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Schira: Das Lied am Meer (Ex 15: 1.21)
«Die Ode des Triumphes», schrieb Samuel Rolles Driver, «ist eines der schönsten Werke hebräischer Poesie, ein Beispiel für dichterische Glut und poetischen Geist, für anschauliche Beschreibung, lebhafte Phantasie, schnelle Bewegung, wirkungsvolle Parallelismen und einer glänzenden, klangvollen Sprache.» Dieses Urteil bezieht sich natürlich auf das hebräische Original. Keine Übersetzung kann dessen besonderen Reiz wiedergeben, seine seltenen poetischen Formen, seine Alliterationen und Assonanzen. So benutzt das Gedicht zum Beispiel anstelle der gewöhnlichen Endungen «-am» und «-em» die Endungen «-amo» und «-emo», was einen zusätzlichen Effekt des Wohlklangs schafft. Der innere Rhythmus der Strophen ist ebenfalls nur schwer wiederzugeben: sie wechseln zwischen Zweiern, Dreiern und Vierern und enden in einem einzigen Vers (Vers 18), der als plötzlicher und ruhmreicher Höhepunkt erscheint, die, die letzten Akkorde einer großen poetischen Symphonie.
Der hebräische Text, wie ihn die Masoreten überliefert haben, stellt ein fortlaufendes Ganzes dar, auch wenn erkennbar ist, dass der Inhalt sich in drei Abschnitte untergliedern lässt: die Verse 2-5, 6-10, 11-18. Das Gedicht bewegt sich vom Lobpreis der göttlichen Rettungsmacht zu einer lebhaften Beschreibung der Wunders selbst und kehrt am Ende zu einem eher bedächtigen Teil zur Anbetung und Zukunftserwartung zurück. Wurde dieses Lied tatsächlich von Mosche verfasst, wie es Vers 1 vorgibt, oder stammt es aus einer späteren Zeit und wurde rückwirkend der altehrwürdigen Führungsgestalt zugeschrieben?
Viele Wissenschaftler vertreten die zuletzt genannte Position. Die Auffassungen ber das vermutliche Alter der Komposition sind jedoch unterschiedlich. Die Vorschläge reichen von der Zeit Salomons (10. Jh. v.d.Z.) bis zur nachexilischen Zeit (6. oder 5. Jh. v.d.Z.). Die wichtigsten Gründe für die Annahme, dass das Lied nach Mosche entstanden ist, sind folgende: Der Dichter scheint eher von Bedingungen der Sesshaftigkeit her zu sprechen als von der unmittelbaren Erfahrung einer Todesangst und einer Errettung. Er bedenkt die Reaktionen der Nachbarn und Feinde Israels vor einem kanaanäischen Hintergrund. Er verwendet den Ausdruck «heilige Wohnung» (Vers 13) als offensichtliche Anspielung auf Jerusalem, und schließlich verwendet er eine Anzahl von Wörtern, die sonst nirgendwo in der Tora belegt sind, dafür aber in den hinteren Propheten und in den Psalmen.
Diese Argumente sind zwar gewichtig, überzeugen aber nicht. Sprache und Charakter der Dichtung sprechen für ein hohes Alter des Liedes. Diese Annahme wird außerdem durch eine außerbiblische Quelle gestützt - was man nicht erwartet hätte. Doch man fand ein ugaritisches Lied, das manche Ähnlichkeit mit dem Lied am Meer aufweist und aus der Zeit Mosches stammt. Dies lässt vermuten, dass diese Art der Dichtung offenkundig alten Ursprungs ist. Es handelt sich um die Umgestaltung eines alten Themas: die Macht des Göttlichen, den Kräften der Tiefe zu befehlen – 0ein Thema, das auch in den ersten Versen des Buches Genesis zur Sprache gekommen war. Gottes Macht bewirkte die Erschaffung der Welt aus dem Chaos, und jetzt manifestiert sie sich erneut in vergleichbarer Weise, um das Volk zu gebären, das er gebildet hatte. Mosches Lied ist darum höchstwahrscheinlich im Kern sein eigenes, das mit Nachdruck von seiner eigenen Zeit erzählt vor dem Hintergrund des überwältigenden Wunders der Rettung, die er und sein Volk erfahren haben. Aus: Die Tora in jüdischer Auslegung, hrsg. Von W. Gunther Plaut (Gütersloher Verlagshaus 2000). |