprachen, wobei von immigrierten Künstlern wichtige Impulse ausgingen. In den 1940er Jahren begründen zum Beispiel Barnett Newman und Mark Rothko den abstrakten Expressionismus als Gegenentwurf zur europäischen Malerei. In der Ausdehnung des Farbfeldes bestimmt sich die Malerei als sakraler Raum und fordert eine nahezu andächtige Aufmerksamkeit des Betrachters heraus. Dies hat sich zuletzt in der Rothko-Ausstellung der Hamburger Kunsthalle bewiesen: Angesichts der visuellen Kraft wurde höchstens geflüstert, andächtig und ehrfürchtig. Rothko selbst konnte es nicht ertragen, dass man im Schatten seiner so emphatisch aufgeladenen Werke Austern schlürfte, Champagner trank und dazu Belangloses plauderte. Als sein Galerist 1962 eine Pop-Art-Ausstellung veranstaltete, trennte der Künstler sich sofort von ihm. Er wollte mit den modischen Spielereien und erst recht den ironischen Brechungen dieser Kunstrichtung nichts zu tun haben.
In London wandten sich Künstler wie R.B. Kitaj, Leon Kossoff, Lucian Freud und Frank Auerbach erneut einer figurativen Malerei zu, die sie gleichsam aus der «menschlichen Asche» heraus schufen, wie es in den Informationen zur Austellung heißt. Kitaj formuliert 1988 das Konzept einer «diasporistischen Malerei». Seiner Malerei liegt die jüdische Tradition zugrunde, biblische Texte immerwährend zu interpretieren und weiterzuentwickeln. Die Schoa ist bis heute in Werken jüdischer und nichtjüdischer Künstler präsent. Die Erfahrung der Schoa ist in der zeitgenössischen Kunst allgegenwärtig, etwa in der Installation «Shalechet – Gefallene Blätter» von Menashe Kadishman , die der niederländische Gastkurator von «Die verborgene Spur», Rabbiner Edward van Voolen, so deutet: «Die Toten gehören der Vergangenheit an und sind zugleich Teil der Gegenwart und sie zwingen uns, entweder stumme Stimmen aus dem Jenseits zu sein oder Menschen, die hörbar nach einer humaneren Welt rufen.» Aus der Erfahrung der Katastrophe heraus ergibt sich für viele zeitgenössische jüdische Künstler ein universalistischer, prophetischer Traum von Frieden und Gerechtigkeit.
Unterschiedliche Formen der Erinnerung an jüdisches Leben und ein durch die Schoa geprägtes kulturelles Gedächtnis stehen auch in Osnabrück im Fokus. Es sind Spurenaufnahmen, die in der Ausstellung, unter anderem durch Christian Boltanski oder Rebecca Horn, repräsentiert werden. Der Bogen, der über die Last der Erinnerung zu Themen globaler Erfahrung angesichts weltweiter Krisen reicht, führt in die Kunst der Gegenwart. Immer mehr Menschen bewegen sich zwischen unterschiedlichen kulturellen Kontexten. Für die Kunst bedeutet diese Situation eine intensive Verflechtung verschiedener kultureller Ausdrucksformen.
Der Begriff «Transit», ursprünglich im Kontext jüdischer Identität der Weg ins Exil, bezeichnet heute eine globalen Erfahrung. Die Hebräische Bibel als tragbares Heiligtum, als Heinrich Heines «portatives Vaterland» und als Grundlage vielseitigen und kombinatorischen Denkens hat in der Gegenwartskunst zum Beispiel in Werken von Dani Karavan, Michael Sgan-Cohen oder William Kentridge ihren Niederschlag gefunden. Diese Mobilität ist die Basis für ein vielseitiges und kombinatorisch wirksames Denken, und zwar sowohl als Auslegungsgeschichte wie als eine kommentierende Schriftkultur. Auch das findet in der Gegenwartskunst seinen Niederschlag gefunden, etwa im Werk von Dani Karavan. Ein besonderes Mahnmal ist Karavans Skulptur «Passagen. Hommage an Walter Benjamin» in Portbou in Spanien. Walter Benjamin nahm sich dort am 27. September 1940 auf der Flucht vor den Nationalsozialisten das Leben. Karavans in den Abhang zum Meer geschnittene steile Treppe aus rostigen Stahlplatten ehrt alle Verfolgten, denen die Flucht gelang und jene, die daran scheiterten. Die zunehmende Globalisierung steht im Kontrast zu kulturellen und territorialen Auseinandersetzungen. Israel ist einer der Kulminationspunkte dieser Konflikte. Diese Prozesse werden von Künstlern wie Larry Abramson und Yael Bartana kritisch begleitet und hinterfragt, und im Dialog der unterschiedlichen Kulturen entwickelt sich ein diskursives Terrain. In Israel schlägt sich aber auch die durch Konflikte und Gewalt geprägte Lebenswirklichkeit in der Kunst nieder.
«Indem jüdische Künstler sich dem Bild widmen ist ihr Angebt zum Dialog mit einem Schritt auf den anderen zu gegeben», schreibt Martin Roman Deppner in dem Katalog, der dank seiner Essays eher ein Begleitband zur Ausstellung ist. «Es gilt, die Chance zu nutzen, den Dialog so zu führen, dass er die Spur des Anderen aufzunehmen vermag.»
«Die verborgene Spur». Felix-Nussbaum- Haus / Kulturgeschichtliches Museum Osnabrück Lotter Straße 2, 49078 Osnabrück Öffnungszeiten: dienstags, mittwochs und freitags: 11 bis 18 Uhr, donnerstags: 11 bis 20 Uhr, samstags und sonntags: 10 bis 18 Uhr |